Überlebensstrategien der Drittligisten Profispieler, Amateurverdiener

Viele Fußballvereine im Osten stecken in finanziellen Schwierigkeiten, vor allem Traditionsklubs kämpfen ums Überleben - und unternehmen kreative Rettungsversuche.

Jena-Spieler René Eckardt und Manfred Starke
imago/Karina Hessland

Jena-Spieler René Eckardt und Manfred Starke

Von Fabian Held


"Leichtes und elastisches Material, atmungsaktiv, optimaler Feuchtigkeitstransport": Die Eigenschaften des Trikots vom FC Carl Zeiss Jena sind die eines, nun ja, Fußballtrikots eben. Was vorne draufsteht, ist spannender - und der eigentliche Grund, warum sich das Teil so gut verkauft. Denn auf der Brust wirbt die Wacken Foundation mit gehörntem Logo des gleichnamigen Heavy-Metal-Festivals in Schleswig Holstein. Das Trikot mit dem Metal-Flair sorgt beim Klub für gute Einnahmen, am Ende der Saison soll eine fünfstellige Anzahl der Trikots (67,95 Euro ohne Beflockung) abgesetzt sein.

Hinter der ganzen Aktion steht die Metal-Band Heaven Shall Burn, die aus der Nähe von Jena kommt. Sie hat einen "mittleren fünfstelligen Betrag" für die Werbefläche bezahlt, genauer will es keiner sagen. "Wir wollten zeigen, dass es cool ist, seinen lokalen Verein zu unterstützen", sagt Gitarrist und Jena-Fan Maik Weichert.

Heaven-Shall-Burn-Gitarrist Weichert
imago/Christoph Worsch

Heaven-Shall-Burn-Gitarrist Weichert

Für den Verein ist das Sponsoring, das es 2015 schon einmal gab, ein enormer PR-Erfolg. Er braucht aber auch Zusatzeinnahmen, denn die dritten Liga ist für Ostvereine zur Pleiteliga geworden. Der Lokalrivale Rot-Weiß Erfurt erwägt gerade ein Insolvenzverfahren, auch der Chemnitzer FC steht vor dem Kollaps, beim FSV Zwickau ist das Budget ebenfalls auf Kante genäht und für den Halleschen FC ist kommende Woche ein Benefiz-Schnitzelessen geplant, "Schnitzel mit Champions und Beilagen, dazu einen halben Liter Wernesgrüner Pils sowie einen Hausschnaps - und das alles für nur 14,99 €". Die Einnahmen gehen komplett an den Klub. Woran liegt es, das diese Traditionsvereine so bedürftig sind?

"Es liegt sicher nicht daran, dass es zu wenig Geld auf der Welt gibt, es ist nur schlecht verteilt", sagt Gitarrist Weichert und lacht: "Auch wenn das jetzt etwas nach Marx klingt." Es trifft ein Kernproblem: Die dritte Liga ist eine Profiliga, ohne Profi-Einnahmen. Knapp eine Milliarde Euro an Fernsehgeldern verteilt die DFL pro Saison in der ersten und zweiten Bundesliga, in der dritten Liga sind es gerade einmal 12,8 Millionen Euro. Auf die Fernsehgelder sind aber gerade die Ost-Klubs angewiesen. Zwar geht es in den Regionen wirtschaftlich bergauf, die Firmensitze und damit die lokale Verbundenheit der meisten Unternehmen liegt aber im Westen. So fehlt es an Firmen, die im großen Stil Geld zuschießen.

"Klar, Erfurt ist 'ne Mannschaft, die man hasst"

Steffen Ziffert, Sportvorstand beim Chemnitzer FC, erklärt den Unterschied zu den höheren Ligen aus seiner Sicht: "Ich glaube, dass wir in der dritten Liga den gleichen Aufwand haben, eher mehr - wir haben ja noch zwei Mannschaften mehr dabei. Aber die Fernsehgelder sind halt das Zehnfache weniger." Chemnitz' finanzielle Probleme sind auch hausgemacht, der Verein hat sich beim Stadionneubau verhoben. Kosten für Sicherheitspersonal, Möblierung und Catering wurden unterschätzt, ebenso die Mietkosten. Die Stadt griff dem Verein über die eigene Wohnungsbaugesellschaft unter die Arme. Was blieb ihr auch übrig - wäre der Verein pleitegegangen, stünde das neue Stadion jetzt leer.

