Babbel-Rauswurf: Ex und hopp in Hoffenheim

Von Christoph Ruf, Sinsheim

Mit Markus Babbel geht bei 1899 Hoffenheim wieder einmal ein Trainer vorzeitig. Der Ex-Profi scheiterte an einer desaströsen Bilanz, aber auch an einer falsch zusammengestellten Mannschaft. Verantwortlich dafür war der Coach nur teilweise.

REUTERS

Am Freitag, beim Auswärtsspiel in Hamburg, werden sich die wenigen mitreisenden Hoffenheimer Fans mal wieder an einen neuen Trainer auf der Bank gewöhnen müssen. Der bisherige Coach der U23, Frank Kramer, wird dort für Markus Babbel Platz nehmen, als Interimslösung. In der Winterpause dürfte dann der kommende Chefcoach präsentiert werden.

Markus Babbel ist im Kraichgau an vielem gescheitert, das auch jedem Nachfolger die Arbeit erschweren wird. Aber anderes kam dazu: Babbel fand nie die richtige Sprache, um zu erklären, was er mit dem Team vorhatte. Stattdessen flüchtete er sich in Floskeln und wirkte emotional kaum beteiligt. Das änderte sich nur, wenn er von der Stadt München oder dem FC Bayern reden durfte - sofort trat ein Leuchten in seine Augen.

Im merkwürdigen Kontrast zu seiner blutleeren Rhetorik standen hingegen die großen Ankündigungen noch größerer Taten. Man müsse von den Bayern lernen und "mit breiter Brust" auftreten. Als Babbel in der vergangenen Saison übernahm, rangierte Hoffenheim mit 24 Punkten auf Platz 8 der Tabelle, am Ende stand Platz 11. Babbel hatte in 14 Spielen nur 17 Zähler geholt.

Doch dem Sendungsbewusstsein Babbels tat das keinen Abbruch. Der Mann, der es geschafft hatte, selbst bei seinem Aus in Berlin gut dazustehen, kündigte im Sommer an, man visiere die Europa League an. Es folgte der erste Spieltag im DFB-Pokal und ein schallendes 0:4 beim Regionalligisten Berliner AK.

Neue Team-Hierarchie ein Flop

Auch in die Liga startete man miserabel. Gegen Gladbach, Frankfurt und Freiburg setzte es Niederlagen. Besser wurde es kaum einmal, in der ganzen Saison gab es keinen einzigen souveränen Auftritt über 90 Minuten. Am Sonntag, beim 1:4 gegen Werder, dann der Offenbarungseid: "Fast leblos" (Manager Müller) spielte die Mannschaft, die sich bei den vier Bremer Treffern anstellte, als habe man eine Ansammlung Tischtennisspieler zum Praktikum auf den Bolzplatz geschickt.

Noch im Sommer implantierte Babbel eine neue Team-Hierarchie und machte mit Torwart Tim Wiese einen Neuzugang zum Spielführer. Der ehemalige Bremer sollte zusammen mit Eren Derdiyok, Matthieu Delpierre und Tobias Weis das Team führen. Nur blöd, dass gleich alle vier vermeintlichen Leistungsträger nicht einmal ihre eigene Form in den Griff bekamen.

Seit Ralf Rangnick im Januar 2011 entnervt das Handtuch warf, scheint das Team regelrecht untrainierbar zu sein. Allerdings ist es unter Babbel noch eine Spur lebloser geworden. Zufall? In gut geführten Vereinen werden Transfers auch nach Faktoren wie Teamfähigkeit und sozialer Kompetenz getätigt. Nicht so in Hoffenheim, wo Milliardär Dietmar Hopp jüngst eine Fanversammlung einberief, um der Basis zu erklären, wie segensreich seine "Freundschaft" zu Spielerberater Roger Wittmann sei.

"Kein Kommentar"

Torwart Tom Starke, bis zur Demission im Sommer Leistungsträger, Führungsspieler und Publikumsliebling in einem, hat im Interview mit der "Rhein Neckar Zeitung" erläutert, dass Wiese auf Druck von oben installiert wurde. "Es war letztlich die Entscheidung von zwei Personen, nicht vom Trainer." Als Journalisten Babbel daraufhin fragten, ob es zutreffe, dass vor allem Wieses Berater die Personalie beförderte, verweigerte Babbel die Antwort: "Kein Kommentar."

In Hoffenheim, schrieb die "RNZ" nun in ihrer Montagsausgabe, herrsche eine "delikate Gemengelage, der sich Babbel als hochdotierter Gehaltsempfänger beugte". Und weiter: "Sieben Spieler von einem Berater - damit wird mancher Fußballlehrer seine Probleme haben." Dem ist nichts hinzuzufügen. Nur noch, dass es ein Segen ist, wenn Regionalzeitungen allen Widerständen zum Trotz Hofberichterstattung verweigern.

