Hoffenheim-Pleite in Liverpool Auseinander geschraubt

Nach 20 Minuten war alles vorbei: 1899 Hoffenheim wurde beim 2:4 in Liverpool phasenweise vorgeführt und zeigte, dass es noch nicht für große Aufgaben gemacht ist.

REUTERS

Aus Liverpool berichtet


Viel ist vorher geredet worden über das Stadion an der Anfield Road, diesen mythischen Ort, der angeblich in der Lage ist, Spiele für den FC Liverpool zu gewinnen. Deshalb lag hinterher die Frage nahe, welchen Anteil die Sportstätte denn gehabt habe an der 2:4- Niederlage der TSG 1899 Hoffenheim im Playoff-Rückspiel um die Qualifikation zur Champions League. Keinen großen, fand Julian Nagelsmann, der mit gefrorenen Gesichtszügen auf der Bühne im Mediensaal saß. "In der Verfassung von heute hätten wir auch beim FC Zuzenhausen verloren", sagte Hoffenheims Trainer.

Im bislang größten Spiel der Vereinsgeschichte war seiner Mannschaft eine Lehrstunde widerfahren. Sie war überrannt worden vom FC Liverpool und dessen rasenden Angreifern Sadio Mané, Roberto Firmino und Mohamed Salah. Schon nach fünf Minuten hätten die Gastgeber führen können, nach 20 Minuten stand es 0:3 aus Hoffenheimer Sicht.

Nagelsmanns Mannschaft hatte sich nach dem achtbaren Hinspiel viel vorgenommen, hatte trotz des 1:2 aus dem ersten Treffen an ihre Chance geglaubt im Stadion an der Anfield Road, doch sie geriet ins Schleuderprogramm und musste schon früh erkennen, dass sie für die ganz großen Aufgaben noch nicht gemacht ist.

"Zwei, drei Spieler gar nicht auf dem Feld"

Der Trainer sah die Gründe für die Niederlage, die durch die Treffer von Mark Uth in der 28. Minute und Sandro Wagner in der 79. Minute vom Ergebnis weniger krachend war als sie sich im Stadion angefühlt hatte, nicht in der Stärke des Gegners, sondern in den Fehlern des eigenen Teams. "Wir haben nicht gespielt, wie wir sollten", sagte Nagelsmann. Seine Mannschaft habe in der Anfangsphase "sehr, sehr kopflos" agiert und die entscheidenden Zweikämpfe verloren, er warf seinen Profis eine "Über-Emotionalität" vor und tadelte, dass "zwei, drei Spieler bis zur 30. Minute gar nicht auf dem Feld" gewesen seien. "Und dann hat Liverpool auch die Qualität, uns auseinanderzuschrauben", sagte er.

Nagelsmann hätte gar nicht in die Tiefen der Analyse vordringen müssen so kurz nach der Partie. Er hätte um ein paar Tage Zeit bitten können, um das Geschehene zu verarbeiten. Doch dazu sah er keinen Anlass. Er wollte seine Einschätzungen noch am Ort der Demütigung loswerden und war dabei ziemlich streng mit seiner Mannschaft. Seiner Meinung nach hatte er sie gut eingestellt, er sprach auch nach dem Spiel davon, dass er eigentlich wisse, wie die schnellen Angreifer des FC Liverpool zu verteidigen seien. Da technische Hilfsmittel verboten seien, hätte sich sein Team besser verhalten müssen. "Mit Motor oder Propeller dürfen wir nicht spielen. Dann müssen wir die Situationen taktisch lösen", sagte er. Doch das war nicht gelungen.

Deshalb muss der junge Übungsleiter zum ersten Mal in seiner Karriere eine heftige Enttäuschung verkraften, und er muss seine Mannschaft wieder aufrichten. Wieder zusammen schrauben, sozusagen. Die Champions League findet ohne die TSG Hoffenheim statt. Trotzdem ist der Klub im internationalen Geschäft vertreten, zum ersten Mal überhaupt. Er startet in der Europa League.

In der Europa League hofft man auf passende Gegner

Nagelsmann versuchte schon in der Stunde der Niederlage, sich mit diesem Szenario zu arrangieren. "Wenn man die Wahl hat, würden sich die meisten wohl für die Champions League entscheiden. Aber wir werden jetzt nicht bei der Uefa anrufen und sagen, dass wir in der Europa League nicht antreten", kündigte er an.

