Zehn Jahre Hoffenheim in der Bundesliga Manchmal top, immer Hopp

Vor zehn Jahren feierte 1899 Hoffenheim Bundesliga-Premiere. Dieser Aufsteiger war anders als andere, ein Neuling, aber schwerreich, angefeindet von der Konkurrenz. Ein ganz normaler Verein ist er bis heute nicht.

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Es gab eine Zeit, da konnte man sich nicht vorstellen, dass Chinedu Obasi mal in Vergessenheit geraten würde. Es ist genau zehn Jahre her, da feierten er und seine Teamkollegen als Spieler der TSG 1899 Hoffenheim Premiere in der Fußball-Bundesliga. Ein Auswärtsspiel bei Energie Cottbus am 16. August 2008 - das hört sich vielleicht nicht so an, aber es war eine Kulturrevolution.

Dieser Aufsteiger war kein normaler Fußballverein. Damals noch viel weniger als heute. Hoffenheim hatte im Jahr zuvor noch in der Drittklassigkeit gekickt und war dann durch die zweite Liga gerauscht. In der Winterpause des Zweitliga-Jahres hatte Geldgeber Dietmar Hopp 16 Millionen Euro locker gemacht, um vier hochkarätige Spieler zu verpflichten und, um den Aufstieg ganz sicher zu erreichen. Überhaupt hatte der Verein mehr Geld für Neuverpflichtungen ausgegeben als alle anderen Zweitligisten zusammen. Auf der Trainerbank saß Ralf Rangnick, auf der Tribüne sah der Milliardär Hopp zu, und in Sachen Ehrgeiz waren sie beide unübertroffen.

Die Bundesliga-Konkurrenz war im Jahr 2008 von diesem Neuling aus der baden-württembergischen Provinz überrumpelt. Während die Fans noch die Nase rümpften über den Retortenklub und sich damit brüsteten, nicht zu wissen, wo dieser Kraichgau eigentlich liegt, eilte die Mannschaft von Erfolg zu Erfolg. Obasi durchschnitt die gegnerischen Abwehrreihen wie das Messer die Butter, seine Sturmkollegen Demba Ba und Vedad Ibisevic thronten im Vorderfeld der Torschützenliste, das Kraftpaket Tobias Weis lief den Platz herauf und herunter.

Aus der Drittklassigkeit zur Bundesliga-Herbstmeisterschaft

Der Neuling war plötzlich Herbstmeister, das Spiel kurz vor Weihnachten gegen Bayern München wurde zum Duell der alten Macht gegen die neue Macht aufgepumpt. Hoffenheim verlor die Partie zwar knapp und in letzter Minute 1:2, aber alle spürten: Mit dem Aufstieg dieses Klubs hatte sich etwas verändert.

Zehn Jahre später eröffnen der FC Bayern als Meister und die Hoffenheimer am Freitag die neue Bundesligasaison (20.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV: ZDF und Eurosport). Es kann erneut ein wegweisendes Spiel werden, und auf der Trainerbank von 1899 sitzt wieder einer, der vor Ehrgeiz brennt.

Der heutige TSG-Coach Julian Nagelsmann ist ein anderer Typ als einst Rangnick, aber auch er ist einer, der mit dem Bewusstsein auftritt, über den Fußball vieles besser zu wissen als andere, und der ganz offen über seine Saisonziele sagt, dass er "Titel anstrebt". Ein Klassenprimus der Fußballmoderne. Es gehört zu den Anekdoten der Bundesliga, dass Nagelsmann im kommenden Jahr in Leipzig unter der genauen Beobachtung des dortigen Sportdirektors Ralf Rangnick arbeiten wird.

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1899 Hoffenheim hat die Liga provoziert, gerade in den ersten Jahren. Hopp war das Feindbild - dass er im Lauf der Jahre geschätzt 400 Millionen Euro in den Verein gesteckt hat, hat den Wettbewerb in der Liga verändert, manche sagen, verzerrt. So einen wie ihn gab es hierzulande noch nicht, und sein Modell hatte wenig gemeinsam mit dem, was man auf der Tribüne im Dortmunder Westfalenstadion oder in der Schalker Fankurve unter Fußball versteht. Das hat zu teilweise heftigen Anfeindungen geführt, der Umgang mit Hopp war nichts für Zartbesaitete, die Gürtellinie teilweise unerreichbar weit oben.

Der Investor hat sich oft darüber beklagt, gerade das Verhältnis zum BVB war lange extrem belastet. Das lag aber nicht nur an manchen geschmacklosen Plakaten auf der Gelben Wand in der Dortmunder Arena. Es gab im Gegenzug auch jene Aktion im Hoffenheimer Stadion 2011, als BVB-Fans während des Spiels mit einem Dauerpiepton beschallt wurden - angeblich eine Einzelaktion des dortigen Hausmeisters. Man mochte sich nicht. Daran änderte auch nicht viel, dass Hoffenheim, als es sportlich um die Mannschaft richtig schlecht stand, sich 2013 am letzten Spieltag ausgerechnet mit einem Auswärtserfolg beim BVB in die Relegation rettete und dort die Liga hielt.

