Frontzeck-Rauswurf bei St. Pauli Das trotzige Ende einer Beziehung

Die Beurlaubung von Michael Frontzeck beim FC St. Pauli schien überraschend, und doch hat sie sich angebahnt. Schon länger waren sich Vereinsführung und Coach nicht mehr einig. Auf der Suche nach einem Nachfolger für Frontzeck könnte der Club in den eigenen Reihen fündig werden.


Hamburg - Es gehörte bislang beinahe zur Stellenbeschreibung eines Trainers des FC St. Pauli, die Haare auf minimaler Länge, einen schwarzen Kapuzenpulli und einen grimmigen Gesichtsausdruck zu tragen. Doch hinter der mürrischen Fassade schien es in dem Hamburger Zweitliga-Club meist freundlicher zuzugehen als in vielen anderen Profivereinen.

Die plötzliche Beurlaubung von Trainer Frontzeck zeigt aber: Zwischenmenschlich lag auch am Millerntor offenbar einiges im Argen.

Alle seien überrascht gewesen von der schnellen Entwicklung, ließen beide Seiten am Mittwochmorgen verlauten, "ich muss das erstmal sacken lassen, ich bin ein Stück weit traurig", sagte Frontzeck. Ein Stück weit. Der 49-Jährige hat seine Worte mit Bedacht gewählt, er weiß, dass auch er zur endgültigen Eskalation beigetragen hat.

Unstimmigkeiten deuten sich schon länger an

"Wir sahen uns zu diesem drastischen Schritt gezwungen, da Michael Frontzeck mit der Forderung einer sofortigen Vertragsverlängerung uns so unter Druck gesetzt hat, dass wir diesen Weg nicht gehen konnten und wollten. Der FC St. Pauli wird sich niemals einem Ultimatum unterwerfen und immer selber das Heft des Handelns in der Hand behalten", sagte Vereinspräsident Stefan Orth auf der eilig einberufenen Pressekonferenz.

Man habe erst die weiteren Spiele bis zur Winterpause abwarten wollen und sehen, ob sich die Mannschaft im oberen Mittelfeld der zweiten Liga stabilisieren könne, sagte Sportchef Rachid Azzouzi. Als Frontzeck daraufhin ankündigte, den FC St. Pauli im Sommer verlassen zu wollen, kam ihm die Clubführung zuvor. "Nach 14 Monaten enger Zusammenarbeit sollte ein Verein in der Lage sein, eine Entscheidung zu treffen", monierte der Trainer. Das wollte man sich im Club nicht bieten lassen, nicht auf St. Pauli, dort geht man anders miteinander um, schien Orth deutlich machen zu wollen.

Frontzeck versuchte zwar, diesen Akt mit unterschiedlichen Auffassungen über die sportliche Ausrichtung des Teams zu begründen. Es war aber nicht viel mehr als ein Ablenkungsmanöver von den eigentlichen Unstimmigkeiten. Der frühere Bundesliga-Trainer von Borussia Mönchengladbach hatte die Mannschaft im Oktober 2012 von André Schubert übernommen und den Abstieg abgewendet. Nach 13 Saisonspielen steht die Mannschaft derzeit auf dem achten Tabellenplatz, vier Punkte trennen ihn vom Relegationsrang (23 Punkte). Es gab schon weitaus bedrohlichere Situationen.

Meggle möglicher Trainerkandidat

Auch die 1:4-Niederlage gegen den 1. FC Kaiserslautern am vergangenen Wochenende wäre wohl rasch verkraftet gewesen. Hätte nicht Frontzeck ausgerechnet jetzt auf seiner Vertragsverlängerung bestanden. Der Streit darum gärte schon länger; dass er sich derart zuspitzte, ist wohl vor allem das Resultat eines gewachsenen Unverständnisses beider Seiten füreinander. So soll es in den vergangenen Monaten wiederholt zu Reibungen zwischen Frontzeck, Präsident Orth und Sportchef Azzouzi gekommen sein, unter anderem nach dem Spiel gegen 1860 München im Juli, das St. Pauli 1:0 gewann.

Sowohl die Wortwahl Frontzecks als auch die Orths nach Bekanntgabe der Trennung zeugen von fast kindlichem Trotz auf beiden Seiten. Verhandlungen auf rationaler Basis waren offenbar nicht mehr möglich. Doch dass der Verein so schnell und so konsequent reagiert, damit hatte auch Frontzeck nicht gerechnet.