Die TSG Hoffenheim hat in nicht allzu ferner Vergangenheit noch in der Regionalliga gespielt und wäre im vergangenen Jahr fast aus der Bundesliga abgestiegen. Für den Verein ist auch die Teilnahme am zweitwichtigsten kontinentalen Wettbewerb ein Erfolg. Oder, wie Nagelsmann es deutete: eine Chance. "Die Europa League ist ein Wettbewerb, in dem wir uns entwickeln können, und in dem es Gegner gibt, die vielleicht ein bisschen besser zu uns passen", sagte er. Gegner, die nicht den Anspruch haben, zur vordersten Garde im internationalen Fußball zu gehören.

Doch auch in der Europa League sollte die Mannschaft eine Leistung wie in Liverpool vermeiden. Nicht einmal gegen den FC Zuzenhausen würde es laut Trainer Nagelsmann ja so reichen.



insgesamt 28 Beiträge
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Athlonpower 24.08.2017
1. Hoffenheim wird dieses Jahr auch nur im Mittelfeld landen.
Das war ja auch mit großer Wahrscheinlichkeit zu erwarten, nachdem die beiden Hauptstützen des letzten Jahres inzwsichen eine Klasse höer spielen, allerdings nicht in Hoffenheim. Es zeigt sich halt wieder, welchen Wert das angebliche Premiumprodukt DFL wirklich hat und es ist geradezu lächerlich, daß für die TV-Rechte ab diesem August unglaubliche 86% mehr Geld in die Kassen fließen, denn eine Gegenleistung für diese wahnwitzige Erhöhung wird nicht erbracht, nicht mal ansatzweise. Aber der deutsche Michel will es so und der deutsche Michel kriegt es so, das Mittelmaß, wie in vielen Dingen dieses unseres Landes.
loverslane 24.08.2017
2. Bundesliga nur Mittelmaß
Seit Jahren scheiden bis auf den FCB und gelegentliche Ausreißer deutsche Clubs regelmäßig bereits im Herbst aus den internationalen Wettbewerben aus. Angesichts der deutschen Vertreter in diesem Jahr ist wieder Ähnliches zu erwarten. Gestern konnte man wieder erleben, wie völlig überforderte Hoffenheimer an der Realtität scheiterten. Das angebliche Premiumprodukt Bundesliga ist trotz Vermarktung in Asien eben im Vergleich nur Mittelmaß.
percystuart 24.08.2017
3. Nur noch Fallobst?
Der Verlauf der letzten Europacup-Jahre sowie die ersten Auftritte in dieser Euro-Saison von Freiburg und Hoffenheim lassen leider nichts Gutes ahnen. Hoffe, Köln und Hertha in der Euro-League ? Da ist erfahrungsgemäß nach der Gruppenphase wohl Ende Gelände. Ausser vor Bayern und - wenn Weihnachten und Ostern zusammenfallen - evt. noch Dortmund braucht sich Niemand aus England, Spanien und Italien vor der BL zu fürchten. Aber auch gegen die Underdogs aus anderen Ländern wirds schwer genug. Hierzulande wird zwar unter sich ab und zu ganz schön gespielt - international gesehen erscheint das Ball-Hin- und Hergeschiebe in der eigenen Hälfte ohne Abschlüsse vor den gegnerischen Kästen jedoch äußerst harmlos. So wird die BL in der sog. 5-Jahreswertung mittelfristig garantiert durchgereicht. Wo ist bei den deutschen Clubs nur die Cleverness und er Killer-Insinkt früherer Jahre geblieben? Falsche Taktik bzw. falsches System? Unkonzentrierte Defensive? mfg
Criticz 24.08.2017
4. Es musste erst 0-3 stehen bis Nagelmann verstanden hat
dass er sich mit seiner 3er-Abwehrkette und auch der personellen Aufstellung völlg vercoached hat. Peinlich, denn das Spiel war schon gelaufen. Und was passiert wohl im Kopf der Spieler wenn ihnen vom Trainer eingeredet wird sie seien auf Augenhöhe mit Liverpool aber dann so nach kurzer Zeit untergehen? Genau - sie merken, dass Nagelsmann bei weitem nicht so gut ist wie viele meinen, nur weil Hoffenheim mal weiter oben landete.
Crom 24.08.2017
5.
Zitat von loverslaneSeit Jahren scheiden bis auf den FCB und gelegentliche Ausreißer deutsche Clubs regelmäßig bereits im Herbst aus den internationalen Wettbewerben aus. Angesichts der deutschen Vertreter in diesem Jahr ist wieder Ähnliches zu erwarten. Gestern konnte man wieder erleben, wie völlig überforderte Hoffenheimer an der Realtität scheiterten. Das angebliche Premiumprodukt Bundesliga ist trotz Vermarktung in Asien eben im Vergleich nur Mittelmaß.
Die meisten deutschen Teams überstehen die Gruppenphase. Woher haben Sie also Ihre Weisheiten. Es gab sogar Spielzeiten mit vier deutschen Klubs im CL-Achtelfinale.
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