1860 München vor Aufstieg Nur raus aus der Provinz

Der TSV 1860 München sehnt sich nach dem Aufstieg in die dritte Liga. Das entscheidende Spiel gegen Saarbrücken könnte richtungsweisend für die Zukunft des abgestürzten Traditionsklubs sein.

Fans des TSV 1860 München in Pipinsried
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Fans des TSV 1860 München in Pipinsried

Von Florian Kinast, München


Am Freitag waren die Preise vierstellig, auf Ebay lag das Gebot für eine Karte für Sonntag in der Fankurve bei 1500 Euro. Beträge, wie sie auf dem Münchner Schwarzmarkt in der Champions League üblich sind. Allerdings spielt am Sonntag nicht Bayern gegen Real in der Allianz Arena. Sondern der TSV 1860 München gegen Saarbrücken, im Städtischen Stadion an der Grünwalder Straße. Und es geht auch nicht um den Einzug ins Endspiel der Königsklasse, sondern um den Aufstieg in die dritte Liga - doch für den TSV 1860 ist die Bedeutung in etwa die gleiche. Es steht viel auf dem Spiel, der Ausgang des Duells ist richtungsweisend für die Zukunft des Traditionsvereins aus München.

Dabei hatte der Zwangsabstieg vor einem Jahr in die Regionalliga Bayern für die Sechzger etwas Heilsames. Es kehrte tatsächlich Ruhe ein in den seit Jahrzehnten chronisch in sich zerstrittenen Verein mit dem Hang zur Selbstzerstörung, bei dem man oft dachte, noch grotesker könne es nicht mehr werden. Wurde es dann aber immer doch.

Sascha Mölders (l.)
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Sascha Mölders (l.)

Nun bestritten die Löwen erstmals seit sechs Jahren eine komplette Saison mit nur einem einzigen Trainer, wobei es freilich keinen Grund für Zweifel an Daniel Bierofkas Fähigkeiten als Coach gab. Einzig die zwei Niederlagen im Derby gegen den FC Bayern II schmerzten, ansonsten führte der Ex-Nationalspieler 1860 souverän zur Meisterschaft - mit einem jungen und begeisterungsfähigen Team und mit einem Sascha Mölders, dem früheren Bundesligaprofi vom FC Augsburg, dessen wuchtige Dynamik ein ums andere Mal verwunderte. Bei 33 Jahren und solch einem Bauch. Am Donnerstag im Hinspiel traf Mölders zwei Mal.

Auch für die Fans war es eine unterhaltsame Saison, nach 13 Jahren des freudlosen Zweitliga-Herumdümpelns in der verhassten Bayern-Arena in Fröttmaning kehrte man ins heimische Stadion nach Giesing zurück, auswärts tingelte man über die Dörfer, die Meisterschaft sicherte sich der Deutsche Meister von 1966 in einem 556-Seelendorf namens Pipinsried. Die mitgereisten Löwen-Fans verfolgten das Spiel von einem Erdhügel neben dem Sportplatz. Nun ist aber auch wieder genug mit nostalgischem Provinzkick, ein Jahr reicht. Die Löwen zieht es nach oben.

Es warten Kaiserslautern und der KSC

Denn bei einem Aufstieg wartet die attraktivste dritte Liga ihrer bisherigen Geschichte - mit den Zweitliga-Absteigern Kaiserslautern und Braunschweig und dem am Aufstieg gescheiterten Karlsruher SC. Mit, je nach Verlauf der weiteren Aufstiegsspiele, neun oder zehn früheren Erstligaklubs, mit einem Derby gegen Unterhaching und nach dem Abstieg von Werder Bremen II erstmals seit der Einführung 2008 ohne eine einzige zweite Mannschaft eines Profiklubs. So namhaft las sich das Teilnehmerfeld der Drittklassigkeit noch nie.

