Überraschungsteam Darmstadt Sehet, die Lilien!

Der Aufstieg von Darmstadt 98 in die Fußballbundesliga rückt immer näher. Nach dem 1:0-Sieg in Karlsruhe können sich die Hessen nur noch selbst schlagen. Doch genau das wird nicht passieren.

Jubelnde Darmstädter: Den Aufstieg ganz nah vor Augen
Bongarts/Getty Images

Jubelnde Darmstädter: Den Aufstieg ganz nah vor Augen

Von , Karlsruhe


Die Spieler von Darmstadt 98 verhielten sich im Karlsruher Wildparkstadion auch noch in der 110. Minute taktisch diszipliniert. 20 Minuten zuvor war das Spiel abgepfiffen worden. Doch auch nach dem 1:0-Sieg im "Endspiel" (KSC-Trainer Markus Kauczinski) wichen Spieler und Funktionäre der Hessen keinen Millimeter von ihrer Marschrichtung ab, das Wort "Aufstieg" zu meiden wie der Teufel das Weihwasser.

Dabei haben die 98er, volkstümlich die Lilien genannt, nun zwei Punkte Vorsprung auf Kaiserslautern und vier auf den KSC. Sechs Punkte sind noch zu vergeben, in denen es Darmstadt mit Fürth und St. Pauli zu tun bekommt. Es ist also mehr als wahrscheinlich, dass Darmstadt in der kommenden Saison erstklassig ist.

Doch an all das wollte Dirk Schuster keine Gedanken verschwenden: "Wir befassen uns am 24. Mai mit der Situation, die wir dann erreicht haben", sagte der Darmstädter Trainer. Und auch Mittelfeldmann Florian Jungwirth tat den Journalisten nicht den Gefallen, zuzugeben, dass sein Team beste Chancen hat, direkt aufzusteigen. "Wir machen es wie immer und hauen jetzt ein paar Floskeln raus, die euch so richtig langweilen."

Die großen Favoriten sind düpiert

Warum sollten sie es auch anders halten auf der Zielgeraden einer Saison, in der man als bettelarmer Aufsteiger mit viel taktischer Disziplin und einem schlüssigen Defensivkonzept 32 Spieltage lang die großen Favoriten wie Kaiserslautern und Nürnberg düpierte? Sie müssen schließlich nur noch zwei Wochen lang konzentriert bleiben, um vier Jahre nachdem sie in der Regionalliga Süd gegen Pfullendorf und Weiden spielten, den dritten Aufstieg seit 2010 zu schaffen.

Wer das Spiel am Montag Abend sah, bekam im Zeitraffer all das geboten, was die "Lilien" zur Überraschungsmannschaft in dieser Saison gemacht hat. Eine einzige echte Torchance gestattete man dem KSC und hielt danach die Partie gegen eine Karlsruher Mannschaft offen, die spielerisch mehr zu bieten hatte, sich aber in der 66. Minute den alles entscheidenden Fehler leistete. Nach eigenem Eckball vertändelte Manuel Torres den Ball ohne jede Not, Romain Brégerie leitete sofort auf Marcel Heller weiter, der nach spektakulärem Spurt über das halbe Spielfeld querlegte. Tobias Kempe erzielte das Tor des Tages.

"Ein blitzgescheiter Konter", lobte Trainer Schuster, und Kollege Jungwirth freute sich über die Sprintqualitäten Hellers, der nach eigenen Angaben früher mal 3,7 Sekunden auf 30 Meter gelaufen ist und nun im Mannschaftskreis "Usain" Heller genannt wird.

Darmstadt besticht durch seine Disziplin

Das Tor war allerdings gefallen, weil ein technisch begabter Karlsruher Spieler vor lauter kindlicher Freude am Ball vergessen hatte, dass Fußball ein Mannschaftssport ist. "Ich habe heute einen kleinen Unterschied zwischen beiden Mannschaften gesehen", sagte dann auch dessen Trainer. "So ein Ballverlust passiert Darmstadt nicht."

Kauczinskis Ärger war verständlich. Fraglich, ob der KSC ein Tor geschossen hätte, aber ein 0:0 hätte alle Optionen für die letzten beiden Spieltage offen gehalten. Der KSC rechnet sich nun allenfalls noch minimale Chancen auf Platz drei aus, plant aber gedanklich schon mit der nächsten Zweitligasaison.

Darmstadt weiß hingegen ganz genau, dass es sich jetzt nur noch selbst ein Bein stellen kann. Es ahnt aber offenbar auch, dass genau das nicht passieren wird, weil dem Team bewusst ist, welche Art von Fußball bei seinen Möglichkeiten zum Erfolg führt.

Rückschläge gab es, doch man ging gestärkt daraus hervor. Am 30. Spieltag verloren die "Lilien" 2:1 bei RB Leipzig, und nicht wenige Analysten sahen die Wachablösung gekommen. Leipzig werde sich im Schlussspurt doch noch den Aufstieg sichern, hingegen werde dem wackeren Aufsteiger die Puste ausgehen, hieß es. Leipzig hat seither gegen Sandhausen und St. Pauli verloren. Darmstadt gewann gegen Kaiserslautern und den KSC.

"Vielleicht dauert ja die Rückfahrt aus Fürth am nächsten Sonntag etwas länger", hat Florian Jungwirth noch gesagt, ehe er endlich duschen durfte. Da hätte er sich fast verquatscht.



insgesamt 29 Beiträge
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fpwinter 12.05.2015
1. Ist der Titel nicht
aus d´Annunzios "Martyrium des heiligen Sebastian"? sophisticated...
ddnomad 12.05.2015
2.
Die hälfte der Spieler sind ex Dresdner. Warum beginnen die plötzlich mit Fußball spielen? Naja einigen gönne ich es.
Hubatz 12.05.2015
3. Darmstadt zeigt wie es geht...
Auch wenn es noch nicht 100% save ist: Gratulation und Respekt an Darmstadt zum Durchmarsch aus Liga 3. Hut ab aus Rostock :)
HejAlterHastMalnEuro 12.05.2015
4. Wahrscheinlichkeitsrechnungen beim Sport haben viele Unbekannte.?
Werter Autor was hätten Sie gesagt, wenn ich Ihnen vor gut zwei Monaten erzähllt hätte, dass St. Pauli drei Aufstiegskandidaten fast direkt hintereinander schlägt. Braunschweig und Kaiserslautern in ihren eigenen Stadien und RB Leipzig in Hamburg. O.K. hätte ich wohl so nie gesagt, weil ich das auch für ganz unwahrscheinlich hielt. Ich hoffe Darmstadt macht den Aufstieg schon am 33. Spieltag klar, dann hat es St. Pauli in Darmstadt wahrscheinlich ein Stück einfacher, und holt dort die wahrscheinlich für den Klassenerhalt nötigen fehlenden 3 Punkte.
600watt 12.05.2015
5. nochmal zum mitschreiben:
mai 2013: letzter spieltag 3. liga, der sv 98 steigt ab... mai 2014: relegation zur 2.liga, der sv 98 verliert das heimspiel 3:1, bielefeld führt auch im rückspiel... mai 2015: im aufstiegskampf zur 1. bundesliga liegt darmstadt auf einem aussichtreichen zweiten platz. wenn die so weitermachen, stünde im mai 2016 ja die championsleague an. (da würde sich real madrid aber ganz schön wundern, zu gast im engen böllenfalltorstadion, ausverkauft mit 15 000 zuschauern)
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