Zweitligist Leipzig Überdosis Red Bull

Seit dem Aufstieg in die zweite Liga trifft RB Leipzig der Zorn der Fanszenen. Nun haben sich die Anhänger von Zweitligavereinen zusammengeschlossen - in Leipzig quittiert man das mit Erstaunen und Spott.

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Es kommt nicht oft vor, dass Fans lange Interviews geben dürfen. Vor dem Spiel bei RB Leipzig war es so weit. Dem MDR erzählte Jörg Püschmann, Capo der Ultras von Erzgebirge Aue, welche Kritikpunkte seine Szene an Deutschlands wohl unbeliebtestem Fußball-Verein hat. Hinfahren werde man trotzdem. Man treffe den reichen Konzern Red Bull nicht, wenn ihm die Einnahmen aus der Gästekurve fehlen. Ihren Protest gegen die "Werbeveranstaltung RB" wollen die Auer trotzdem kundtun: "Aktionen sind geplant."

2009 gründete Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz den Verein in Leipzig, weil er dort den optimalen Standort für seine Pläne ausgemacht hatte: Eine sportbegeisterte Stadt ohne Klub im Profifußball, ein fertiges WM-Stadion, ein großes Hinterland. In der sächsischen Metropole ist der Verein, der den besten Zuschauerschnitt der vergangenen Drittliga-Saison hatte, längst von vielen Fußballfreunden akzeptiert.

Dafür trifft RB der Unmut aller anderen Fanszenen seit dem Aufstieg in die Zweite Bundesliga umso vehementer: Am zweiten Spieltag hissten Fans von 1860 München ein Protestplakat: "Noch schlimmer als eine dumme Idee sind Menschen, die ihr blind folgen." Beim Leipziger Heimspiel am ersten Spieltag blieb die Gästekurve leer, die Aalener Ultras boykottierten das Spiel beim "Retortenverein". Beim Auswärtsspiel des KSC in Leipzig Ende September ist eine Demo geplant, die Karlsruher erwarten Unterstützung aus Berlin und anderen Fanszenen.

"Wieso nichts gegen die schlimmsten Exzesse unternehmen?"

Im Juli gründete sich die Initiative "Nein-zu-RB" als Zusammenschluss von Zweitliga-Fanszenen. Zum ersten Treffen in Darmstadt kamen Fans aus zehn Standorten, darunter Kaiserslautern, Karlsruhe, München, Aue und Braunschweig. Fangruppen aus 20 Standorten - von Dortmund bis Erfurt - zählen ebenso zu den Unterstützern wie das bundesweite Fanbündnis "ProFans".

Der Mann, der in einem Café in der Karlsruher Südstadt über "Nein zu RB" spricht, passt so gar nicht zu den Attributen, mit denen die Fanproteste in einigen Zeitungen kommentiert wurden. Andreas Hensel ist weder "hasserfüllt" noch "naiv". "Uns ist völlig klar, dass der Sport durch und durch von finanziellen Interessen gesteuert ist", sagt der Lauterer Ultra: "Aber soll man sich deswegen zurücklehnen und nichts mehr gegen die schlimmsten Exzesse unternehmen?"

Nein, findet Hensel, der nun ein paar Argumente aufzählt. Das Vereinslogo, das mit dem des Energydrinks fast identisch sei. Die "undemokratische Struktur" - RB hat lediglich acht Mitglieder, die allesamt Angestellte des Brause-Konzerns sind -, das Transfergebaren, bei dem Spieler munter zwischen den Standorten Leipzig und Salzburg hin- und hergeschoben werden - auch um nationale Transferbestimmungen zu umgehen. "Wir wollen einfach, dass es halbwegs fair bleibt." Ein Anfang, so Hensel, wäre es, wenn die Regeln des Financial Fairplay der Uefa auch im nationalen Rahmen angewandt werden.

Bisher soll das Reglement nur für Teams gelten, die international spielen, also in der Europa League und der Champions League. Grob zusammengefasst besagt das Financial Fairplay, dass die Vereine kostendeckend arbeiten müssen, also nicht mehr Geld ausgeben dürfen, als sie erwirtschaften.

RB-Fan hofft auf Öffnung des Klubs für Mitglieder

Dagegen hätte auch der Leipziger Student nichts einzuwenden, der sich unter dem Nickname "Loch" auf einer RB-Fanseite süffisant mit den Kritikern auseinandersetzt: "Besonders viel Humor und Scheinheiligkeitsresistenz beweisen die Anhänger des FC Ingolstadt 04, eines Vereins, den es immerhin schon doppelt so lange gibt wie unseren, der de facto aber nichts anderes ist als ein Werksklub von Audi." Auch die TSG Hoffenheim sehen viele Fußballfans in diesem Zusammenhang kritisch: Der Verein schaffte es nur dank der Zuwendungen von Dietmar Hopp in die Bundesliga.