In einigen Medien wird nun über eine Rückkehr von Hansi Flick spekuliert, der Hoffenheim bereits von 2000 bis 2005 trainierte. Damals sind einige Trainerkollegen extra in die badische Provinz gefahren, um sich anzuschauen, wie dort eine junge, hungrige Mannschaft technisch feinen Offensivfußball zelebrierte. Es ist kein Zufall, dass Flick im Trainerstab des DFB gelandet ist.

Es ist allerdings auch kein Zufall, dass Flick von Hopp entlassen wurde, weil dem die sportliche Entwicklung nicht schnell genug ging. Doch zu Flicks Zeiten hatte die TSG wenigstens noch eine sportliche Identität, mittlerweile steht sie für gar nichts mehr. Vielleicht sollte sich Dietmar Hopp einmal die Frage stellen, was zwischen 2005 und 2012 so alles schiefgelaufen ist bei seinem Verein. Er sollte sich dafür viel Zeit nehmen.

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insgesamt 25 Beiträge
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1.
kickber 03.12.2012
Hoffenheim oder Berlin - der Identitätskonflikt ist wohl gleich. "Der Mann, der es geschafft hat, selbst bei seinem Aus in Berlin gut dazustehen" - das sehen sicher viele Berliner anders, ganz anders.
2. ...
hans_uwe2@yahoo.de 03.12.2012
Zitat von sysopMit Markus Babbel geht bei 1899 Hoffenheim wieder einmal ein Trainer vorzeitig. Der Ex-Profi scheiterte an einer desaströsen Bilanz, aber auch an einer falsch zusammengestellten Mannschaft. Verantwortlich dafür war der Coach nur teilweise. 1899 Hoffenheim: Babbel mit desaströser Bilanz - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/1899-hoffenheim-babbel-mit-desastroeser-bilanz-a-870728.html)
Sie können doch nicht einfach so schreiben, dass die TSG Hoffenheim Fußball-Spielbetriebs GmbH Herrn Dietmar Hopp gehört. Das würde ja bedeuten, dass dieser Fussballclub die DFL 50+1 Regel mit Füßen tritt! Das können sie doch nun wirklich nicht so rausposaunen. MfG Hans-Uwe
3. Jetzt lasst dem Dietmar doch...
dr.joe.66 03.12.2012
... sein Hoppy - 'tschuldigung - Hobby. Immerhin ist es bei diesem Verein nur sein eigenes Geld. In Wolfsburg - dem ähnlich erfolgreichen Hobby von ein paar Herren im VW-Vorstand - ist das anders. VW gehört zu 20% dem Land Niedersachsen. D.h. von jedem sinnlos verpulverten Euro gehören 20 ct dem Staat, also den Bürgern. Da finde ich das Modell TSG Hoppenheim schon besser...
4. Agonie
jrk69 03.12.2012
Sie hatten keine Vergangenheit, die Hoffis, und jetzt haben sie nicht einmal mehr eine Zukunft. Es lässt sich eben kein im Reagenzglas gezüchteter Verein einfach so in der Bundesliga etablieren. In Sinsheim wird jeder Trainer scheitern, weil die Ansprüche der wirklich wichtigen (in dem Artikel ja genannten) Personen umso höher werden, je schlechter die Mannschaft spielt. Den Event-Fan langweilt eben das (in der letzten Saison gerade noch erreichte) Mittelmaß. Andere Zuschauer sind nicht da, die gehen (je nach Ausrichtung) noch immer lieber in den Wildpark oder eben nach Cannstatt. Und weil mehr als ein Mittelfeldplatz nicht zu erreichen ist mit dem Kader und Trainer, geht in Sinsheim eben ganz die Luft raus, aus Verein, Spieler, sportlicher Leitung und "Fans". Um sich auch als graue Maus gut zu fühlen, muss man seinen Verein lieben und das tut dort niemand. Wenn Fürth und/ oder Augsburg noch die Kurve kriegen, wird Hoffenheim schon nächstes Jahr 2. Liga spielen, vor 1.500 Zuschauern dann wieder im Dorf, ein paar Jahre lang, bis die Chefs ganz die Lust verlieren. In 8 Jahren verliert Hoffenheim wieder im Derby gegen Zuzenhausen. Wetten?
5. Schade..
rumsi 03.12.2012
aber wie in jeder Führungsetage gibt´s noch ein Paar Milliönchen Abfindung oben drauf.. und der neue Verein zahlt vielleicht noch besser. Die armen Fussballtrainer. In Unternehmen flliegen zig Tausende jedes jahr raus... noch nicht einmal wegen schlechter Leistung , beziehen Arbeitslosengeld und wenn´s ganz schlecht läuft verlieren diese Leute Ihre Existenz und landen bei Hartz 4. Herr Babbel wird´s hoffentlich verkraften und benötigt keinen Psychiater....
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