1. FC Nürnberg Konzept statt Kabinenkraft!

Das Team wurde gezielt verstärkt, das Spielsystem erfolgreich umgestellt - der 1. FC Nürnberg hofft auf den Aufschwung. Jetzt muss der Club endlich ein eigenes Konzept entwickeln. Denn bislang durfte jeder Trainer seine Ideen umsetzen. Das Ergebnis: Die Macht liegt in der Mannschaftskabine.

Jubelnde Nürnberger (nach Tor in Hannover): Routiniers nicht in früherer Form
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Jubelnde Nürnberger (nach Tor in Hannover): Routiniers nicht in früherer Form


Der 1. FC Nürnberg hat an diesem Spieltag richtig guten Fußball gespielt. Er hat das Tempo hochgehalten, wenig Fehler gemacht, immer wieder für Alarm im gegnerischen Strafraum gesorgt. Und er hat ein schönes Tor erzielt. Zusammengenommen reicht das in der Bundesliga normalerweise gegen 14, 15 von 18 Mannschaften zu einem Sieg.

Gegen drei, vier andere Mannschaften kann es allerdings auch mal anders ausgehen: gegen Leverkusen, Bayern, vielleicht auch gegen Schalke - Mannschaften eben, deren Qualität so hoch ist, dass gegen sie gleich ziemlich viele Kräuter wachsen müssen. Nürnberg hat am Samstagabend durch ein Tor in letzter Minute gegen das vierte Team verloren, gegen Stuttgart. Also gegen die Mannschaft, die seit dem Trainerwechsel all das zeigt, was zuvor wundersamerweise verschüttet war. Ein Champions-League-Teilnehmer spielt auf entsprechendem Niveau. In Schwaben ist die Welt in Ordnung.

Im Fränkischen ist die Lage etwas komplizierter. Als Dieter Hecking die Mannschaft übernahm, hatte der Club 32 Gegentore kassiert. Deswegen hat er quasi als erste Amtshandlung von einer Raute auf eine Doppel-Sechs umgestellt. Defensiv steht man seither besser - auch weil sich die Entscheidung auszahlt, die Mannschaft in der Winterpause nicht nach dem Gießkannenprinzip zu ergänzen, sondern ausschließlich das defensive Zentrum zu stärken. Breno hat seither in der Innenverteidigung seinen Stammplatz sicher, Andreas Ottl, der zweite Bayern-Zugang und Mickael Tavares, der vom HSV kam, bilden die Doppel-Sechs.

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Typisch Hecking, unkte mancher und erinnerte daran, dass in Hannover einst die Fans gegen den vermeintlichen Maurermeister aufbegehrten, weil er statt mit einem 4-4-2-System 4-2-3-1 spielen ließ. Als Hecking beim 3:1-Sieg in Hannover seine Nürnberger mit ebendieser Formation auflaufen ließ, wurde er ob seines Mutes gelobt - "in Hannover hat mich der Boulevard noch wegen des einen Stürmers kritisiert, als ich längst mit zweien gespielt habe", wundert sich der Gescholtene. Die ersten vier Spiele unter seiner Ägide hat der Club jedenfalls wirklich ziemlich selbstbewusst bestritten. Wie sein Vorgänger Michael Oenning ist auch er kein Freund großer Sprüche. Hecking wäre auch zufrieden, wenn man erst am 34. Spieltag zwei oder gar drei Mannschaften hinter sich gelassen hätte.

Das jeweils nächste Konzept war fortan Maß der Dinge

Es scheint also, als sei der FCN auf einem guten Weg. Man würde ihm allerdings lieber eine solch positive Prognose ausstellen, wenn man den Eindruck hätte, dass es irgendwo einen Kompass gäbe, nach dem die Verantwortlichen handeln. In den letzten Jahren durfte jeder Trainer umsetzen, was er für richtig hielt. Wenn das nicht mehr opportun war, musste er gehen. Das jeweils nächste Konzept war fortan Maß der Dinge und wurde vom Manager so lange offensiv vertreten, bis er den nächsten Trainer feuern musste.

Das Machtzentrum beim Club lag - wie bei so vielen Vereinen - offenbar letztlich in der Mannschaftskabine. Zumal der FCN etwas hat, was sich eigentlich jeder Trainer wünscht. Nämlich ein Gerüst aus erfahrenen Spielern, die sich mit Verein und Umfeld identifizieren. Marek Mintal, Torschützenkönig von 2005, Andreas Wolf, Javier Pinola oder Raphael Schäfer haben schon viel für den Verein geleistet und ziehen daraus ihre teaminterne Autorität. Dass Oenning kurz vor Weihnachten gehen musste, lag deshalb auch entscheidend daran, dass erfahrene Spieler den Daumen gesenkt hatten. Zu sehr habe der junge Trainer auf Nachwuchskräfte gesetzt, ihnen blind vertraut, Undiszipliniertheiten zu schnell verziehen.

Nicht alle diese Vorwürfe müssen falsch gewesen sein. Kleingeistig war das ein oder andere Gepetze aber schon. Dass Sturmtalent Maxim Choupo-Moting nach der Niederlage gegen den HSV artig sagte, das Wiedersehen mit den alten Mannschaftskameraden habe ihm Spaß gemacht, wurde als Beweis für dessen fehlende Einstellung herangezogen. Wer weiß, wie wenige Minuten nach Abpfiff aus routinierten Fragen und gelangweilten Antworten Bedeutendes herausdestilliert wird, kann das nur lächerlich finden.

Arg originelles Stellungsspiel

Zumal den Youngstern nicht entgangen war, dass gerade die besagten Routiniers doch arg ihrer Form aus vergangenen Tagen hinterherhinkten: Marek Mintal ist derzeit zwar klar im Aufwind, das Lob relativiert sich aber gehörig, wenn man miterlebt hat, wie er die letzten Monate agiert hat. Raphael Schäfer ist immer noch ein grundsolider Bundesligakeeper, kostet aber immer wieder Punkte durch ein arg originelles Stellungsspiel. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen.

Hecking scheint das Problem erkannt zu haben. Er hat sich vorgenommen, die jungen Spieler zu fördern, ohne die erfahrenen vor den Kopf zu stoßen. Er will aber auch den Platzhirschen vermitteln, dass das Leistungsprinzip nicht mit der Dauer der Vereinszugehörigkeit verrechnet wird. Hecking spricht derzeit oft von der Aufgabe, die "Balance" im Team herzustellen. Schön wäre es, wenn die im ganzen Verein einkehren würde. Der Club, der in Franken bedingungsloser geliebt wird als der Papst im Vatikan, hätte es verdient, endlich einmal zur Ruhe zu kommen.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
esa, 07.02.2010
1. Unser Club
wird niemals untergehen.
free1789 08.02.2010
2. Fans
Zitat von sysopDas Team wurde gezielt verstärkt, das Spielsystem erfolgreich umgestellt - der 1. FC Nürnberg hofft auf den Aufschwung. Jetzt muss der Club endlich ein eigenes Konzept entwickeln. Denn bislang durfte jeder Trainer seine Ideen umsetzen. Das Ergebnis: Die Macht liegt in der Mannschaftskabine. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,676387,00.html
Daß hier niemand über den Club diskutieren will, ist doch allein schon bezeichnend. Die Fans haben sich mit einem erneuten Abstieg wohl schon abgefunden.
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