Magdeburgs Aufstieg in die 2. Liga Wilde Hüpfer

1974 wurde der 1. FC Magdeburg Europapokalsieger, nach der Wende folgte der Absturz. Doch in der kommenden Saison spielt der Verein erstmals in der 2. Liga. Was hat man hier besser gemacht als andere ostdeutsche Clubs?

Christian Beck, Jan Glinker und Dennis Erdmann (von links)
Bongarts/Getty Images

Christian Beck, Jan Glinker und Dennis Erdmann (von links)

Aus Magdeburg berichtet Fabian Held


Um 15.54 Uhr brachen in Magdeburg die Dämme: Fans stürmten den Rasen, die Spieler lagen sich in den Armen, und der Stadionsprecher mahnte, bloß das Stadion heil zu lassen. Der Grund der Euphorie: Der 1. FC Magdeburg ist zum ersten Mal in die 2. Liga aufgestiegen.

Während mehr als 22.000 Fans feierten, saß Trainer Jens Härtel seelenruhig in den Katakomben und wartete auf die Pressekonferenz: "Wir müssen das ja abarbeiten."

"Ich kann auch lustig sein"

Bevor der Trainer erklären konnte, was seine Mannschaft beim 2:0 (2:0)-Sieg gegen Fortuna Köln besonders gut gemacht hatte, stürmten die Spieler den Presseraum für die obligatorische Bierdusche. Mit verzogener Miene und entschuldigender Geste versuchte Härtel, seine Jungs davon abzuhalten. Doch es gab kein Entrinnen.

Bierdusche für Magdeburgs Trainer Jens Härtel (Mitte)
Bongarts/Getty Images

Bierdusche für Magdeburgs Trainer Jens Härtel (Mitte)

Im Anschluss setzte sich der Coach ruhig, wenn auch nass auf seinen Platz und analysierte sachlich den Heimsieg, für den sich eigentlich niemand mehr so recht interessierte. "Seien Sie sicher, wenn keine Kamera an ist, kann ich auch lustig sein", sagte Härtel. Die Bierdusche empfand er als respektlos gegenüber seinem Trainerkollegen Uwe Koschinat.

Taktische Disziplin und eiserner Wille

Härtel, ruhig, manchmal stoisch und knochig, ist ein wichtiger Faktor für den Magdeburger Erfolg. Er nimmt sich stets zurück, wollte auch jetzt während der Feierlichkeiten nicht im Mittelpunkt stehen. Der 48 Jahre alte Trainer, dessen Sprechweise die sächsische Herkunft verrät, war früher Verteidiger in der 2. Liga. So wie er gespielt hat, will er jetzt auch seine Elf sehen: mit taktischer Disziplin und eisernem Willen.

Ralf Rangnick hatte Härtel 2013 entdeckt und als Jugendtrainer zu RB Leipzig geholt. Dass der nach einem Jahr ging, soll die Leipziger noch immer wurmen. Im April 2014 kam der Fußballlehrer nach Magdeburg und legte, damals noch in der Regionalliga, keinen guten Start hin.

"Spielerisch nicht die beste Mannschaft"

Erste "Härtel raus"-Rufe waren schon zu hören, doch Geschäftsführer Mario Kallnik hielt am Trainer fest. Härtel schaffte die Wende, am Ende der Saison stand der Aufstieg in die 3. Liga. Der Trainer ist nicht die einzige Konstante, auch Spieler wie Torwart Jan Glinker, Torjäger Christian Beck oder Kapitän Marius Sowislo sind schon seit Regionalligazeiten in Magdeburg.

Christian Beck (links) und Marius Sowislo
DPA

Christian Beck (links) und Marius Sowislo

"Wir sind spielerisch sicherlich nicht die beste Mannschaft in der 3. Liga", meint Joachim Streich, Rekord-Torschütze und Rekord-Nationalspieler der DDR sowie einer der großen Helden aus besseren Magdeburger Tagen. "Aber die Mannschaft hat Disziplin, Wucht und Dynamik. Damit haben wir die Gegner oft geradezu überrollt."

Wirtschaftlich ist Magdeburg einen Weg der kleinen Schritte gegangen: Während in Erfurt und Chemnitz der Aufstieg in die deutlich lukrativere 2. Liga auf Pump erkauft werden sollte, woran die Vereine am Ende zerbrachen, setzte der FCM auf lokale Sponsoren. "Der sportliche Erfolg soll nicht auf Biegen und Brechen erzwungen werden", sagt Streich.

Vom Europapokalsieg zur Insolvenz

In der Region lebt der Verein vor allem von seiner ruhmreichen Vergangenheit: Dreimal Meister der Oberliga, siebenmal Gewinner des FDGB-Pokals und der einzige Europapokal-Sieger der DDR-Geschichte. Neben Streich spielten auch Größen wie Jürgen Sparwasser (Torschütze zum 1:0 der DDR gegen die BRD während der WM 1974) für den Klub aus der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt.

