Union-Protest gegen RB Leipzig Ganz in Schwarz gegen den Brausekommerz

15 Minuten Schweigen, ein Stadion in Schwarz, dann Konfettiregen. Die Fans von Union Berlin haben gegen den ungeliebten RB Leipzig protestiert. Sportlich legten die Gastgeber anschließend nach.

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Aus Berlin berichtet Stephan Uersfeld


Und auf einmal diese Stille. Gerade noch dröhnte die Vereinshymne durch die Alte Försterei, die Heimat des FC Union Berlin. Dann nichts. Schweigen. Ein paar bunte Luftballons platzten im Gästeblock. Doch es blieb still. Für 15 Minuten. Zwischendurch höchstens mal ein Raunen. Der Gästeblock konterte mit: "Ohne Leipzig wär hier gar nichts los"-Gesängen. Lange hielten sie sich nicht.

Der Fußball ist in Gefahr, so sagen die organisierten Fans. Die Fußballkultur stirbt, sagen sie. Erneut. Und es gibt aus ihrer Sicht einen klaren Feind. Die Bedrohung aus dem Blick der Union-Fans geht vom Gast in der Alten Försterei in Berlin aus: RB Leipzig. Das RB steht für Rasenballsport, so singen es auch die Fans der Leipziger. Das RB steht jedoch auch und in erster Linie, für Red Bull, dem Brausehersteller aus Österreich - ein Symbol für "ein emporgehobenes Marketing-Produkt", wie es in dem Flyer heißt, der an die Zuschauer an der Alten Försterei ausgeteilt wird.

Union-Präsident solidarisiert sich mit dem Protest

Dagegen richten sich die Fans. Und deshalb tragen sie an diesem Sonntagnachmittag fast geschlossen Schwarz. Gegen "Fußballprofis mit Eurozeichen in den Augen" und gegen "gleichgeschaltete Konsumenten auf den Rängen". RB Leipzig wirft, allein weil er da ist, die alten Fragen auf: Wie weit geht der Kommerz? Wie kann man sich wehren?

Seit Wochen protestieren die Fans der übrigen Zweitliga-Vereine gegen Red Bull. Neben Extremsportarten, Formel 1 und Weltraumspringen ist der Konzern längst auch im Fußball angekommen. Gästefans aus Aalen, Aue, Braunschweig trugen ihren Unmut, ihre Wut schon in das Leipziger Stadion.

"Erst war das Produkt da und später wurde Fußball aus vertrieblichen Gründen dazu gekauft. Und zwar ohne jeglichen territorialen Zusammenhang, wie in Leverkusen, Wolfsburg oder Ingolstadt", sagt Union-Präsident Dirk Zingler, der die Fan-Proteste inhaltlich mitträgt, vor dem Anpfiff.

Die Proteste in der Alten Försterei sind die bislang größten ihrer Art. Und sie waren bemerkenswert positiv. Es hätte auch kippen können. "Alle Bullen sind Schweine!", schallte es bereits zwei Stunden vor Anpfiff durch den Bahnhof Köpenick. Die Union-Fans standen vor der Abseitsfalle, ihrer Fankneipe, zusammen, diskutieren über den geplanten Protest, trugen "Rattenball Leipzig"-Shirts.

Für Union eine Initialzündung

An den Eingängen verteilten Union-Fans 20.000 schwarze Regenponchos, in der letzten Woche aus Müllsäcken ausgeschnitten. "In Leipzig stirbt die Fußballkultur", steht auf einem Plakat. "Fußball braucht Mitbestimmung, Treue, Stehplätze, Emotionen, Ehrenamt, Financial Fairplay, Tradition, Transparenz, Leidenschaft, Geschichten, Unabhängigkeit", war auf einem Transparent zu lesen.

"Wir haben hier heute alle richtig Bock drauf", sagte ein Union-Mitarbeiter vor der Partie. Nach schwierigen Wochen in der Liga, nach einem Trainerwechsel in der Sommerpause, einem Fehlstart, den branchenüblichen Nebengeräuschen, erhofften sich die Fans bei dem so gerne als Kult-Klub bezeichneten Berliner Verein von diesem Spiel auch eine Initialzündung. Und sie bekamen sie.

15 Minuten schweigen für den Erhalt der Kultur. Danach die Mannschaft unterstützen. Das alles in enger Abstimmung mit dem Verein in zwei Wochen entwickelt. "Von Fans für Fans. Das alles ist ein positiver Protest. Nicht gegen etwas, sondern für etwas", hat Union-Sprecher Christian Arbeit betont. Leipzig-Trainer Alexander Zorniger bekundete unter der Woche leicht ironisch seinen Respekt vor der Union-Fans. "Warum supporten die nicht viel mehr ihre eigene Mannschaft, als sich auf uns zu konzentrieren?", fragte er.

Nach 15 Minuten der Stille wurde es dann laut. Richtig laut. Von den Tribünen der Alten Försterei regnete es Konfetti. "Union, Union, Union, Union." Minutenlang. Und das Team nahm die Stimmung auf, gewann das Spiel 2:1. Durch zwei Sebastian-Polter-Tore, bei einem Gegentreffer des 20-jährigen Dänen Yussuf Poulsen, gewannen die Berliner - und verloren die Leipziger - zum ersten Mal in der Saison.

Es war ein umkämpftes, zähes Zweitligaspiel. "Ein außergewöhnliches Spiel, außergewöhnliche Umstände", sagte Union-Coach Norbert Düwel, und trotz der Niederlage gebührte das Schlusswort dem Leipziger Trainer Zorniger: "Nicht die Traditionsmannschaften, die bisher da waren, haben es geschafft das Stadion zu füllen, sondern wir."



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Andreas58 21.09.2014
1. es ist eh alles Kommerz
hier aber in einer bes. bösartigen Form
no__comment 21.09.2014
2. Scheinheilige Heuchelei
Wenn sich Fans eines PROFI-Clubs über RB Leipzig aufregen, dann ist das in meinen Augen einfach nur scheinheilige Heuchelei.
Fangio 21.09.2014
3. Daumen hoch
haben alles richtig gemacht bei Union – Mannschaft und Fans.
jejo 21.09.2014
4. Frag doch mal bei anderen?
Was sagt man zu Gazprom 04, oder gibt es da einen "territorialen Zusammenhang"?
graubereich 21.09.2014
5. Union spinnt schon immer.
Union hat schon immer einen an der Klatsche. Ist ja nu nichts neues mehr. Warum diese Berichterstattung? Will Red Bull bei Spiegel keine Werbung schalten?
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