1899 Hoffenheim Willkommen im Schlinger-Club!

Dank der Millionen von Mäzen Hopp wirbelte 1899 Hoffenheim die Fußballelite durcheinander. Aus, Schluss, vorbei. Die Trennung von Trainer Rangnick ist das deutliche Zeichen des Niedergangs: Dem Großsponsor ist Rendite mittlerweile wichtiger als sportlicher Erfolg.

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dpa

Die Rollen in dem Stück, das der Bundesligist 1899 Hoffenheim in den vergangenen Tagen um den Transfer des Brasilianers Luiz Gustavo zu Bayern München aufgeführt hat, scheinen klar verteilt. Da ist der böse Mäzen Dietmar Hopp, dem es um nichts anderes geht, als Geld zu machen, und der dafür die sportliche Perspektive des Vereins opfert. Und da ist der moralisch saubere Trainer Ralf Rangnick, der lieber die Konsequenzen zieht und geht, als dieses Spiel mitzuspielen. Kommerz schlägt Idealismus - das ist die einfache Version. Die Fußball-Romantiker dürften mit dieser Interpretation zufrieden sein.

Man kann es auch Heuchelei nennen.

Die öffentliche Debatte im Anschluss an den Rücktritt von Trainer Rangnick mutet an, als ob einigen jetzt erst klar geworden ist, dass es im Fußball zuallererst um viel Geld geht - und dass ein Großsponsor, der viele Millionen in einen Verein investiert, tatsächlich auch ohne 51 Prozent der Anteile ein Wörtchen mitreden kann und will, wenn es zum Schwur kommt. Wen das noch überrascht, der hat ein paar Jahrzehnte Profifußball komplett verschlafen. Klar ist doch: Wer als Verein ein Modell praktiziert, wie es Hoffenheim tut, der wird immer damit rechnen müssen, dass ein Investor irgendwann den Rückfluss des Geldes einfordert.

Hopp hat schon seit längerem realisiert, dass 1899 Hoffenheim unter Rangnick nach dem Raketenstart in die Bundesliga zu einem Club des gehobenen Durchschnitts geworden ist - ohne wirkliche Perspektive, dauerhaft ganz oben mitzuspielen. Letztlich hat der Verein in den vergangenen zwei Jahren sportlich stagniert: An guten Tagen ist das Team in der Lage, alle in der Liga zu schlagen. Aber nur dann. Hoffenheim ist keine Elf für die Champions League - sondern ein Schlinger-Club: mal brillant, mal enttäuschend, mal einfach nur dabei. Bis auf Rangnick war das allen klar.

Rangnick hat Hopps Millionen jahrelang gerne genommen

Der Coach hat über Jahre die Millionen, die Hopp in das Team gesteckt hat, gerne genommen. Dass es trotzdem bisher nicht gereicht hat, sich für einen europäischen Wettbewerb zu qualifizieren, sollte man erst einmal Trainer und Mannschaft anlasten, weniger dem Mäzen. Der war irgendwann offenbar nicht mehr bereit, weiter Unsummen in ein Team zu stecken, das den Erfolg nicht garantiert - so wie es ein Sponsor nun mal am liebsten hätte. Irgendwann im vergangenen Frühjahr ist Hopp daher dazu übergegangen, die eigene Strategie zu ändern. Wenn man nicht über den sportlichen Erfolg Profit erzielen kann, dann zumindest über den Verkauf des spielenden Personals.

Dass Rangnick das nicht ewig mitmachen würde, war schon im Sommer abzusehen. Als Hopp die vom Trainer gewünschten Transfers wie den von Lewis Holtby (Schalke/ausgeliehen an Mainz) oder llkay Gündogan (1. FC Nürnberg) blockierte und plötzlich von "Transferüberschüssen" redete. Für den ehrgeizigen Coach hätte das geheißen: Wieder Aufbauarbeit, wie er sie nach seinem Verständnis seit Jahren, seit Drittligazeiten, betrieben hat. Wieder die eigenen Ambitionen auf unbestimmte Zeit aufschieben. Dafür fehlte dem Trainer die Geduld. Er hatte schließlich nicht bei Hopp in der Regionalliga angeheuert, um dann nach zwei Aufstiegen am Ende genauso zu arbeiten, wie es in Mainz oder Freiburg seit Jahren gemacht wird.

