Fanproteste in Magdeburg Die magischen zehn Prozent

Ein Zehntel des Kartenkontingents steht den Gästefans zu. Der FC Magdeburg wollte das aus Sicherheitsgründen reduzieren. Es gab Proteste - und erstaunliche Allianzen verfeindeter Fangruppen.

Von Edgar Lopez

Magdeburg-Fans: Kampf für die Zehn-Prozent-Marke
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Magdeburg-Fans: Kampf für die Zehn-Prozent-Marke


Das Drittligaspiel des 1. FC Magdeburg gegen Hansa Rostock hat bereits im Vorfeld für Streit gesorgt. Seit Mitte Februar erregt die Kartenvergabe an die Rostocker Gästefans die Gemüter. Dabei plante der FCM seit Januar, den Rostockern nur ein Kontingent von 700 Karten zur Verfügung zu stellen, wie sowohl der Verein als auch die Polizei SPIEGEL ONLINE bestätigten. Das wären deutlich weniger, als die (nicht verbindlichen) DFB-Richtlinien vorsehen, die die Abgabe von zehn Prozent der Stadionkapazität an Anhänger des Auswärtsteams vorsehen.

Als die Polizei in Sachsen-Anhalt von Rostocker Kollegen Hinweise erhalten hatte, dass Hansa-Fans in der Magdeburger Innenstadt gegen die Kartenvergabe demonstrieren könnten, änderten die Beamten ihre Gefahrenprognose und empfahlen dem FCM, ganz auf Gäste zu verzichten. Die Vorkommnisse beim Hinspiel seien für diese Empfehlung maßgeblich.

Bevor Magdeburg die Maßnahme aber öffentlich kommunizieren konnte, hatte der Rostocker Fandachverband Fanszene Rostock sie bereits publik gemacht - und im selben Atemzug eine Demo angekündigt. Am Spieltag, in Magdeburg. Das, was die Polizei eigentlich vermeiden wollte.

"Block U", der Fan- und Ultrablock des 1. FC Magdeburg, solidarisierte sich und kündigte an, den Rostockern Gästekarten für den Heimbereich zu besorgen. Für die Verantwortlichen war das brisant, denn der Heimbereich war bereits komplett ausverkauft.

Es folgte ein Hin und Her von Pressemitteilungen der Involvierten. Der FC Magdeburg glaubte, mit dem Festhalten am Angebot von 700 Auswärtskarten einen Kompromiss zwischen den Vorstellungen der Polizei, Hansa Rostocks und denen der Fans gefunden zu haben. Doch die Stimmung der Anhänger ließ sich damit nicht mehr besänftigen. Fans beider Vereine hielten an ihren geplanten Aktionen fest und forderten weiterhin zehn Prozent.

"Solidarisierung der Fanszenen sorgt für Entschärfung"

Nachdem die Magdeburger Fans weiter Druck aufbauten, einigte man sich schließlich auf ein weiteres Treffen zwischen beiden Vereinen, der Polizei und Vertretern der Magdeburger Fanszene. Dieses brachte am vergangenen Mittwoch die Wende: Die Rostocker Gäste erhalten 2000 Karten. Die Zehn-Prozent-Regel scheint zum Kulturgut geworden zu sein, das man vehement verteidigen will.

Mario Kallnik, Geschäftsführer der für den Spielbetrieb zuständigen Stadion- und Sportmarketing GmbH des 1. FC Magdeburg, beruft sich im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE auf die besondere Sicherheitslage des Spiels, die damit verbundene Gefahrenprognose der Polizei und auf Umbaumaßnahmen zur Verbesserung der Sicherheit im Gästeblock. Damit widerspricht er früheren Aussagen von Vereinsangestellten, wonach der Umbau die Stadionkapazität nicht beeinträchtigen werde. Mit der gemeinsamen Lösung zwischen allen Beteiligten sei er dennoch sehr zufrieden.

Letztlich entscheidet immer der Verein, wie viele Karten er wem zur Verfügung stellt. Das hat auch die Polizei klargestellt. Ihre Gefahrenprognose für das Spiel änderte sie nicht. "Dabei hat die Solidarisierung der Fanszenen aufgrund der Kartenproblematik bereits im Vorfeld für eine Entschärfung gesorgt", sagte Jens Janeck, Leiter des sozialpädagogischen Magdeburger Fanprojekts. Dies wolle die Polizei in ihrer Beurteilung leider nicht berücksichtigen.

Damit wird das gesamte Dilemma der bisherigen Entscheidungsfindung sichtbar. Der FCM versteckte sich lange Zeit hinter der Gefahrenprognose. Und die Fans sind trotz des späten Eingehens auf ihre Forderungen unzufrieden. "Block U" erhebt öffentlich schwere Vorwürfe: Man sei es leid, von der eigenen Vereinsführung für dumm verkauft zu werden. Offenbar ist die Kommunikation schon länger belastet.

So oder so aber ist das Thema nicht vom Tisch. Denn inzwischen haben sich auch die Ultras von Dynamo Dresden in die Diskussion eingemischt. Mit einer eigenen Demo am 5. März in Magdeburg wollen sie zehn Prozent des Gästekartenkontingents für ihr Spiel gegen den FCM am 16. April fordern. Und nur einen Tag später werden auch Osnabrücker Fans demonstrieren: In Münster, gegen ihren Ausschluss vom Derby.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
erst nachdenken 27.02.2016
1.
Es braucht ausreichend Gästefans im Stadion für die Stimmung, sonst kann man auch gleich TV schauen!
thimm.thomas 27.02.2016
2. Ja für die 10 Prozent
Auch ich bin für die Beibehaltung der 10-Prozent-Regel bzw Richtlinie, denn auch ich möchte zukünftigen FCM auswärts unterstützen können. Sicherlich ist dort vieles von FCM-Seite in den letzten Tagen unglücklich gelaufen. Was ich aber nicht verstehe, sind die angekündigten Proteste von Dresdner Dynamos. Denn beim Hinspiel in Dresden bekommen der FCM auch nicht das 10 Prozent-Kontigent. Die Gäste aus Magdeburg hätten wohl bei der Choreografie gestört. Liebe Dresdener, dort hättet ihr auch protestieren können. Wenn 10 Prozent, dann überall, auch Dresdner Stadion!
sgd1953 27.02.2016
3. @thimm.thomas
Selbst das reduzierte Kartenkontingent haben die Magdeburger nicht ausgeschöpft. Also warum sollte Dynamo dann noch mehr Karten zur Verfügung stellen. Magdeburg hat ja selbst bei den Heimspielen große Schwierigkeiten mit der Auslastung. Dann doch lieber den eigenen Fans die Möglichkeit geben das Spiel zu sehen.
thimm.thomas 28.02.2016
4. @sgd1953
Nur seltsam, das dieses reduzierte Kontingent gar nicht in den freien Verkauf kam. Nur Mitglieder und Dauerkarteninhaber kamen in den Genuss. 10 Prozent für ALLE Fans ohne Bedingungen
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