Jetzt steht der CFC als 18. zusammen mit dem ebenfalls schwer angeschlagenen Rot-Weiß Erfurt (Platz 20) am Tabellenende. "Klar, Erfurt ist 'ne Mannschaft die man als FCC-Fan hasst", sagt Weichert, "aber ich nehme in Jena keine Gehässigkeit wahr. Niemand will, dass Erfurt pleitegeht oder absteigt. Die Derbys haben wir liebgewonnen."

Spruchbänder von Erfurt-Fans
imago/Karina Hessland

Spruchbänder von Erfurt-Fans

In der ewigen Tabelle der dritten Liga ist Erfurt Erster, Osnabrück liegt auf Platz drei, Münster auf Platz sechs, Chemnitz auf neun. Sie alle haben große wirtschaftliche Probleme. Wer lange drittklassig spielt, stößt in der Regel irgendwann an seine finanziellen Belastungsgrenzen.

Geht es für Vereine in die Regionalliga, wird es schwierig, überhaupt wieder zurückzukommen. In den kommenden beiden Spielzeiten steigen drei der fünf Regionalligameister direkt auf, die anderen beiden spielen in einer Relegation um den verbleibenden Aufstiegsplatz. Danach soll eine tragfähigere Lösung gefunden sein. Einige Ex-Größen aus Ost und West tun sich schwer, sich aus der Viertklassigkeit zu befreien: Alemannia Aachen, Kickers Offenbach, BFC Dynamo, Lok Leipzig, Energie Cottbus, 1. FC Saarbrücken.

Weil allen Vereinen bewusst ist, dass ein Überleben in Liga drei nicht möglich ist, ist die Risikobereitschaft hoch, auf Pump den Aufstieg erzwingen zu wollen. "Es ist ein Teufelskreislauf: Wenn ich nur das Geld in den Kader investiere, das ich habe, dann laufe ich Gefahr, nicht gut genug zu sein", sagt auch CFC-Sportvorstand Ziffert.

Das jüngste ostdeutsche Sorgenkind ist der Hallesche FC, dem rund 1,5 Millionen Euro fehlen. Das Präsidium gestand Fehler ein, die allzu oft mit hastigen Wintertransfers oder Bettelrunden bei den Sponsoren übertüncht wurden. In einem offenen Brief hieß es nun: "Wir wollen und können das so nicht mehr, weil jeder Vorgriff auf die Zukunft den HFC in absehbarer Zeit zwangsläufig wieder in die Bredouille bringt." Das Schnitzelessen der Fans wird langfristige Probleme auch nicht lösen.

Die Drittligisten fordern mehr Einsatz vom DFB

Der FSV Zwickau, eigentlich eher für solides Wirtschaften bekannt, wird am Ende der Saison rund 400.000 Euro brauchen. Der Zuschauerschnitt ist nach einem überraschenden Aus im Sachsenpokal eingebrochen. Immerhin, die Saison ist schon mal durchfinanziert. Vorstandssprecher Tobias Leege sagt: "Unter den Blinden haben wir die Möglichkeit, mit technischen Hilfsmitteln etwas zu sehen."

Der DFB greift ab der kommenden Saison ein. Dann soll eine Art Financial Fair Play kommen, mit dem solide wirtschaftende Vereine belohnt werden sollen. Die Drittligisten fordern ihrerseits ein "Büro dritte Liga", das sich um administrative Aufgaben kümmern soll, sowie ein Sitz im Präsidium des DFB und zwei in der Kommission.

In Jena geht es sportlich und wirtschaftlich aktuell eher ruhig zu. Das liegt an der Band Heaven Shall Burn, aber auch am belgischen Investor Roland Duchâtelet, der dem Verein immer wieder unter die Arme gegriffen hat. "Ohne Duchâtelet würde es in Jena schlecht aussehen", sagt Maik Weichert.

Der Gitarrist und Fan hat eigentlich einen simplen Wunsch: "Wenn das wirtschaftliche Überleben möglich wäre, wäre ich zufrieden mit der dritten Liga". Es wird vermutlich eine Utopie bleiben.



