Trotz Heimniederlage gegen Liverpool 1899 Hoffnungsheim

Hoffenheim hat gegen Liverpool das erste Europacupspiel der Vereinsgeschichte verloren. Trainer Nagelsmann war dennoch mit seinem Team zufrieden - und hat die Champions League längst noch nicht abgeschrieben.

Aus Sinsheim berichtet


Und plötzlich verlor der Übersetzer den Überblick. Julian Nagelsmann war gerade gefragt worden, ob er seinem Trainer-Kollegen Jürgen Klopp beipflichten würde. Der Liverpool-Coach hatte zuvor behauptet, sein Team habe die Hoffenheimer durch "sehr gute Defensivarbeit" von den bedeutenden, weil gefährlichen Räumen fern gehalten. Der Hoffenheimer Coach wollte es eigentlich bei einem kurzen "Nein" belassen.

Doch dann nutzte er die Pressekonferenz nach dem Hinspiel der Playoffs zur Champions League im Anschluss an eine kurze Denkpause doch noch zu einer detaillierteren Erklärung. Innerhalb weniger Sekunden listete er im eilenden Stakkato die seiner Meinung nach "vier oder fünf Riesenchancen" seines Teams gegen den Favoriten allein in der ersten Halbzeit auf. Einige, so Nagelsmann, hätten es nicht in die Statistik geschafft, doch viel gefehlt hätte in diesem "sehr guten Spiel" seiner Mannschaft oft nur wenig.

Beim überrumpelten Übersetzer blieb im Redeschwall des 30 Jahre alten Trainers nur der vergebene Elfmeter von Andrej Kramaric hängen (12.), dazu die Großchance von Sandro Wagner, der statt des leeren Tors nur den Außenpfosten getroffen hatte (42.). Dass die anwesenden englischen Journalisten die weiteren Situationen aufgrund seines eifrigen Auflistens nicht erläutert bekamen, dürfte Nagelsmann ziemlich egal sein.

"Nicht das schlechtere Team verloren"

Weniger egal ist ihm mit großer Sicherheit das Ergebnis des ersten Europapokalspiels der Hoffenheimer Klubgeschichte. 1:2 (0:1) ging ein intensives Duell gegen den FC Liverpool verloren. "Hier hat nicht das schlechtere Team verloren", sagte Nagelsmann. "Sondern das unglücklichere."

Es war ihm eben doch wichtig zu betonen, dass die Planungen an der Taktiktafel auf dem Platz ihre positiven, bis auf den Anschlusstreffer von Mark Uth (88.) jedoch nicht erfolgreichen Auswirkungen hatten. "Jetzt habe ich es sogar noch begründet, stark", schloss er seinen kurzen emotionalen Exkurs über die Gefährlichkeit seines Teams.

Es war ein letzter verbaler Schlagabtausch um die Deutungshoheit an diesem Abend, der zuvor als Aufeinandertreffen der derzeit wohl spannendsten deutschen Trainer-Persönlichkeiten beworben wurde. Klopp, der Meistertrainer, gegen Nagelsmann, der schon lange nicht mehr nur Meisterschüler ist.

Während Klopp, der jeden Sieg gerne mit nach England mitgenommen hätte, "auch ein 8:7", am Ende als Gewinner das Stadion in Sinsheim verließ, ließ der Außenseiter aus der Bundesliga die Gewissheit der Niederlage einfach nicht zu. Stürmer Wagner sprach von einem "gefühlten Vorsprung", den man ins Rückspiel in Liverpool in der kommenden Woche mitnehme. "Man hat gesehen, wir waren die bessere Mannschaft. Es wäre kein Wunder, wenn wir dort gewinnen." Lukas Rupp schob nach: "Liverpool kann sich glücklich schätzen, dass sie heute gewonnen haben."

Fürs Rückspiel Besserung gelobt

Tatsächlich wird das bislang größte Spiel der Hoffenheimer Vereinsgeschichte als eines in Erinnerung bleiben, das zumindest aus Sicht des Verlierers auch ohne viel hätte und wäre ganz anders hätte ausgehen können. Erst löffelte Kramaric seinen Elfmeter lässig in die Mitte des Tores, wo der Liverpooler Schlussmann Simon Mignolet, instruiert von seinem Torwarttrainer, die bevorzugte Variante des TSG-Angreifers erahnte und wenig Mühe hatte, den Ball abzuwehren. Ein "entscheidender Moment", fand auch Klopp.

Dann blieb die Mauer der Hoffenheimer auf Anweisung ihres Torwarts Oliver Baumann beim Freistoß des erst 18-jährigen Liverpool-Talents Trent Alexander-Arnold am Boden kleben, was zum in dieser Phase glücklichen 1:0 für die Gäste führte (35.). Wagner nannte die Fehlentscheidung ein "Kommunikationsproblem". Das 2:0 der Gäste in der 75. Minute durch James Milner, das mancher als Eigentor des neuen Hoffenheim-Verteidigers Havard Nordtveit wertete, von dessen Brust die gedachte Flanke einen schönen Bogen ins lange Eck des Hoffenheimer Tores machte, komplettierte die unglückliche Serie. Wieder Wagner: "In Liverpool werden wir uns sicher nicht noch einmal so einen reinlöffeln."