So musste es letztlich zum Bruch kommen, und aus dem Idyll von Hoffenheim wurde die Realität von Zoffenheim.

Hopp taugt nicht als Projektionsfläche

Hopp war jahrelang eine Art Projektionsfläche im deutschen Bundesligafußball. Für die einen galt er als Feindbild schlechthin, als einer, der sich Erfolg um jeden Preis erkaufen wollte, ohne irgendwelche Rücksicht auf all die Tradition zu nehmen, auf die der Fußball vermeintlich baut. Für die anderen ist er ein Idealist gewesen, der seine finanziellen Mittel uneigennützig zur Verfügung stellt, um einen hochmodernen Fußballbetrieb auf die Beine zu stellen. Er ist weder das eine noch das andere, oder er ist von beiden etwas. Hopp ist am Ende des Tages ein ganz normaler Sponsor, der so handelt, wie er es aus der Wirtschaft gewohnt ist. Investitionen werden nur dann getätigt, wenn sie sich letztlich lohnen. Für den Sponsor.

Von daher sind die Überprüfungen, die die Deutsche Fußball-Liga jetzt anstellt, ob der Transfer Luiz Gustavos nach München den DFL-Statuten entspreche, reine Makulatur. Die Hopp-Gegner können sich dadurch mit dem Argument beruhigen, es werde ja jetzt etwas getan. Hopp selbst muss sich keine Sorgen machen. Die DFL-Überprüfung wird im Sande verlaufen.

Letztlich darf Rangnick seinem Mäzen sogar dankbar sein, dass er die Trennung vom Verein forciert hat. Schließlich dürfe demnächst in Wolfsburg ein Trainerjob zu vergeben sein. Und dann wäre Rangnick frei, endlich da zu arbeiten, wo Geld wirklich keine Rolle spielt. Mit Dieter Hoeneß hätte Rangnick zudem einen Manager, der genauso denkt wie er.

Das Experiment Hoffenheim ist vorbei. Jetzt darf der Verein endlich ohne schlechtes Gewissen Bundesliga-Provinz sein.

