1860 München: Im Schatten des Investors

Von Sebastian Winter, München

Anfang Juni hat Hasan Ismaik Fußball-Zweitligist 1860 München vor der Pleite bewahrt. Der Investor aus Abu Dhabi hält dafür 49 Prozent der Clubanteile. Nun will er offenbar mehr Macht - und stößt damit auf doppelten Widerstand. Denn das wollen weder die Löwen noch die DFL zulassen.

1860-Investor Ismaik: Bald auch Aufsichtsrats-Vorsitzender? Zur Großansicht
DPA

1860-Investor Ismaik: Bald auch Aufsichtsrats-Vorsitzender?

Der Weg zum Trainingsgelände von 1860 München im Stadtteil Giesing führt Besucher meist über den Mittleren Ring, vorbei an einem zerbröselnden Monstrum aus Stein und Stahl. Rost blättert von den Pfeilern des Stadions an der Grünwalder Straße, die Kneipe "Zum 60'er" hat geschlossen. 1966 wurden die Löwen in dieser Spielstätte Deutscher Meister. Die "Blauen" waren damals der Stolz der Stadt. Bayern München? Wurde als Bundesliga-Aufsteiger belächelt. Das Stadion ist der wohl beste Zeuge für die glorreiche 1860-Zeit - und dessen Zustand ein Spiegelbild für die aktuell herrschende Tristesse des Clubs.

Mittlerweile zahlt der Zweitligist Miete für die Nutzung der Arena des FC Bayern, im Grünwalder Stadion spielt nur noch der Nachwuchs. Die Meisterschale hat der Verein in seiner Geschäftsstelle kaum sichtbar unter einer Treppe versteckt. Von Bundesliga-Aufstieg redet derzeit niemand mehr. Nicht nur wegen des schwachen 1:3 in Braunschweig zum Zweitliga-Auftakt.

Mehrmals drohte den Löwen in diesem Jahr die Insolvenz. Weil viele Millionen Euro im Etat fehlten und die Spielergehälter nicht mehr gezahlt werden konnten. Es war eine Abwärtsspirale, die 2004 nach der Ära des allmächtigen Präsidenten Karl-Heinz Wildmoser mit dem Abstieg in die Zweite Liga begann und eine Vielzahl an teils untauglichen Trainern, Präsidenten, Managern und Sportdirektoren verschliss. Die Transferpolitik stimmte nicht, Talente wie Lars und Sven Bender wurden aus Geldnot früh nach Leverkusen und Dortmund verkauft. Mittlerweile sind sie Nationalspieler. Die Arena-Miete lastet auf dem verschuldeten Club.

Ismaik übernahm für 18 Millionen Euro 49 Prozent der Anteile

Doch anders als erwartet schaffte es der neue Präsident Dieter Schneider, die Auflagen der Deutschen Fußball Liga (DFL) zu erfüllen. Ein Geschäftsmann aus Abu Dhabi rettete 1860 München vor dem Konkurs, doch der Club zahlte einen hohen Preis: Hasan Ismaik übernahm für 18 Millionen Euro 49 Prozent der stimmberechtigten Anteile der Kommanditgesellschaft auf Aktien, die die Geschäfte der 1860-Profifußballer leitet.

Eine Mehrheitsübernahme verbietet Kapitalanlegern die so genannte 50+1-Regel. Die DFL will damit Wettbewerbsverzerrung und Zustände wie in England verhindern, wo es eine solche Regel nicht gibt und sich neben den drei Großen Manchester United, FC Chelsea und FC Liverpool auch viele kleinere Clubs in den Händen reicher Investoren befinden, die die Vereine wie Wirtschaftsunternehmen führen.

Investor will seine Macht bei 1860 offenbar vergrößern

Das Beispiel 1860 München ist im Vergleich dazu ein zartes Kapitalismus-Pflänzchen, aber auch ein Fall mit Präzedenzcharakter: In einem solchen Umfang hat noch nie ein ausländischer Geldgeber einen deutschen Fußballclub unterstützt. Andererseits kann die DFL 1860 München als Vorzeigemodell für die gelungene Anwendung der 50+1-Regel präsentieren, die auch harsche Gegner wie Hannovers Präsidenten Martin Kind hat: "Da hat sich gezeigt, dass ein Investor aus Nahost bereit war, Geld zu investieren, ohne die Mehrheit zu übernehmen", sagte Ligapräsident Reinhard Rauball.

