Gesichter Russlands Anna, die Netzmacherin

Fischnetze herzustellen, ist harte Arbeit - und sie wird vor allem von Frauen wie Anna Karatschewskaja gemacht. Vom Trubel der WM hält sie sich lieber fern.
Ekaterina Anokhina

Fischnetze herzustellen, ist harte Arbeit - und sie wird vor allem von Frauen wie Anna Karatschewskaja gemacht. Vom Trubel der WM hält sie sich lieber fern.

Von  und Ekaterina Anokhina (Fotos)


[STECKBRIEF]
Anna Karatschewskaja
Pionerskij
49 Jahre, verheiratet
eine Tochter Angelina, 27 Jahre
zwei Enkelkinder
Vorarbeiterin bei "Fishering Service", einer Firma, die Schleppnetze und Fischfanggeräte herstellt

Anna bei der Arbeit eines Schleppnetzes für ein Unternehmen im fernen Osten Russlands, Wladiwostok an der Pazifikküste
Ekaterina Anokhina

Anna bei der Arbeit eines Schleppnetzes für ein Unternehmen im fernen Osten Russlands, Wladiwostok an der Pazifikküste

Ekaterina Anokhina

Es gibt Frauen, die bleiben gerade einmal einen Tag. Und es gibt Anna Karatschewskaja. Sie ist seit 19 Jahren da. Steckt die Iglistchka, auf Deutsch Netznadel, ein Schiffchen mit einer weißen Nylonkordel, durch eine gelbe Masche, zieht das Seil stramm. Setzt die Nadel eine Masche weiter und weiter, bis ein weißer Wulst entsteht, die Naht. Sie verstärkt das Netz.

Anna baut Fischnetze. Stroit heißt dieser Prozess auf Russisch. "Schreiben Sie bloß nicht sschiwat, nähen", sagt Annas Chefin Wera Jegorinka. Ein Schleppnetz baue man. Es sei schließlich mehrere Hundert Meter lang und einige Tonnen schwer.

Leiterin Wera Jegorinka, 58 Jahre, in der Werkshalle, unter den Arbeitern gibt es einige Fußballfans auch von ZSKA Moskau
Ekaterina Anokhina

Leiterin Wera Jegorinka, 58 Jahre, in der Werkshalle, unter den Arbeitern gibt es einige Fußballfans auch von ZSKA Moskau

Ekaterina Anokhina

Netzbau ist vor allem Handarbeit - und die ist vor allem Frauensache: "Sie machen das einfach besser, können jeden Mann ersetzen", sagt Wera.

Die Arbeit ist schwer: Es braucht Geschick, Ausdauer und Kraft, um die verschiedenen Nylonseile miteinander zu verknüpfen, bis ein Trawl-Netz entsteht.

Anna hat alle drei Eigenschaften, wie Wera sagt, sie sei zäh. Sie ist eine der besten Arbeiterinnen in ihrer Firma - Stufe sechs von sechs Leistungsstufen hat sie erreicht. Sie ist inzwischen Vorarbeiterin.

Vorarbeiterin Anna mit ihren Kolleginnen
Ekaterina Anokhina

Vorarbeiterin Anna mit ihren Kolleginnen

Ein Schleppnetz kann man sich wie eines dieser Häkel-Einkaufsnetze vorstellen, nur dass es vorne weit offen ist und nach hinten spitz wie ein Trichter zuläuft.

Eine Arbeiterin bereitet die Iglistchka, auf Deutsch Netznadel, vor, wickelt Nylonseile auf.
Ekaterina Anokhina

Eine Arbeiterin bereitet die Iglistchka, auf Deutsch Netznadel, vor, wickelt Nylonseile auf.

Ekaterina Anokhina

Mit solchen Netzen fischen große Fabrikschiffe. Sie ziehen den sogenannten Trawler mit einer Hunderte Meter großen Öffnung durch das Wasser und sammeln so Fischströme. Nur kleinere Exemplare können noch durch die Maschen entweichen. Umweltorganisatoren wie Greenpeace kritisieren diese intensive Fangmethode, zumal die Netze immer größer werden, die Weltmeere würden so leer gefischt.

Frauen verknüpfen Seile, die aus Nylonfäden bestehen, die von Maschinen in einer zweiten Halle zu Kordeln geflochten werden
Ekaterina Anokhina

Frauen verknüpfen Seile, die aus Nylonfäden bestehen, die von Maschinen in einer zweiten Halle zu Kordeln geflochten werden

Ekaterina Anokhina

Für Anna und die anderen Frauen sind die Netze Existenzgrundlage, viele haben Kinder, so wie Annas Tochter Angelina, 27 Jahre alt.

Handschuhe schützen die Hände der Arbeiterinnen
Ekaterina Anokhina

Handschuhe schützen die Hände der Arbeiterinnen

Sie arbeiten bei der Firma Fishering Service in Pionerskij, einem Ort 35 Kilometer nördlich von Kaliningrad. Das Unternehmen stellt seit 25 Jahren Schleppnetze und Fischfanggeräte her. Es ist nach eigenen Angaben das größte in Russland und in Osteuropa, beliefert Fischfangunternehmen auch in der Ukraine, Island, Färöer-Inseln, Holland, Namibia, Marokko und China. Hier verweist man auf strengen Gesetze, die den Umfang des Fischfangs regeln.