Dass die RB-Fans als tumbe Erfolgsfans gälten und die der Traditionsvereine als hehre Idealisten, sei Quatsch, sagt er SPIEGEL ONLINE. "Natürlich sind den meisten RB-Fans fanpolitische Fragen egal, aber die Mehrheit der Schalke-Anhänger hat ja auch kein Problem damit, dass ihre Mannschaft für Gazprom wirbt." Dabei teilt "Loch" sogar einige der wichtigsten Kritikpunkte der Red-Bull-Gegner: "Ich hoffe, dass die DFL erzwingt, dass sich der Verein für Mitglieder öffnet und so demokratischer wird." Und dann sagt er einen Satz, der auf den ersten Blick verwundert: "Wenn ich in Hamburg oder München wohnen würde, würde ich wahrscheinlich auch hoffen, dass RB nicht so schnell hochkommt."

Ein Widerspruch? Nein, denn "Lochs" Vita ist ziemlich repräsentativ für einige Tausend Leipziger Fußballfans, die anfangs vor allem aus Neugierde zu RB gingen. Dann, so Loch, nahmen die Dinge ihren Lauf. Beim fünften Mal merkt man, dass man doch ziemlich kräftig die Daumen drückt - ein paar Wochen später fährt man erstmals zum Auswärtsspiel.

FCK-Fan Hensel und RB-Fan "Loch" werden sich wohl nie zum Gespräch treffen. Dabei wären sie in einigen Punkten einer Meinung. Aber längst nicht in allen: "Wenn all die Leute, die jetzt RB die Taschen voll machen, damals zu Lok oder Chemie gegangen wären, würde bald auch ein Verein aus Leipzig in der ersten Liga spielen", glaubt Hensel: "Aber einer, der nicht von einem Konzern erfunden wurde, der mal was mit Fußball probieren wollte."

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noalk 22.08.2014
1. Die Fans sind nur sauer, ...
... weil sie jetzt nicht mehr das RB-Gebräu trinken können, ohne damit beizutragen, den gegnerischen Verein finanziell zu unterstützen.
vorortkoelner 22.08.2014
2.
Ingolstadt, Wolfsburg und Hoffenheim verbindet mit ihren Sponsoren oder Mäzenen der Lokalkolorit. Schließlich handelt es sich um ortsansässige Firmen. Auch Bezirksligisten haben zum Teil relativ starke lokale Sponsoren (z.B. Bauunternehmungen, Lebensmittelhersteller etc.) im Rücken. Umso stärker der Sponsor desto stärker auch der Verein. Vorausgesetzt, aus den Möglichkeiten wird etwas gemacht. - Leipzig und RB verbindet aber mal gar nichts. Es handelt sich um die deutsche Filiale eines österreichischen Getränkeherstellerteams. Diese lokale Willkür ist es, die mir aufstößt.
xcver 22.08.2014
3. Engstirnig
Mir erschliesst sich auch nicht, warum immer mit Historie als wichtigem Argument für hochklassigen Fussball hantiert wird. Wie auch schon angesprochen ist es ja kein Problem wenn alteingesessene Klubs Grosssponsoren haben, aber wehe da kommt ein Neuling mit dem man sich gar nicht aus der Kindheit verklärt verbunden fühlen kann. Die Feststellung das Fussball eben ein Geschäft ist trifft es ziemlich genau. Warum man bei dieser Erkenntnis aber immer noch an diesen Emotionalen Sinnlos-Argumenten hängen bleiben kann wiederum nicht. Ich bin jetzt kein Fan von Leipzig aber generell würde ich gerne den besten Fussball sehen. Wenn dann dafür große Geldgeber einsteigen müssen, nur zu. ein Fussballverein nur in hohen Klassen
walter_de_chepe 22.08.2014
4. Für den Sport ein Glücksfall
Das Engagement von Red Bull für den Sport ist einmalig. Das hat viele Sportarten nach vorne gebracht und viele Sportler in ihrem Sport gehalten. Gerade RasenBallsport Leipzig ist für mich, gerade auch vor den vielen anderen Aktivitäten von Red Bull nicht der größte Fall von Kommerzialisierung. Die Summen die von anderen Konzernen in den deutschen Fussball fließen sind viel höher; besonders Bayern, Dortmund, Hamburg dürfe nicht das Maul aufreißen.
alter55 22.08.2014
5. Die Liga ist doch eh versaut
Es geht doch nur ums Geld. Es spielt keine Rolle, wie der Verein sich nennt. Schalke - Gazprom; Leverkusen = Bayer; Hoffenheim = SAP/Hopp; die Reihe lässt sich beliebig fortsetzen. Was das "Demokratieverständnis" betrifft, so sind der DFB und die FIFA sicherlich ein sehr gutes Beispiel. Irgendwie habe ich den Eindruck, dass RB Leipzig dem DFB nicht gefällt und deshalb Stimmung gegen ihn gemacht wird. Der DFB hat nu Angst, dass ihm irgendwann die Felle davon schwimmen....... hoffentlich bald. Übrigens sind es in der Bundesliga keine "Vereine" mehr die spielen, sondern unternehmensgeführte Trust`s oder Holdings. Also sollen sich die Fans vom DFB oder den Vereinen nicht verarschen lassen. Fans haben sowieso nichts zu melden und Vereinsmitglieder auch nicht.
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