Ob das tatsächlich stimmt, wird sich zeigen. Denn die kleine Euphoriewelle, die der Rettung folgte, ist schnell abgeebbt. Die "Süddeutsche Zeitung" berichtete, dass Ismaik, dessen Ziel mit 1860 die erste Liga und das internationale Geschäft sind, seine Macht im Club offenbar vergrößern wolle und Präsident Schneider daher vor dem Rücktritt stehe. Auch wenn Letzteres schnell dementiert wurde, gibt es genügend Anzeichen für eine vermehrte, subtilere Einflussnahme Ismaiks - obwohl die Geschäftsleitung sich eigentlich strikt aus der Vereins-Politik heraushalten soll.

Eine Agentur des Geschäftsmannes Hamada Iraki, der als Ismaiks Statthalter in München gilt, hat die Vermarktung der Löwen übernommen. Freikarten für Schüler sollen nach den Wünschen von Ismaik verteilt und leere Sitzplätze im Oberrang der Arena mit Vereinsbannern abgedeckt werden.

Brisant dürfte außerdem die planmäßige Reduzierung des Aufsichtsrates an diesem Freitag von neun auf sechs Mitglieder werden. Ismaik und Iraki wollen Mitsprache, Schneider auch. Beide Seiten werden jeweils drei Sitze in dem Gremium haben, allerdings könnte Ismaik die Rolle des Vorsitzenden zufallen. Seine Stimme würde dann doppelt zählen und bei Stimmengleichheit entscheidend sein. Iraki gab sich zu all diesen Vorgängen gegenüber SPIEGEL ONLINE schmallippig: "Bitte haben Sie Verständnis, dass wir uns im Moment dazu nicht äußern möchten."

Die DFL schaut mit Argusaugen auf das Münchner Modell. Auch weil ein vom Verband und der Liga eingesetztes Schiedsgericht sich zurzeit mit der 50+1-Regel befasst. Sollte sie gekippt werden, würde Investoren das Tor zur Bundesliga endgültig offenstehen. Ismaik müsste sich dann nicht im Untergrund vorarbeiten, sondern könnte mit zusätzlichen Anteilen vom Retter zum Alleinherrscher bei 1860 München aufsteigen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Was soll schon passieren...
iron mace 20.07.2011
Was kann ein Investor schon schlechter machen als die Vereinsführungen bei Clubs wie 1860, Nürnberg, Schalke, Dresden, Stuttgart Kaiserslautern, Herta Berlin, usw usf? Die Masse der Clubs ist doch schlecht geführt, Wirtschaftlich wie Sportlich. Aber der DFB war ja noch nie ein moderner aufgeschlossener Verband, das war schon vor vielen Jahren so, als überall Profis spielten, ausser bei DFB. Nun ist man wieder hinten dran, aber solange das Durchschnittsalter deutscher Funktionäre bei 70+ liegt wird sich auch nichts ändern.
2. Das Problem
Bee1976 20.07.2011
ist nicht der Investor an sich oder das der schlechte arbeit leisten könnte. Das Problem an Inestoren jedoch ist, das es Ihnen nur um eines geht: Rendite. Es besteht einfach die Gefahr, das Investoren wie Heuschrecken über die Vereine der Buli herfallen, die clubs völlig ausbluten und am ende verbrannte Erde hinterlassen. Das kann gut gehen wie bei Chelsea wo der Eigner Augenscheinlich den Club wirklich als Spielzeug sieht und Geld noch und nöcher reinpumpt, oder es kann enden wie bei Manunited wo der Besitzer die Kosten fuer den Erwerb des clubs gleichmal den Club wieder aufgebürdet hat.
3. @ iron mace
MaxMorlock77 21.07.2011
Zitat von iron maceWas kann ein Investor schon schlechter machen als die Vereinsführungen bei Clubs wie 1860, Nürnberg, Schalke, Dresden, Stuttgart Kaiserslautern, Herta Berlin, usw usf? Die Masse der Clubs ist doch schlecht geführt, Wirtschaftlich wie Sportlich. Aber der DFB war ja noch nie ein moderner aufgeschlossener Verband, das war schon vor vielen Jahren so, als überall Profis spielten, ausser bei DFB. Nun ist man wieder hinten dran, aber solange das Durchschnittsalter deutscher Funktionäre bei 70+ liegt wird sich auch nichts ändern.
Nur mal rein interessehalber: was "qualifiziert" die aktuelle Vereinsführung aus Nürnberg dazu im gleichen Atemzug wie die von 1860München genannt zu werden? Dachte ich hätte von den dortigen Verhältnissen als Vereinsmitglied und Dauerkartenbesitzer etwas Einblick, aber offensichtlich weiß Mr. iron mace da deutlich mehr!?!?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fußball-News
RSS
alles zum Thema 1860 München
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 3 Kommentare
Themenseiten Fußball
Tabellen