Auch Nagelsmann will sich von der Anfield Road nicht einschüchtern lassen. Er unterscheide nicht zwischen Heim- und Auswärtsspiel. "Die Spieler werden sicher nicht die Fangesänge übersetzen." Heißt: Der Lärm von den Rängen könne beiden Teams helfen. Das wiederum sieht Klopp naturgemäß anders, der bewährt griffig formulierte: "Wir brauchen Anfield, und wir kriegen Anfield."

Den Hoffenheimern selbst hatte an diesem Abend auch "die beste Stimmung, seit ich hier bin" (Wagner) nicht geholfen. Nagelsmann, in der Vergangenheit nicht immer zufrieden mit dem Zuschauerzuspruch in der Sinsheimer Arena, musste schmunzeln, als er von der "Hoffenheimer Hexenkessel-Atmosphäre" sprach.

So blieb am Ende aus Sicht des Bundesligisten viel Gutes - und das Ergebnis von 1:2. "Kein Pfosten, kein knappes Abseits und mehr Ruhe im Abschluss", war dann der Wunsch-Dreiklang Nagelsmanns für das Rückspiel. Manche Räume in der Liverpooler Defensive habe man nicht wie geplant genutzt. Welche, wollte er nicht verraten. "Ich hoffe, sie sind in einer Woche noch da." Der Kampf zwischen Nagelsmann und Klopp um den bedeutenden Raum, er geht in die zweite Runde.



insgesamt 14 Beiträge
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elwoodblues1969 16.08.2017
1. Ja schade
Natürlich ist Liverpool Favorit, aber noch gibt es keinen Grund vorher aufzugeben. Wenn ich nur an die Kopfball Chance in der 92.Minute denke. Muss eigentlich zwingend der Ausgleich sein. Tolles Spiel von Hoffenheim
FK-1234 16.08.2017
2. Eingeschränkte Sichtweise
...des Hoffenheimer Trainers und etlicher Hoffenheimer Spieler. Ein offenes Ergebnis in Liverpool wird eher herbeigeredet..was sicher verständlich ist, denn sonst bräuchte man dort nicht anzutreten. Auch wenn ich es mir anders gewünscht hätte, so hat doch Klopp in seiner Analayse völlig recht. Ein ums andere mal waren es vor allem seitens Hoffenheim vogelwilde Aktionen ohne Präzision und mit einem Stürmer Wagner ohne Blick für den Mitspieler. Der Kommentar des Spiels hat durchaus treffend bewertet..mit den von ihm genannten Kritikpunkten.
paddi78 16.08.2017
3. anderes Spiel gesehen?
wieso werden die zahlreichen Liverpool chancen nicht thematisiert? es war ein schwaches Spiel in dem das Auswärtsteam so aufgetreten ist wie es muss. abwartend und nach vorn gefährlich. Hh war nicht reif genug für die Cl und das ändert sich in ner Woche auch nicht. Das reifere Team hat zurecht gewonnen
skeptikerjörg 16.08.2017
4. Pfeifen im Walde
Man kann sich auch alles schön reden! Ok, als Trainer muss man es vielleicht auch, um seine Mannschaft nicht zu demotivieren. Aber von außen betrachtet hat Klopp schon Recht: Hoffenheim hatte dort Ballbesitz, wo es ungefährlich war, in die Spitze sind sie kaum mal gekommen. Vielleicht wäre es anders gekommen, hätten sie den (strittigen) Elfmeter genutzt. So müssen sie zufrieden sein, dass es nicht 3:0 oder 4:0 stand, bevor sie ihren Treffer erzielten. Ordentlich gespielt ja, aber bessere Mannschaft nein. Wird schwer, in Anfield zu bestehen. Aber sie haben ja nichts zu verlieren. Und vielleicht erklärt jemand vorher Wagner die Sache mit dem Abseits - dann kann ihn auch jemand anspielen und muss nicht immer auf dem Weg nach vorne erstmal abdrehen.
Attila2009 16.08.2017
5.
Im Fußball ist zwar immer alles möglich aber ich glaube nicht dass sich Liverpool in der Anfield-Road noch die Butter vom Brot nehmen läßt . Die wissen auch was für die finanziell auf dem Spiel steht. Hoffenheim muss nämlich mindestens zwei Auswärtstore schießen. Ein 1:0 reicht ja auch nicht. Man hat Lehrgeld gezahlt im internationalen Geschäft und man hat ein beherztes Spiel gegen einen englischen Spitzenklub gezeigt, war keine Schande
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