40 Jahre BFC Dynamo "Wir sind doch sowieso die Bösen"

Sie galt als die unbeliebteste Fußball-Mannschaft in der DDR: Der Stasi-Club BFC Dynamo feiert sich dieser Tage trotz mäßiger sportlicher Leistungen und jeder Menge Skandale selbst: Der Lieblingsverein von Erich Mielke ist 40 Jahre alt geworden - und hat große Ziele.

Von Johannes Kopp


Einmal neben Erich Mielke stehen - nicht für jeden DDR-Bürger war das ein Wunschtraum. Christian Backs, der von 1980 bis 1991 für den BFC Dynamo spielte, kann das bestätigen. Er lässt sich nicht lange bitten, anlässlich der 40-Jahrfeier des DDR-Rekordmeisters, des Berliner FC Dynamo, folgenden Schwank zum Besten zu geben. Einmal musste er wegen einer Knöchelverletzung aussetzen und wurde dazu verdonnert, das Spiel auf der Tribüne direkt neben Mielke, dem Vereinspatron und Minister für Staatssicherheit (Stasi), anschauen. Und weil der fußballbesessene Genosse die Partie aufgeregt im Stehen verfolgte, traute sich die Funktionärsgefolgschaft um ihn herum nicht, Platz zu nehmen - einschließlich Backs. "Anstatt mein Bein hochzulegen, habe ich neunzig Minuten gegen meine Schmerzen angekämpft", erzählt der mittlerweile 43-Jährige.

Erfolgstrainer Bogs: Zehn Meistertitel mit Dynamo
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Die Begriffe "Mielke" und "Stasi" fallen auch heute noch zuerst, wenn man an den derzeitigen Tabellensechsten der Oberliga Nordost Nord denkt. Die zwischenzeitliche Umbenennung des Vereins, der zwischen 1990 und 1998 unter dem Namen FC Berlin antrat, konnte die Vergangenheit nicht vergessen machen. Zudem verbindet man mit dem BFC seine rechtsradikalen, gewaltbereiten Fans, die nach der Wende statt der Fußballer die Schlagzeilen dominierten. "Wir sind doch sowieso die Bösen", sagt Mario Weinkauf, der Präsident des Vereins, lakonisch. Auswärts würde die F-Jugend des BFC, die achtjährigen Steppkes, noch mit "Stasi, Stasi"-Rufen beschimpft, berichtet er. Ein beachtlicher historischer Reflex. Schließlich ist es über 16 Jahre her, dass Mielke die Geschicke des Clubs bestimmte.

Bereits im Jahre 1953 beteiligte er sich maßgeblich an der Gründung der Sportvereinigung Dynamo, der "einheitlichen sozialistischen Sportorganisation der Schutz- und Sicherheitsorgane der DDR". Aus dieser ging dann am 15. Januar 1966 der BFC Dynamo hervor, der zum Vorzeige-Verein der DDR wurde. Mielke schwebte vor, dass der BFC die Überlegenheit des sozialistischen Systems auf dem Rasen demonstrieren solle. Entsprechend akribisch und professionell wurde gehandelt.

Der Trainer Jürgen Bogs, unter dessen Verantwortung alle zehn Meisterschaften gewonnen wurden, bezeichnete die Nachwuchsarbeit des BFC als "absolut führend" in der DDR. Für alle Jugendklassen standen hauptamtliche Trainer zur Verfügung und der Verein bekam seine Talente über landesweite Trainingszentren zugeführt. Diejenigen, die anderswo für Aufsehen sorgten, wurden zum BFC delegiert, wie etwa Thomas Doll von Hansa Rostock, der von 1986 bis 1989 an der Seite von Andreas Thom stürmte. Ende der siebziger Jahre fruchteten die getroffenen Maßnahmen beim BFC. Der Verein fuhr zwischen 1979 und 1988 die Ernte ein: zehn Titel in Serie.

Insbesondere aufgrund vieler fragwürdiger Schiedsrichterentscheidungen verstärkte sich in der DDR die Wut auf den "Schieboar-Meistoar BähäfZäh", wie die zornigen Massen skandierten. Davon will Christian Backs, der sieben Meistertitel mit dem BFC errang, auch heute nichts wissen. Die Mannschaft sei einfach zu stark gewesen, erklärt er. Der Mithilfe der Schiedsrichter bedurfte es gar nicht. Dass es sie gab, will er nicht leugnen. Die Fakten sprechen eine zu deutliche Sprache. Die "Berliner Zeitung" recherchierte, dass sieben jener zehn angeblich Unparteiischen, die am häufigsten Spiele des BFC pfiffen, Offiziere der Stasi oder Informelle Mitarbeiter waren.

Dopingvorwürfe gegen Thom und Co.

Hinzu kam, dass die angeblich Unparteiischen gerne ins kapitalistische Ausland reisten. Wer dorthin durfte, um Europacupspiele zu leiten, entschied allein das Ministerium für Staatssicherheit. Man kann noch darüber streiten, inwieweit Schiedsrichterentscheidungen die Vormachtstellung des BFC begünstigt haben. Aber eines ist klar: Ohne die Stasi und Erich Mielke wäre der Verein nicht Rekordmeister geworden.

Ein weiteres düsteres Kapitel der BFC-Geschichte war laut dem Potsdamer Historiker Giselher Spitzer der Einsatz von verbotenen Substanzen. So sollen 15 Spieler des Hauptstadtvereins in Europacup-Heimspielen Amphetamine eingesetzt und daraufhin bisweilen deutlich gewonnen haben. Betroffen sei auch das Erstrundenspiel 1988 im Europapokal der Landesmeister gegen Werder Bremen. Im Hinspiel gewannen die Berliner deutlich 3:0, im Rückspiel in Bremen verzichtete der Club dann angeblich aus Angst vor Kontrollen auf die Psychopharmaka, verlor prompt mit 0:5 Toren - und schied doch noch aus.

BFC-Stürmer Thom, Mitspieler Schulz: Jubel über einen Treffer im Europapokal der Landesmeister 1988 gegen Bremen
DPA

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Nichtsdestotrotz pflegte der BFC Dynamo zuletzt ein recht unbeschwertes Verhältnis zu seiner Vergangenheit. Nachdem der Verein vor fast einem Jahr beim DFB Beschwerde einlegte, weil nur die Bundesligatitelträger seit 1963 Ehrensterne auf dem Trikot tragen dürfen, wartete man die Entscheidung gar nicht erst ab, sondern stolzierte öffentlichkeitswirksam mit drei Sternen auf der Brust in der Oberliga auf den Platz. Aggressives Marketing nennt das der Präsident Weinkauf. Das für den Sommer geplante Trainingslager in Israel, im Jubiläumsjahr, darf man in dieselbe Kategorie einordnen. Bescheidener fällt dagegen die Testspielplanung aus: Am Dienstag kickt der Club anlässlich seines Jubiläums gegen Ligakonkurrent Babelsberg.

Der Oberligist will mit aller Macht sein schlechtes Image aufpolieren - und so schnell wie möglich zurück in den bezahlten Fußball. Mit dem rechtsextremen Anhang möchte man nichts mehr zu tun haben. Doch nur mit Hilfe dieser Kreise hat man es nach der Insolvenz 2002 geschafft, den Verein am Leben zu halten, wie Weinkauf eingesteht. Die Kooperation sei notgedrungen erfolgt. Ob man die Geister, die man rief, so einfach wieder los wird, darf bezweifelt werden.



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