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1899 Hoffenheim: Ein Kunstclub zerbröselt

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Das Modell 1899 Hoffenheim war mal das spannendste, was es im deutschen Fußball gab. Mittlerweile ist der Verein aber nur noch langweiliger Durchschnitt. Daran wird auch die Trennung von Trainer Marco Pezzaiuoli nichts ändern.

Bundesliga-Club Hoffenheim: Gefangen im Mittelmaß Fotos
Getty Images

Ein Text über 1899 Hoffenheim muss beginnen wie ein Märchen. Mit dem Satz: Es war einmal. Es war einmal das spannendste Projekt im deutschen Fußball. Das ist nicht einmal drei Jahre her. Jetzt ist der Verein das Langweiligste geworden, was die Bundesliga derzeit zu bieten hat. Die Trennung vom glücklosen Trainer Marco Pezzaiuoli ist von daher fast unlogisch. Der Mann passte in seiner Farblosigkeit perfekt in diesen Verein. Das Modell Hoffenheim hat in seiner jetzigen Form keine Zukunft mehr.

Das Team steht derzeit auf Platz zehn der Tabelle - die einzige Mannschaft in der Liga, die keinerlei Ambitionen mehr hat. Hoffenheim hat bei einem Rückstand von acht Punkten auf Platz fünf keine internationalen Ansprüche mehr anzumelden. Nach unten sind es neun Punkte auf den Relegationsplatz 16, ein Vorsprung, der groß genug ist, um nicht mehr in den Abstiegskampf hineingezogen zu werden. Die verbliebenen fünf Saisonspiele wird die Mannschaft wohl so abspulen, wie sie in den vergangenen Wochen regelmäßig auftrat: lustlos.

Wie anders war das 2009. Der geschichtslose Dorfclub, der sich vorgenommen hatte, den Bundesliga-Fußball zu revolutionieren. Hoffenheim mit dem Geldgeber Dietmar Hopp, mit dem ehrgeizigen Trainer Ralf Rangnick, mit den besten Verbindungen zum Deutschen Fußball-Bund - ein Club polarisierte die Liga. Er spaltete die Fußballgemeinde: auf der einen Seite die vermeintlichen Traditionalisten, die Sozialromantiker des Fußballs, denen Hopp und dessen Geld zutiefst suspekt waren.

Konferenzraum statt Vereinsheim

Auf der anderen Seite standen diejenigen, für die Hopp vor allem ein Modernisierer war. Einer, der den deutschen Vereinsfußball ins 21. Jahrhundert befördert. Ein Club, der sich aus den Fesseln der Tradition und der Gefühlsduseligkeit befreit, der sich nicht um die Befindlichkeiten der Fanclubs kümmern muss, sondern einen Fußballverein nach den Richtlinien eines Unternehmens gestaltet. Für den der Konferenzraum wichtiger ist als das Vereinsheim.

Ein durchaus bestechendes Modell, das aber nur dann funktioniert, wenn der Erfolg da ist. Hoffenheim wirkte attraktiv, solange es beständig aufwärts ging. Aus der vierten Liga in die Bundesliga, und dort sofort zur Herbstmeisterschaft. Als sich dieser Trend umkehrte, als Hoffenheim sich im Mittelfeld der Bundesliga einzurichten begann und Hopp plötzlich vom Ausbildungsverein Hoffenheim zu reden pflegte, erlosch nicht nur der Ehrgeiz des Trainers Rangnick.

Plötzlich glänzt das Projekt Hoffenheim nicht mehr, es sieht nur noch grau und mittelmäßig aus. Und die Berater junger hochtalentierter Profis aus Afrika oder Stuttgart merken, dass es denn doch interessanter ist, zum Hamburger SV, zu Bayern München oder dem 1. FC Köln zu wechseln. Dort, wo Fußball gelebt wird und nicht nur verwaltet.

Im Kern ein künstliches Gebilde

Hopp hat Millionen in den Verein gesteckt. Er hat 1899 ein neues Stadion spendiert, er hat dem Club allerfeinste Trainingsstätten finanziert, er hat ein Ensemble zusammengekauft, das stark genug schien, mit den Besten mitzuhalten. Alle Voraussetzungen waren erfüllt: Dass es dennoch nicht geklappt hat, hat auch damit zu tun, dass Hoffenheim ein letztlich künstliches Gebilde geblieben ist. Ein Verein auf der grünen Wiese.

1899 ist eben kein "deutscher FC Chelsea", wie es Kritiker bemängelten. Bei dem Londoner Club hat zwar mit Roman Abramowitsch auch ein Investor - noch in ganz anderer Dimension als Hopp - das große Geld zur Verfügung gestellt. Dennoch ist Chelsea im Kern ein Club geblieben, der Vereinstradition hatte und hat, der trotz allem Tausende treue Fans besitzt, die mit ihm leiden und ihn anfeuern, komme was wolle. Chelsea ist kein Kunstclub. Hoffenheim schon.

Man täte Hopp Unrecht, wenn man 1899 Hoffenheim als sein Spielzeug bezeichnen würde. Der milliardenschwere Geldgeber hat nicht umsonst den Verein aus seiner Heimat ausgewählt, um ihn zum Lichte zu führen. Es war auch viel Sentiment dabei. Hopp ist nicht der rationale Investor, der kühl bis ins Herz als Heuschrecke des deutschen Fußballs agiert.