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Seite 1
ovit 04.01.2011
1. .
das modell abramowitsch, der sein geld ohne sinn und verstand in den verein buttert, will in diesem land keiner. das modell hopp ist aber auch nicht das richtige. sicher kann man es krisieren, wenn einer mit seinem geld einen verein den weg in die bundesliga finanziert, aber dem hopp ging es meines erachtens von anfang an darum, nachhaltige strukturen in seiner heimatregion zu schaffen. den champions league sieg hatte er dabei sicher nicht im hinterkopf. also alles nicht so wild.
KB1111, 04.01.2011
2. Aufregung umsonst
Wozu die Aufregung: Ohne Gustavo wird Hoffenheim vielleicht am Ende dieser Saison 9. oder auch 5., wer weiss es? Der Verbleib eines evtl. gefrusteten Spielers darantiert doch keineswegs einen sportlichen Erfolg. Sicher ist jedenfalls, dass der Verein und von mir aus auch Hopp 15 Mio. bekommen haben, die bei Auslaufen des Vertrages oder auch schwerer Verletzung nicht zu erzielen gewesen waeren. Inswoeit richtig, den Spieler abzugeben. Im uebrigen ist mir nicht gsnz klar, wie die finanziellen Verflechtungen des Vereins mit Hopp aussehen. Sind es Einlagen, Darlehen, Spenden? Zu welchen Bedingungen, Zinssaetzen usw.? Wem gehoert das Stadion, wem stehen die dort generierten Einnahmen zu u.v.m. Erst bei Kenntnis all dieser Details liesse sich beurteilen, ob und inwieweit Hopp ueberhaupt eine Rendite anstrebt bzw. realistisch erwarten kann. Im uebrigen gibt es in der BL zehn Vereine, die sich zum Meister berufen fuehlen - selbst wenn jeder einen 500 Mio-Etat haette, wird am Ende doch nur einer Meister - und nicht zwingend der mit dem groessten Etat.
fontin 04.01.2011
3. Unterschied zwischen Mäzen und Sponsor
Wieso ist es dem Autor nicht möglich, zwischen Mäzen und Sponsor zu unterscheiden? Dazu hätte ein Blick in den Brockhaus genügt: "Ein Mäzen ist ein vermögender Privatmann, der mit finanziellen Mitteln Künstler oder Sportler beziehungsweise Kunst, Kultur oder Sport fördert; begrifflich abgesetzt gegenüber dem Sponsor, der seine Förderung mit der Vermarktung eines Produkts verbindet." Ersteres tut Hopp, letzteres strebt er nicht an. Wenn man das weiß, dann erübrigen sich Formulierungen wie etwa Hopp sei ein "Investor [,der] irgendwann den Rückfluss des Geldes einfordert" oder "wenn man nicht über den sportlichen Erfolg Profit erzielen kann, dann zumindest über den Verkauf des spielenden Personals." Hopp geht es eben nicht um Gewinn oder Rendite, sondern darum, die TSG möglichst bald wirtschaftlich von seinen Zuwendungen zu lösen, so dass der Verein eigenständig fortbesteht. Zudem ist sein Ziel die langfristige Förderung von sportlichem Nachwuchs und nicht der schnelle sportliche Erfolg in Form der Teilnahme an den europäischen Wettkämpfen. Und das veträgt sich nicht mit dem Ehrgeiz von Ralf Rangnick. Die Trennung ist daher durchaus verständlich und sogar sinnvoll.
kay_ro 04.01.2011
4. ohne Hopps Millionen
spielt der Verein hoffentlich bald in der Bezirksliga :-)
erlachma 04.01.2011
5. 1899
Zitat von ovitdas modell abramowitsch, der sein geld ohne sinn und verstand in den verein buttert, will in diesem land keiner. das modell hopp ist aber auch nicht das richtige. sicher kann man es krisieren, wenn einer mit seinem geld einen verein den weg in die bundesliga finanziert, aber dem hopp ging es meines erachtens von anfang an darum, nachhaltige strukturen in seiner heimatregion zu schaffen. den champions league sieg hatte er dabei sicher nicht im hinterkopf. also alles nicht so wild.
Das sehe ich ganz ähnlich. Hopp hat Strukturen geschaffen, eine Basis gelegt. Nun aber muss der Verein sich selbst tragen - es geht ja noch nicht einmal darum, großartig Gewinne zu machen, die investierten 170 Millionen Euro wird Hopp nie erzielen, das würde er nicht mal als FC-Bayern-Eigner. Aber wir können nicht einerseits darauf schimpfen, dass die Vereine in Italien und Spanien nur Miese machen, dann aber andererseits in Deutschland es schlecht finden, wenn ein Verein eine ausgeglichene oder positive Bilanz schaffen soll. Ich denke, Hoffenheim muss jetzt das machen, was sie eigentlich immer (in den letzten 4 Jahren) - sportlich - gemacht haben: junge Talente finden, ausbilden, und über das Team funktionieren. Hoffenheim hat letzte Saison ja nicht die überragende Hinrunde gespielt, weil sie eine mit Stars gespickte Mannschaft, sondern weil sie eine perfekt funktionierende Spielweise hatten. Da müssen sie wieder hin - und die Voraussetzungen dafür wurden ja geschaffen, mit einem neuen Stadion, neuen Trainingseinrichtungen und quasi keinen Altlasten.
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