Fußballprofi Kevin Phillips Einst Goldener Schuh, heute Rollator

40 Jahre und kein bisschen müde: Der englische Stürmer Kevin Phillips war einst Europas bester Torjäger, heute kickt er in der zweiten Liga. Das Magazin "11FREUNDE" über einen Fußball-Opa, der noch ein großes Ziel hat.

Leicester-Profi Phillips: Schnell, aber keine Rakete
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Leicester-Profi Phillips: Schnell, aber keine Rakete


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Jeder Fußballer, an den man sich später erinnern soll, braucht etwas Besonderes, eine außergewöhnliche Fähigkeit, die die Leute mit ihm verbinden und die ihn schließlich in die Fußballgeschichte eingehen lässt. Manfred Kaltz hatte seine Bananenflanken, Horst Hrubesch den dazugehörigen Schädel, und Lionel Messi dribbelt, als hätte er seine Seele dem Teufel verkauft.

Kevin Phillips hat nichts von alledem, er wirkt auf dem Platz erst einmal ziemlich unscheinbar. Dennoch steigert sich die Aufmerksamkeit des Publikums, wenn er den Rasen betritt, eine kollektive Erwartungshaltung stellt sich ein, die in einem knappen Satz zusammengefasst werden kann: Gleich fällt ein Tor.

Anfang Februar schaffte es der veteran striker, wie ihn die Engländer gerne nennen, mal wieder in die Schlagzeilen. In einem Spiel der zweiten englischen Liga erzielte er den 1:0-Siegtreffer für seinen neuen Club Leicester City beim Auswärtsspiel in Bournemouth. Anschließend zeigte er einen selbstironischen Torjubel, der in der Folge zum YouTube-Hit wurde: Die Pantomime eines Mannes am Rollator. Als würde er den biologischen Grenzen des Profifußballs ein Schnippchen schlagen und den Leuten zurufen: "Seht her, ich bin steinalt! Aber ich treffe noch immer!" Er war zu diesem Zeitpunkt 40 Jahre, sechs Monate und sieben Tage alt.

Phillips trifft mit jedem Körperteil

Kevin Phillips spielt seit zwei Jahrzehnten Profifußball und stand bei neun Vereinen unter Vertrag - ein moderner Legionär, den es selten länger als zwei oder drei Jahre an einem Ort hielt. So einem begegnen die Fans normalerweise eher kühl, doch in seinem Fall ist das anders. Phillips schreibt einen Blog für "Sky Sports", und als im Winter das sogenannte Transferfenster offenstand, da war es interessant, die zahlreichen Kommentare unter diesem Blog zu lesen: "Komm zu uns, Kev! Hilf uns! Rette uns!" Darunter waren Anhänger so ziemlich aller seiner Ex-Clubs, dazu noch viele andere, die einen brauchbaren Stürmer in ihren Reihen vermissten.

Was aber ist das Geheimnis des Mannes? Er ist weit davon entfernt, ein Kopfballungeheuer zu sein, dem steht schon seine unauffällige Körpergröße von 1,70 Metern im Wege (Kopfballtore macht er allerdings trotzdem). Er ist schnell, aber keine Rakete. Technisch versiert, doch beileibe kein Maradona. Ein Teamplayer, nur keiner, der sich 90 Minuten lang für die Mannschaft aufopfert. Letztlich läuft es auf eine Sache hinaus: Er trifft. Und trifft. Und trifft. Man muss das schon mindestens dreimal hintereinander aufschreiben, damit es eine angemessene Wirkung entfaltet. Denn der alte Spruch gilt noch immer: "Wer trifft, hat recht." Und wird geliebt.

Wer sich einen Zusammenschnitt seiner Tore ansieht, wird feststellen, dass er so etwas wie die eine Spezialität nicht hat. Phillips schießt seine Tore aus allen Lagen und mit jedem Körperteil. Vielleicht ist das sein Geheimnis: Phillips weiß, wo das Tor steht - und er kennt den kürzesten Weg dorthin.

Dieses Wissen hat über die Jahre zu einer beeindruckend gleichmäßigen Torquote geführt. Seine beste Zeit hatte er freilich um die Jahrtausendwende in Sunderland, als er mit Niall Quinn eines der gefürchtetsten Sturmduos der jüngeren englischen Fußballgeschichte bildete. 30-mal traf Phillips allein in der Premier-League- Saison 1999/2000 und gewann damit den Goldenen Schuh als bester Torjäger Europas. Aus dieser Zeit datieren auch seine acht Länderspiele für England, in denen er seltsamerweise ohne Torerfolg blieb. Für die ganz große Karriere war sein Spiel letztlich zu unprätentiös, die Vereine zu spröde. So also wurde er zum notorischen Serientorschützen im englischen Clubfußball.

Mittlerweile kommt Phillips oft von der Bank, doch im entscheidenden Moment ist er da. Am Saisonende will er mit Leicester in die Premier League aufsteigen, die Chancen stehen hervorragend, das Team ist klar Tabellenführer. Es wäre das fünfte Aufstieg, nachdem ihm das zuvor schon mit Sunderland, West Bromwich, Birmingham City und Crystal Palace gelungen ist. Und es wäre der krönende Abschluss im definitiv letzten Jahr seiner Karriere. Obwohl, neulich schrieb Phillips in seinem Blog: "Ob ich vielleicht doch weitermache? Man soll nie nie sagen." Am 25. Juli wird er 41.



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