Genau dies ist sogar Teil des Problems. Hopp hat auf halber Strecke innegehalten, das ist sogar in höchstem Maße irrational. Mitten auf dem Weg hat er eine Kehrtwende vollzogen. Plötzlich will der Verein kein Spitzenteam mehr sein, plötzlich soll er reifen, nachdem er jahrelang gewuchert hat. Plötzlich ist es wichtiger, den Club auf eigene Füße zu stellen, statt ihn so lange mit üppigen Mitteln auszustatten, bis man in der Champions League angekommen ist. Wo dann so viel Geld fließt, dass sich der Geldgeber langsam zurückziehen kann.

Hoffenheim hat seitdem keinen Leitstern mehr. In Hopps Welt würde man wohl vom fehlenden USP, vom fehlenden Alleinstellungsmerkmal sprechen. Die Stars, die noch im Kader stehen, entwickeln Fliehkräfte. Gleichzeitig spendiert Hopp dem Verein in der Winterpause einen Hochkaräter wie den niederländischen Nationalspieler Ryan Babel vom FC Liverpool. Das passt alles nicht zusammen.

In der kommenden Saison soll Holger Stanislawski den Verein betreuen, so die Trainerspekulationen. Der Coach des FC St. Pauli, dem Hort der Fußballtraditionalisten, hätte dann das Sagen beim ehemaligen Verein der Anti-Tradition. Hoffenheim hat wirklich seine Orientierung verloren.

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insgesamt 56 Beiträge
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1. .
biobanane 13.04.2011
Ich war schon immer im Zweifel, ob das so einfach geht, wie sich das Herr Hopp vorgesetllt hat. Man wird es spätestens sehen, wenn Hoffenheim mal in en Abstiegskampf gerät, ob dann wirklich noch Fans bzw. hier wohl eher Zuschauer da sind. Hoffenheim war ja für Hopp nur die dritte Wahl nachdem Mannheim und Heidelberg kein Interesse bzw. kein Bauplatz für ein neues Stadion hatten. Zumindest ein Vorteil hat der Verein, es sind keine Fans da und damit auch keine rechtsradikalen Hools.
2. Rangnicks Ehrgeiz ist nicht erloschen
Cancun, 13.04.2011
Rangnicks Ehrgeiz ist nicht erloschen, und das dürfte nach menschlichem Ermessen die nächsten 20 Jahre auch noch nicht passieren. Er musste allerdings einsehen, dass er seine ehrgeizigen Ziele mit der TSG nach Hopps Kurswechsel nicht mehr umsetzen konnte. Dass er zu dem Zeitpunkt hingeschmissen hat, war nur konsequent.
3. ...
nebulah666 13.04.2011
Hoffenheim war mal das Spannendste was die Bundesliga zu bieten hatte? Das ich nicht lache! Man muss ja nur auf den Spielplan schauen, da kommt einen ja schon ein grosses Gähnen entgegen. Oder interessiert sich jemand ernsthaft für Paarungen wie Hoffenheim-Wolfsburg, Hoffenheim-Freiburg, Hoffenheim-Mainz? Dieser "Verein" sollte so schnell wie möglich wieder dahin, wo er hingehört: In die Kreisliga A.
4. Spannend?
cemi 13.04.2011
Zitat von sysopDas*Modell 1899 Hoffenheim war mal das spannendste, was es im deutschen Fußball gab. Mittlerweile ist der Verein aber nur noch langweiliges Mittelmaß. Daran wird auch die Trennung von Trainer Marco Pezzaiouli nichts ändern. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,756580,00.html
Wie bitte? Schreibt da ein Fußballinteressierter oder ein Couch Potatoe mit SKY-Abo? Das "Modell Hoffenheim" (genau wie das "Modell VW-Marketingabteilung") gehört zu dem Langweiligsten, was die deutsche Liga bislang heimgesucht hat: Man nehme Geld, viiiel Geld, und kaufe sich eine Mannschaft zusammen, die den Aufstieg in die 1. Liga schafft. Nebenbei kauft man Nachwuchstalente anderer Clubs und nennt das dann Jugendarbeit. Mehr war und is nich. Tolles Modell. Es ist sehr schön zu sehen, dass auch Herr Hopp jetzt mit ansehen muss, wie sein ganzes, schönes, vieles Geld in einem Fass ohne Boden versinkt. Aber keine Bange, Ersatz ist im Anmarsch: RB Leipzig, das "Modell Koffeinbrause" des Herrn Mateschitz kommt in 3-4 Jahren in der 1. BuLi an. Das wird für SpOn dann noch spannender, da noch mehr vieles vieles Geld fließt. Viel Spass dabei!
5. 1899 Hoffenheim
analyst2 13.04.2011
Der entscheidende Punkt war die Kehrtwende von Hopp. Hoffenheim ohne Ambitionen,als Ausbildungsverein und graue Maus,das geht nicht gut. Hopp wird sein Geld nicht wiedersehen und die sich durch erfrischenden guten Fussball mehrende Fangemeinde wird sich wieder abwenden. Das war ein Investment das ich nicht verstehe und das nur einen Verlierer hat,Dietmar Hopp.
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