Einer der wenigen Männer in der Werkhalle zieht Seile in Position
Ekaterina Anokhina

Einer der wenigen Männer in der Werkhalle zieht Seile in Position

Gern würden sie auch Geschäfte mit Firmen in den USA und Kanada machen. Das sei aber seit den Sanktionen infolge der Krim-Annexion und dem Krieg in der Ukraine schwierig.

Ein fertiges, Tonnen schweres Trawl-Netz wird aus der Werkshalle gezogen. Die Netze werden immer größer und damit schwerer.
Ekaterina Anokhina

Ein fertiges, Tonnen schweres Trawl-Netz wird aus der Werkshalle gezogen. Die Netze werden immer größer und damit schwerer.

In Pionerskij im Westen Russlands an der Ostsee leben nur noch rund 11.000 Menschen. Viele Junge verlassen die Stadt. "Die Arbeit ist ihnen zu schwer", sagt Anna.

Dabei sind die Gehälter nicht schlecht: Rund 50. bis 60.000 Rubel, etwa 700 bis 800 Euro, verdient hier ein erfahrener Arbeiter. In Russland liegt das Durchschnittsgehalt bei etwa 36.000 Rubel, etwa 500 Euro.

Anna mit ihrer Tochter Angelina, die seit ein paar Jahren auch in der Firma arbeitet
Ekaterina Anokhina

Anna mit ihrer Tochter Angelina, die seit ein paar Jahren auch in der Firma arbeitet

Anna ist in Pionerskij geboren, will nicht weg. Früher hat die 49-Jährige in einer Fischkonservenfabrik gearbeitet, die wurde geschlossen. Eintönig war das, dort an der Maschine zu stehen. Jetzt ist die Arbeit viel interessanter, sagt sie. Wunderschön sei der Moment, wenn sie ein Schleppnetz aus den verschiedenfarbigen Nylonkordeln geknüpft haben und es dann öffneten.

Raucherpause, alle Arbeiter kennen sich
Ekaterina Anokhina

Raucherpause, alle Arbeiter kennen sich

Anna mag ihr Leben in dem kleinen Ort, auch wenn die Arbeit schwer ist. Fünf bis sechs Tage in der Woche, acht Stunden lang mit zwei kurzen Pausen Seile zu ziehen und zu verknüpfen, geht auf die Gelenke, auch wenn sie die Position immer wieder wechseln. Beine und Arme schmerzen vom Stehen und Sitzen. Anna trägt rechts am Arm eine schwarze Bandage.

"Ich habe ein erfülltes Leben", sagt sie. Sie wohnt mit ihrem Mann, einem Feuerwehrmann, nur wenige Minuten zu Fuß von der Firma weg. "Ich habe hier mein Meer, meinen Garten mit Himbeeren, Gurken, Kräutern."

Die Netzteile hängen an Haken kurz über der Erde, damit sich die Arbeiterinnen nicht immer bücken müssen
Ekaterina Anokhina

Die Netzteile hängen an Haken kurz über der Erde, damit sich die Arbeiterinnen nicht immer bücken müssen

Ekaterina Anokhina

Anna ist keine Frau der langen Sätze, sondern eine, die anpackt. Das erwartet sie auch von den anderen Frauen, die mit ihr an einem hundert Meter langen grünen Netz arbeiten. Es ist still, die Frauen setzen Masche um Masche, im Hintergrund dudelt ein Radio.

Pause im sogenannten Erholungszimmer, hier, an Tischen mit Wachsdecken, essen die Frauen Brote und Gebäck. Anna trinkt einen Tee.

Anna mit ihren Kolleginnen im "Erholungszimmer", wie der Raum heißt
Ekaterina Anokhina

Anna mit ihren Kolleginnen im "Erholungszimmer", wie der Raum heißt

Ekaterina Anokhina

Es geht um die Fußballweltmeisterschaft. Natürlich schaue sie die Spiele mit ihrer Familie im Fernsehen, sagt Anna. Ob sie es auf die Fanmeile nach Kaliningrad schaffe, weiß sie nicht. "Die Arbeit", sagt sie. Und überhaupt sei ja gerade so viel los, es gebe es gerade viel Verkehr wegen der WM. Ihr gefalle es in ihrem ruhigen Heimatstädtchen.

Geburtstagskalender der Arbeiterinnen an der Wand im Pausenraum
Ekaterina Anokhina

Geburtstagskalender der Arbeiterinnen an der Wand im Pausenraum

Außerdem interessiere sie sich mehr für Biathlon, sagt Anna. "Mich Hockey", ruft eine andere Kollegin von einem anderen Tisch. Alle lachen.

Eine Zuckerdose mit Fischernetz - "Wir basteln manchmal aus den Resten kleine Sachen"
Ekaterina Anokhina

Eine Zuckerdose mit Fischernetz - "Wir basteln manchmal aus den Resten kleine Sachen"

"Bei uns ist es immer fröhlich", sagt Anna. Die Frauen sind befreundet, feiern Neujahr zusammen, den 8. März, den Tag der Frauen, und natürlich den 8. Juli, Jubiläumstag der Stadt Pionerskij, aber vor allem den des Fischers. "Das ist unser Feiertag, schließlich arbeiten wir in diesem Bereich."

SPIEGEL ONLINE

Mitarbeit: Tatiana Sutkovaja, Katharina Lindt



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