Trainer Daniel Bierofka
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Trainer Daniel Bierofka

Doch dürfen die Löwen überhaupt aufsteigen? Und was macht eigentlich Hasan Ismaik? Auch der nach sieben Jahren bei 1860 immer noch rätselhaft anmutende Investor, der 2017 nach dem sportlichen Zweitliga-Abstieg noch das Geld für die Drittliga-Lizenz verweigerte, agierte in dieser Spielzeit erstaunlich unauffällig und besonnen. Im Januar verblüffte er mit der Berufung von Ex-Präsident Peter Cassalette und dem Man-Betriebsratschef Saki Stimoniaris in Aufsichtsrat und Beirat. Zwei Münchner, zwei Löwen-Experten, die den Klub und seine Befindlichkeiten gut kennen. Ein schlauer Schachzug von Ismaik als weiteres Signal der Deeskalationsstrategie, nicht wie früher eigene Verwandte oder andere Vertraute als illustre Statthalter in den Gremien zu installieren.

Harmonie mit Ismaik

Und auch die Finanzierung scheint gesichert. Bei einem Geheimtreffen in einem Münchner Nobelhotel Anfang Mai sicherte Ismaik Bierofka freie Hand bei der Kaderplanung für die kommende Saison unabhängig von der Liga zu. Auf Facebook schrieb der Jordanier nach dem Treffen über den Löwen-Trainer: "Der Aufstieg in die dritte Liga wäre das Sahnehäubchen seiner selbstlosen Arbeit für die Löwen." Blumige Worte mit Hang zur Rührseligkeit. Eine nie da gewesene Harmonie im einstigen Tollhaus des deutschen Fußballs.

Ein Aufstieg würde für eine neue Aufbruchstimmung sorgen, auch die anfangs unklare Stadionfrage ist geklärt, die Löwen würden auch in der dritten Liga alle Heimspiele im Grünwalder Stadion bestreiten, die Kapazität wird von 12.000 auf 15.000 erhöht.

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Ein Scheitern aber gegen Saarbrücken mit einem weiteren Jahr Provinzkick in der Regionalliga wäre ein Fiasko - auch deswegen, weil es wieder unruhig werden könnte und sich einige vielleicht wieder an das Votum der Mitgliederversammlung vor knapp einem Jahr erinnern, den Vertrag mit Ismaik bis Ende 2017 (!) zu kündigen. Eine Entscheidung, die das Präsidium unter Robert Reisinger bewusst und bislang erfolgreich unter den Teppich kehrte. Nur den Investor nicht vergrämen. Man braucht ihn ja noch.

Es geht um viel am Sonntag im Grünwalder Stadion. Auch um die Frage, ob die Löwen-Fans kommende Saison auf dem Betzenberg stehen. Oder doch wieder auf dem Erdhügel in Pipinsried.