Es gab auch schlechte Phasen

Die TSG hat in der Liga mehrere solcher schlechten Phasen gehabt, es gab die verunglückten Trainer-Intermezzi von Marco Kurz, Marco Pezzaiuoli oder Markus Babbel, an die man sich im Verein heute nicht mehr so gerne erinnert. Es gab die berühmte Trainingsgruppe 2, in der Trainer Markus Gisdol fünf gestandene Profis mit Nationaltorwart Tim Wiese an der Spitze verbannt hatte. Es gab den Bruch zwischen Rangnick und Hopp um die Verkaufspolitik des Geldgebers. Manchmal war 1899 Hoffenheim eben doch ein ganz normaler Bundesligaverein.

Hopp hat in einem Interview mit dem vereinseigenen Magazin "Spielfeld" am Ende des vergangenen Jahres Vergleiche mit dem noch viel neureicheren RB Leipzig vehement zurückgewiesen: "Die haben unbändig viel Geld. Wir können das in dieser Größenordnung gar nicht." Tatsächlich hat Hopp in den vergangenen Jahren seine Investitionen zurückgefahren. Hoffenheim erzielte sogar Gewinne und zuletzt wurde mehr über Nagelsmann als über ihn gesprochen. Aber es bleibt Hopps Verein, seit 2015 hält er offiziell die Anteilsmehrheit am Verein.

Hopp sagte in dem Interview auch, er sei ein "glühender Verfechter des Financial Fairplay", um gleich einzuräumen, "dass es die TSG in der Bundesliga nicht gäbe, wenn es 2005 ein Financial Fairplay schon gegeben hätte". Dieser Satz steht wahrscheinlich beispielhaft für die zwei Medaillen, man kann auch sagen, für die Schizophrenie des Vereins 1899 Hoffenheim.

Chinedu Obasi spielt immer noch, er ist mittlerweile 33 Jahre alt und steht in Schweden beim Kellerkind IK Elfsborg unter Vertrag. Tobias Weis hat seine Profi-Laufbahn beendet und betreibt heute ein italienisches Restaurant in Ludwigsburg. Spezialität des Hauses: Speisen mit dem römischen Pinsa-Teig.

Aber Dietmar Hopp, der ist noch da.

insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
Böttinger 24.08.2018
1. Was will der Autor sagen?
Natürlich hat allein Hopp den Aufstieg der TSG bewirkt. Andere Vereine haben aber auch einen "Hauptgeldgeber". Hopp hat aber immer Wert auf die Nachwuchsarbeit gelegt, mit besonderer Betonung für regionale Talente. Insgesamt ist der Tenor des Berichts etwas zu herabsetzend.
morkfromork 24.08.2018
2.
In wenigen Vereinen des deutschen Fußballs wird so nachhaltig gearbeitet und gewirtschaftet wie bei der TSG Hoffenheim. Die hätte man durchaus in dem Artikel auch mal hervorheben können. Passt aber natürlich nicht in das Weltbild eines Herrn Ahrens...
giggs1999 24.08.2018
3.
Unter Nagelsmann spielt Hoffenheim attraktiven und erfolgreichen Fußball. Auch wenn sie mir nicht sonderlich sympathisch sind, ist das anerkennenswert. Jedenfalls allemal besser als das Konstrukt aus dem Osten der Republik.
widower+2 24.08.2018
4. Lesen
Zitat von morkfromorkIn wenigen Vereinen des deutschen Fußballs wird so nachhaltig gearbeitet und gewirtschaftet wie bei der TSG Hoffenheim. Die hätte man durchaus in dem Artikel auch mal hervorheben können. Passt aber natürlich nicht in das Weltbild eines Herrn Ahrens...
Das steht doch durchaus im Artikel, dass Hoffenheim inzwischen Gewinne erwirtschaftet (wie übrigens die große Mehrheit der Vereine der 1. Bundesliga auch. Das ist also kein Alleinstellungsmerkmal und wäre zudem ohne die "Anschubfinanzierung" in Höhe von 400 Millionen von Hopp, die den Verein erst in die Lage versetzt hat, auf hohem finanziellen Niveau wirtschaftlich zu arbeiten, niemals möglich gewesen. Da hilft es auch nicht, wenn man das Gündungsjahr 1899 im Vereinsnamen nach vorne verschiebt, um so Tradition vorzutäuschen.
lala9999 24.08.2018
5. Nachhaltigkeit wird bei der TSG großgeschrieben.
Irgendwie fehlt dieser Punkt im ansonsten treffenden Artikel. Ich lebe in der Region und habe zwei 1899er Dauerkarten. Macht Spaß, die Stimmung ist super, fast keine Ultras und keine Gewalt. Sehenswerter Fußball, aber was viel wichtiger ist: Nirgendswo wird soviel für die Nachwuchsförderung unternommen, wie hier durch Herrn Hopp und die TSG 1899. Absolut Nachhaltig und Vorbildlich.
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