Vielleicht war er sich seiner Sache schlicht zu sicher, vielleicht hat er sich einfach verzockt.

Schubert, Frontzeck - nach dem tränenreichen Weggang von Holger Stanislawski war man beim FC St. Pauli nie so richtig glücklich mit den Trainern, keiner von ihnen konnte die fußballromatische Seele der Fans oder des Vereins wirklich zufriedenstellen. Zudem mangelte es jedem von ihnen an einem spielerischen Konzept.

Nun werden Stimmen laut, die eine Rückkehr Stanislawskis fordern, nach seinem Rücktritt beim 1. FC Köln ist der 44-Jährige derzeit ohne Trainerjob. SPIEGEL ONLINE hat jedoch aus vereinsnahen Quellen erfahren, dass ein anderer Kandidat gute Chancen auf den Posten hat: Thomas Meggle, 38, früher selbst St.-Pauli-Spieler und derzeit Coach der U23. Meggle lächelt gern und häufig, seine Haare sind lang genug, um sie mit Gel in Form zu bringen. Es ist wohl Zeit für Veränderung.

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
1940fischer 06.11.2013
1. Bitte nicht Stanislawski!
Bei aller liebe zum "Kult"- aber der hatte St.Pauli doch zum Abstieg geführt! Er hatte weder taktisch noch bei Standards nennenswerte Eingebungen. Deshalb ist er auch über all gefeuert worden. Wollt ihr ewig Kellerkinder bleiben?
f13 06.11.2013
2.
Zitat von 1940fischerBei aller liebe zum "Kult"- aber der hatte St.Pauli doch zum Abstieg geführt! Er hatte weder taktisch noch bei Standards nennenswerte Eingebungen. Deshalb ist er auch über all gefeuert worden. Wollt ihr ewig Kellerkinder bleiben?
Mit Stanislawski sind wir aus der Bundesliga abgestiegen. Das ist richtig. Aber das wären wir meiner Meinung nach auch mit nahezu jedem anderen Trainer. Das Jahr Bundesliga war schön und lehrreich. Aber St. Pauli ist momentan auf dem Platz, wo man als Realist St. Pauli sehen sollte (auch zukünftig), im oberen Mittelfeld der zweiten Liga. Ich denke Stanislawski hätte durchaus die Qualität diese auch dort zu erfüllen. In Hoffenheim war er zu einem sehr schlechten Zeitpunkt und Köln ist, wenn man ehrlich ist, ja auch bei jeder Niederlage ein Pulverfass. Ich persönlich bin mir nicht sicher, ob man Stani zurück holen sollte. Ich lasse mich gerne auch von einem anderen Trainer überraschen.
/egal/ 06.11.2013
3. och ne,
ne eingeschränktere würdigung von stanis leistngen hab ich ja noch nie gelesen. wenn mann die jahre davor vergisst,ausblendet oder einfach böswillig ist stimmt sie sogar. die st.pauli fans haben jede menge spass in der 2. liga (sofern sie das als "kellerkind" bezeichnen). 1. liga und dafür steril und langweilig...ne,danke...muß nicht sein
olleosche 06.11.2013
4. 1940fisher
Mit Stani ist Skt.Pauli zweimal aufgestieggen - von der Regionalliga bis in die 1. Bundesliga. Er ist nur in Hoffenheim gefeuert worden, in Köln ist er, gegen den Willen des Vereins, zurückgetreten, weil er sein Ziel den Aufstieg in die 1. Bundesliga nicht erreicht hatte. Also erst informieren eher mann klugscheisst. Forza Stani Forza Skt.Pauli
8917 06.11.2013
5.
Stani in allen Ehren, wir hatten tolle Zeiten, aber ich glaube, die Gefahr einer gewissen Betriebsblindheit wäre zu groß. Wir brauchen einen Trainer wie Thomas Schaaf. Sozial eingestellt, norddeutsch (also etwas schräg drauf), einen Ruhepol, der aber auch mal den Mund aufmacht, wenn irgendwas nicht läuft. Nicht so einen weichgespülten Trainer, der immer alles ganz toll fand. Ich bin froh, dass Herr Frontzeck weg ist, auch wenn der Zeitpunkt und die Umstände etwas kurios erscheinen.
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