Nürnberger Derbysieg Über den Kampf nicht zum Spiel kommen

Der Zweck heiligt die Mittel: Der erste Nürnberger Erfolg im Frankenderby seit acht Jahren basierte nicht auf filigranem Spiel, sondern auf kämpferischen Tugenden. Die könnten für den Aufstieg reichen.

Nürnberger Füllkrug, Burgstaller: Arsenal der Drecksäcke
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Nürnberger Füllkrug, Burgstaller: Arsenal der Drecksäcke

Aus Nürnberg berichtet


Georg Margreitter ist kein Jungspund mehr, weit rumgekommen ist er auch. Im Laufe seiner Karriere hat der 28-jährige Österreicher Derbyspiele in Wien und Kopenhagen bestritten. Heiß sei es auch da immer hergegangen, berichtete er nach dem 2:1-Sieg seiner Nürnberger gegen Fürth. Und dennoch: "Ich bin seit neun Jahren Profi, aber so was Geiles habe ich noch nicht erlebt." Klar, Fußballer sagen solche Dinge. Aber wer diesen glücklich strahlenden Mann sah, der musste ihm einfach glauben.

Margreitter hatte ja auch einen Abend erlebt, wie man ihn im Zweitliga-Alltag nicht aller Tage erlebt. Noch 20 Minuten nach dem Schlusspfiff waren Zehntausende Zuschauer im Stadion, derweil die Nürnberger Spieler mit den Fans fröhliche Lieder auf den Sieg und weniger fröhliche auf den Gegner sangen.

Für die Ausgelassenheit im Nürnberger Lager gab es Gründe zuhauf. Schließlich war der Club gerade zum dritten Mal in Folge nach einem Rückstand zurück in die Partie gekommen. Gegen Bochum und Düsseldorf reichte es so noch zu einem Remis, gegen Fürth zu einem Sieg. Wer schon mal in Franken war, weiß, dass Punkte gegen Bochum oder Düsseldorf (oder gegen den FC Bayern) für die Nürnberger Fanseele nichts sind im Vergleich zu Punkten gegen Fürth.

Zumal die fränkischen Derbys zuletzt so oft an "die aus der Westvorstadt" gegangen waren, dass deren Fans schon auf Aufklebern witzelten, so ein Derbysieg sei ja früher ein epochales Ereignis gewesen, heuer aber nur noch eine Pflichterfüllung. Und nun der erste Nürnberger Sieg seit 2008, noch am frühen Samstagmorgen besangen viele Nürnberger Fans ausgelassen die Großtaten ihrer Elf, während die meisten Polizisten lange wieder Feierabend gemacht hatten. "War insgesamt ruhig", berichtete ein Beamter, "das Ergebnis war sicher auch deeskalierend."

Adrenalin und Endorphin werden im Körper relativ schnell wieder abgebaut. Man kann also davon ausgehen, dass die Nürnberger Spieler ihre Heldentaten noch am Wochenende wieder relativieren können. Das Spiel gegen die Fürther zeigte nämlich einmal mehr, was diese Mannschaft kann - und was eben nicht. Der Club lebt von der Physis und von der Moral, die Mannschaft ist topfit, hat ein paar gute Einzelspieler und gute Charaktere in ihren Reihen. Spieler, die sich wehren, Spieler, die ihre Kollegen weitertreiben, wenn nach einem Fehlpass der Kopf runtergeht.

Und wenn es Spitz auf Knopf steht, wird das Arsenal der "Drecksäcke" ausgekramt, von denen Trainer manchmal sprechen. Während zeitgleich das vom diesbezüglichen Role Model Stefan Effenberg trainierte Paderborn mal wieder zu Hause verlor, schubsten und reklamierten Guido Burgstaller, Hanno Behrens und Co., was das Zeug hielt, kickten nach jedem Pfiff die Bälle weg, während sich die Balljungen weigerten, die gnädigerweise wieder Richtung Spielfeld zu befördern. Doch was solls? Solange die Schiedsrichter die so erschummelte Zeit nicht konsequent nachspielen lassen, ist das ein legitimes Mittel.

Dass das, was der Club spielerisch anbietet, doch recht mager ist, fällt allerdings besonders gegen spielerisch filigrane Mannschaften wie Freiburg oder Leipzig auf. Oder eben gegen Fürth, das eine schöne Spielanlage hat, sich aber regelmäßig durch ein Abwehrverhalten bestraft, das letztlich nicht zweitligatauglich ist. Oder gilt das gar für die individuelle Qualität einiger Defensivspieler?

So oder so: Der erste Nürnberger Treffer durch Sebastian Kerk entsprang der einzigen schönen Kombination im Nürnberger Spiel, ansonsten beschränkte sich der Spielaufbau fast ausschließlich auf lange Bälle. Warum auch nicht, mag sich Coach René Weiler denken, der auch fand, dass "der Fußball ein bisschen auf der Strecke geblieben" war.

Schließlich hat sich der Club mit seinem High-Energy-Fußball nach einem spektakulären Fehlstart beharrlich an die Spitze der Zweiten Liga gekämpft. Und das verdientermaßen, zumal in einer Liga, in der 14 von 18 Teams spielerisch schlechter sind als Leipzig, Freiburg, Fürth und Bochum, es aber nur eines gibt, das das so konsequent wettmacht wie der Club.

Platz drei, vielleicht auch Platz zwei, sind damit drin. Und wer die Stimmung erlebte, die die 45.666 Fans am Freitag Abend machten, weiß sowieso, dass der Club eine Bereicherung für die erste Liga wäre.



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svachal 27.02.2016
1. Gleiches Spiel gesehen?
Mit diesem Artikel hat es der Spiegel geschafft, dass ich mich registriere. Ich registriere mich aus Unmut über diesen Text. Unbestritten ist der 1. FCN in dieser Saison eine Mannschaft, die ihre Stärken im Kampf, der Moral und dem sportlichen Ehrgeiz hat. Die Spieler jedoch hinzustellen, dass hier nur Zeit geschunden wird entbehrt jeder Grundlage. 74. Minute: Auswechslung bei Fürth. Spieler Robert Zulj zelebriert die 30 Meter zur Seitenauslinie im Zeitlupentempo, gefühlte 3 Minuten. Der Schiedsrichter, der super gepfiffen hat, ermahnt nicht. 84. Minute: Führung für Nürnberg. In den verbleibenden 6+3 Minuten spielt der Heimverein genau so, wie es fast jede andere Mannschaft bei einer knappen Führung machen würde. Torhüter Schäfer wird zurecht, wenn auch ein bisschen früh, vom Schiedsrichter zur schnellen Spielfortsetzung animiniert. In den 84 Minuten vor der Führung hat der Club keine Sekunde Zeit geschunden. Im Gegensatz zu den Gästen. Warum unterschlägt der Autor 84 Minuten (legitimes) taktisches Geplänkel und Zeitspiel des Gastvereins? Warum prangert der Autor die paar Minuten Restspielzeit und das taktische Geplänkel und Zeitspiel des Heimvereins an? Warum schreibt er etwas wie "kickten nach jedem Pfiff die Bälle weg, während sich die Balljungen weigerten, die gnädigerweise wieder Richtung Spielfeld zu befördern". Objektiv ist was anderes.
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