insgesamt 5 Beiträge
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mark e. ting 27.05.2018
1. nur Geduld
die nächsten Schlammschlachten kommen bestimmt. egal in welcher Liga. 1860 ist halt ein von Leuten geführter Verein, die von nichts Ahnung haben. lediglich Bierofka sollte man tunlichst Ingo Ruhe seine Arbeit machen lassen. aber auch das ist wohl eher Wunschdenken wenn's wieder brennt. und 1500eur für eine Karte? Wer zahlt denn sowas? viele Anhänger scheinen genauso doof zu sein, wie die Vereinsführung... und ja ich will auch, dass 1860 wieder in den Profifussball zurück kehrt. einmal als Kind eine Entscheidung getroffen ändert man halt seinen Verein nicht, auch wenn man mitleidet, sich schämen muss und nur den Kopf schütteln kann... wäre schön wenn wieder mehr als nur ein tolles Logo und schöne Farben zur Identifikation da wären.
weem 27.05.2018
2. #1
Ihr Beitrag zeigt, dass Sie von den Gegebenheiten bei Sechzig so gut wie keine Ahnung haben. Da stürzt Sechzig von der 2. in die 4. Liga und steht - ziemlich genau vor 1 Jahr - ohne Mannschaft, ohne Präsidium, kurz ohne jegliche Perspektive da, und was passiert? Ein Präsident der nachweislich tief weiß-blau gefärbt ist, den Löwen verinnerlicht hat, tritt aus dem Chaos an und führt den Verein so unaufgeregt, so solide und seriös, dass Daniel Bierofka als Trainer gehalten werden konnte, dass junge hungrige Spieler überzeugt werden konnten, zu Sechzig zu stoßen, dass erfahrene Spieler (Mölders und Mauersberger) davon überzeugt wurden, mit Sechzig wieder nach oben kommen zu können. Dass alles fügte sich wie ein Zahnrad perfekt ineinander und deshalb stehen die Löwen heute zurecht kurz vor dem Wiederaufstieg in die Profiliga. Ich jedenfalls, bin begeistert von der Mannschaft und dem Präsidium!
colinchapman 27.05.2018
3. der nächste Akt des Dramas kommt bestimmt
Münchner Stolz und ein jordanischer Investor, das paßt nicht zusammen und wird es auch nie. 1860 hat es vor einem Jahr bei seinem Zwangsabstieg versäumt, Insolvenz anzumelden, das wäre der einzige Weg gewesen, Hasan Ismaik loszuwerden. Um nicht falsch verstanden zu werden: Hasan Ismaik ist kein Spinner, er hat in der Vergangenheit öfter unter den Kapriolen der Münchner leiden müssen als umgekehrt. Aber dass er den Löwen damals keine Lizenz für die dritte Liga gekauft hat, zeigt die Investorendenke: Wenn eine Investition keinen Profit abwirft und auch der Verkauf verlustbehaftet wäre, lasse ich sie ruhen, bis sie wieder Profit abwirft. Wenn die Löwen wieder erfolgreicher werden, wird sich auch wieder Hasan Ismaik melden und auf sein Mitspracherecht pochen. So ist das ultimative Grundproblem der Löwen bis heute verschleppt worden. Persönlich wünsche ich mir als Münchner mit Leib und Seele Erfolg für die Löwen bis hin zu einem Sieg im großen Derby gegen den FC Bayern. Aber dahin werden sie mit Hasan Ismaik nicht kommen.
sylkeheimlich 27.05.2018
4.
Zitat von weemIhr Beitrag zeigt, dass Sie von den Gegebenheiten bei Sechzig so gut wie keine Ahnung haben. Da stürzt Sechzig von der 2. in die 4. Liga und steht - ziemlich genau vor 1 Jahr - ohne Mannschaft, ohne Präsidium, kurz ohne jegliche Perspektive da, und was passiert? Ein Präsident der nachweislich tief weiß-blau gefärbt ist, den Löwen verinnerlicht hat, tritt aus dem Chaos an und führt den Verein so unaufgeregt, so solide und seriös, dass Daniel Bierofka als Trainer gehalten werden konnte, dass junge hungrige Spieler überzeugt werden konnten, zu Sechzig zu stoßen, dass erfahrene Spieler (Mölders und Mauersberger) davon überzeugt wurden, mit Sechzig wieder nach oben kommen zu können. Dass alles fügte sich wie ein Zahnrad perfekt ineinander und deshalb stehen die Löwen heute zurecht kurz vor dem Wiederaufstieg in die Profiliga. Ich jedenfalls, bin begeistert von der Mannschaft und dem Präsidium!
Unaufgeregt? Solide? Seriös? Sie lesen wohl nicht sehr oft Zeitung? Nach wie vor hat man das Ismaikproblem nicht gelöst, die Finanzen nicht in Ordnung gebracht und kein Stadion. Und mindestens einen dicken, alten Profi, der auf dem Platz rumstolpert. Man steht vor dem Nichts. Sie zu begeistern scheint nicht schwer zu sein. Wenn Ihr Verein in die 3. Liga aufsteigen sollte, wird ein Durchmarsch in Liga 2 nicht so einfach werden. Ich habe das Derby gegen unsere Kleinen Bayern gesehen und wenn die 'Löwen' so einen Rumpelfußball in der 3. Liga spielen, dann werden sie nicht nur eine Saison dort spielen. Ich drücke mal den Saarbrückern heute die Daumen. Dann hat der TSV etwas länger Zeit ein Stadion zu bauen und Sie finden sicher trotzdem wieder etwas ganz Positives, was Sie total begeistert.
tenskorpion 31.05.2018
5. AUS 1860´s JÜNGSTEN GESCHICHTE
Zwar läuft es auf das gleiche hinaus, doch man steigt in die 3. Liga viel, viel lieber auf als ab.
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