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gnarze 22.02.2018
1. Dfl
Die dritte Liga muss in die DFL integriert werden, kann ja nicht, sein, dass die Vereine noch nicht einmal 1 Mio. Euro aus Fernsehgeldern bekommen, es aber die meisten Livespiele im Free-TV zu sehen gibt.
TS_Alien 22.02.2018
2.
Profifußballer braucht man gar nicht. Jeder Drittligaspieler könnte problemlos einem Halbtagsjob nachgehen. Das ist auch deshalb zu empfehlen, weil die Spieler nach ihrer aktiven Fußballzeit in einem anderen Beruf arbeiten können.
okav 22.02.2018
3. In Lüneburg werden solche Probleme anders gelöst
Als der dortige Viertligist Insolvent ging, hat die Rot/Grüne Stadtregierung einfach den wunderschönen Waldsportplatz mit 3 Plätzen einer hundertjährigen Holztribüne, der sich im Eigentum des Vereins befand aus dem Naturschutz entnommen und zu Bauland erklärt. Damit der Verein nicht profitiert (der Wert des Geländes war plötzlich höher als die Ursprungsschulden) wird das Insolvenzverfahren in die Länge gezogen (mittlerweile über 10 Jahre). Um den Verein auszuhungern wurde der Insolvenzverwalter in einer laufenden Saison beauftragt das Gelände zu verkaufen. Der Verein war Tabellenführer der Oberliga und stieg trotzdem auf. Der Verein ging widererwarten nicht kaputt, durch den hohen Einsatz aller Ehrenamtlichen Mitglieder, musste die Letzten Spiele auf dem Dorf austragen und spielt seitdem in der Regionalliga Nord ohne eigene Plätze. An die 300 Kinder haben kein eigenen Sportplatz mehr und müssen in einer wachsenden Stadt mit viel zuwenig Sportplätzen auf ständig wechselnden Spielflächen spielen. Auf dem alten Sportplatz im Wilschenbruch stehen nun 13 Villen für gehobenes Publikum. Es wurden Millionen für das Theater ausgegeben, ein zweistelliger Millionenbetrag für ein wenig besuchtes Museum, über 100 Millionen für ein Unigebäude, das natürlich von Libeskind geplant werden musste, keine geraden Wände hat und einen Nutzwert von unter 30 Mio hat. Nun soll für einen privaten Konzertveranstalter eine Halle gebaut werden, die auch die neuerdings in der Bundesliga aufschlagenden Volleyballer für Heimspiele nutzen darf, wenn kein Konzert stattfindet. Kosten über 13 Millionen. Das ganze würde eine gute Grundlage für einen Fernsehfilm bieten, wenn es nicht so traurig wäre. So geht Sportförderung, auch wenn die Ehrenamtlichen auf dem Zahnfleisch kriechen und sich für die Kinder den Arsch aufreißen.
varlex 22.02.2018
4. Pleiteliga
Die 3. Liga ist und bleibt eine Pleiteliga. Das liegt unter anderem an den Anforderungen (welche fast analog der 2. Liga sind) und dem vergleichsweise wenigen Geld, dass es gibt. Auch wenn in der aktuellen Saison besonders die Ostdeutschen Clubs zu kämpfen haben, ist dies eher eine gesamtdeutsche Problematik. Bisher Vereine, die in der 3. Liga Insolvenz eingereicht haben: VfR Aalen, FSV Frankfurt, Stuttgarter Kickers, Emden, RW Ahlen, TuS Koblenz, Kickers Offenbach, Alemannia Aachen, Unterhaching. Es gibt auch einige positive Beispiele, die es schafften, vergleichsweise gesund zu wirtschaften: Dynamo Dresden, Magdeburg, Heidenheim. Aber dies ist nicht die Regel.
huginzwei 22.02.2018
5. Amateurverdiener?
Ja nee! Ich hab das im Bekanntenkreis erlebt, dass ein aufstrebendes Talent sich nach der Ausbildung bei einem Erstligaverein nicht durchsetzten konnte und fast seine ganze Karriere in der Regionalliga mit einem kurzen Abstecher in die 3.Liga gespielt hat. Das Gehalt kratzte nominell schon am 6stelligen Bereich, die Crux war nur, dass es ein Glücksfall war, wenn es auch pünktlich gezahlt wurde. 2x täglich Training, Spiele in der Woche um die Mittagszeit(!).....ein Vollzeitjob ist da nur schwer auszufüllen. Glück war zum einen, dass der Erstligaverein auch für eine Berufsausbildung sorgte und dass es im Laufe der Zeit ein Netzwerk gab, dass den Mittdreissiger jetzt aufgefangen hat. Ernsthafte Rücklagen waren nicht möglich, dass man "ausgesorgt" hat. Wenn die Vereine in der 3.Liga ernsthaft daran interessiert sind zu überleben, dann sollten sie m.E. bei den Gehältern mal wieder auf den Boden der Tatsachen zurückkehren, aber leider wird da immer wieder einer nach oben ausreissen.
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