Doch nach der Wende konnte Magdeburg nicht mehr mithalten. Während Dauerrivale Dynamo Dresden in die Bundesliga kam, ging es für Magdeburg immer weiter abwärts - bis zur Insolvenz 2002. "Danach war hier Chaos hoch fünf. Der Abstieg in die Bedeutungslosigkeit war schon traurig mit anzusehen", sagte Streich, der dem Klub trotzdem eng verbunden blieb.

Mehr Zuschauer als die meisten Zweitligisten

Fans des 1. FC Magdeburg
DPA

Fans des 1. FC Magdeburg

Die positive Entwicklung der vergangenen Jahre hat im Umfeld des Vereins für Euphorie gesorgt. Mehr als 18.000 Zuschauer wollten im Schnitt die Magdeburger Heimspiele sehen, das ist mit großem Abstand Bestwert in der 3. Liga. Nur sechs Zweitligisten haben einen besseren Besucherschnitt.

Neue Statik gegen das Hüpfverbot

Berühmt sind die Fans unter anderem für ihre Hüpfeinlagen während der Partien. Das sorgte aber für Probleme beim 2006 gebauten und von der Stadt finanzierten Stadion, das unter dem Springen zusammenzubrechen drohte. Seitdem besteht Hüpfverbot. Anfang nächsten Jahres soll die Statik überarbeitet werden.

Nach dem Aufstieg träumen manche Magdeburger sogar von mehr. "Holstein Kiel hat gezeigt, dass man mit der Aufstiegsmannschaft in der 2. Liga eine gute Rolle spielen kann", sagt Vereinslegende Streich. "Es sind alle Voraussetzungen gegeben, dass man auch von der Bundesliga träumen kann."

Geschäftsführer Kallnik ist da etwas defensiver: "Jetzt mit dem Aufstieg werden aus Visionen Ziele." Der Plan ist klar: Magdeburg will sich in der 2. Liga etablieren und den eingeschlagenen Weg weitergehen. Für zwei Fans vor dem Stadion soll das aber nur eine Durchgangsstation sein: "Ich habe hier in der Vergangenheit Europapokal gesehen und ich will auch in der Zukunft wieder Europapokal sehen."



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
tipp-ex 22.04.2018
1. an sich ok
Grundsätzlich gut, dass ein Ost-Verein mit Tradition in der zweiten Liga mitmischen wird. Hoffe, dass sie wirklich eine Bereicherung sind und dass sich keine Gruppen aus dem rechten Spektrum im Rahmen von FCM-Spielen unangenehm bemerkbar machen.
Radio-Gaga 22.04.2018
2. Glückwunsch nach Magdeburg
Ihr seid die Größten der Welt!!! Ich wünsche euch eine schöne Aufstiegsfeier, viel Erfolg in Liga 2 und möglichst wenige großonkelhaft moralisierende Belehrungen und Prophezeiungen...
at.engel 22.04.2018
3.
Einfach die beste Nachricht seit langem. Dass unter den ersten 36 deutschen Clubs gerade mal drei Clubs aus den neuen Bundesländern sind, spricht eigentlich für sich - so von wegen Wiedervereinigung und "gemeinsamem" Deutschland. In Magdeburg scheint die Dynamik zu stimmen. Wäre schön, wenn das mit der "Kulturhaupstadt" noch klappt. Das wäre durchaus ein positives Zeichen - nicht nur für Magdeburg, sondern auch für Deutschland an sich.
ludna 23.04.2018
4. Schade, der wahrscheinlich wichtigste Mann wird nicht erwähnt.
Mario Kallnik. Streich (Spielerlegende in MD) , der hier oft zitiert wird, spielt eigentlich keine aktive Rolle mehr (er ist Mitglied in einer Art Beratergremium des Präsidiums). Härtel ist ein sehr guter Trainer (Jahrgangsbester im Lehrgang noch vor einem Roger Schmitt). Ein zwei Saisons, dann interessiert sich ein Erstligist für ihn. Aber die Grundlage auf der alles entstanden ist dafür zeichnet Mario Kallnik. Als er 2012 antratt hätte ich das nie von ihm erwartet.
Larnaveux 23.04.2018
5.
Zitat von at.engelEinfach die beste Nachricht seit langem. Dass unter den ersten 36 deutschen Clubs gerade mal drei Clubs aus den neuen Bundesländern sind, spricht eigentlich für sich - so von wegen Wiedervereinigung und "gemeinsamem" Deutschland. In Magdeburg scheint die Dynamik zu stimmen. Wäre schön, wenn das mit der "Kulturhaupstadt" noch klappt. Das wäre durchaus ein positives Zeichen - nicht nur für Magdeburg, sondern auch für Deutschland an sich.
Es macht die Sache zwar nur bedingt besser, aber es sind vier Clubs: Leipzig, Dresden, Aue und Union Berlin.
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