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Fußball-Wettskandal vor Gericht: Die abmoderierte Affäre

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53 manipulierte Spiele allein in Deutschland, bis in die zweite Liga hinauf - am Mittwoch beginnt der Prozess um den Fußball-Wettskandal, die bisher größte Affäre im europäischen Fußball. Die Fans nehmen davon kaum Notiz, und den Funktionären von DFB und DFL ist das ganz recht.

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DPA

Tippschein für Sportwetten: Kaum Aufsehen in der deutschen Öffentlichkeit

Es geht um rund 270 Spiele, über ganz Europa verteilt. Es geht um allein 53 Partien in Deutschland, bis hinauf in die Zweite Liga. Es geht um Wetteinsätze in einer Gesamthöhe von zwölf Millionen Euro, um Bestechungsgelder, die zusammengenommen ebenfalls oberhalb der Millionengrenze liegen. Es geht um mindestens 250 Tatverdächtige - und trotzdem: Der Wettskandal im Fußball, der ab Mittwoch vor dem Bochumer Landgericht verhandelt wird, hat in der deutschen Öffentlichkeit kaum Aufsehen erregt. Warum eigentlich?

Schließlich handelt es sich um Manipulationen in großem Stil in der Sportart Nummer eins: Das sollte doch ein Aufreger allererster Güte sein. Aber es sind ja in der öffentlichen Wahrnehmung "nur" Zweitliga- oder Drittligapartien, die betroffen sind. Der Versuch, ein Oberligaspiel zwischen der TSG Neustrelitz und dem BFC Dynamo Berlin zu beeinflussen, schlägt einfach kleinere Wellen, als wenn der Titelkampf der 1. Bundesliga durch die Manipulateure verändert worden wäre.

Erstligaspieler verdienen heute schlicht so viel, dass sie für ein paar tausend Euro Bestechungssumme nachvollziehbar längst nicht so empfänglich sind wie ein kleiner Mitläufer aus der Oberliga. Das war beim großen Bundesligaskandal Anfang der siebziger Jahre noch anders. Damals konnte man auch einen Nationalspieler mit 5000 Mark Zubrot noch glücklich machen.

Das Ausmaß der Betrügereien kam zudem erst Stück für Stück ans Tageslicht - auch das hat das Interesse schwinden lassen. Jedes Mal wenn die Bochumer Staatsanwaltschaft einen Zwischenbericht ihrer Ermittlungen veröffentlichte, stieg die Zahl der betroffenen Spiele. Mittlerweile wird außer in Deutschland in der Schweiz, Belgien, Slowenien, Serbien und Kroatien, Ungarn, in der Türkei und in Kanada ermittelt. Überall dort soll versucht worden sein, Spiele zu schieben. Im Großteil der Fälle waren die Täter erfolgreich.

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Fußball-Wettskandal: Aufarbeitung vor Gericht
Dem Deutschen Fußball-Bund DFB ist es ganz recht, dass der Skandal nicht in den Dauer-Schlagzeilen ist. Er hat sogar seinen Anteil daran, die Affäre abzumoderieren. DFB-Boss Theo Zwanziger hatte sich in einer ersten Reaktion zwar bestürzt über das mögliche Ausmaß der Manipulationen geäußert, schon weniger Tage später jedoch redete er die ganze Angelegenheit klein. "Ich verstehe die gesamte Aufregung nicht", sagte Zwanziger, es handele sich doch lediglich um eine verschwindend geringe Zahl von Spielen, ließ er im vergangenen November verlauten und erstaunte damit nicht nur die Bochumer Ermittler. Schon kurz nach Bekanntwerden des Skandals verkündete Zwanziger im Brustton der Überzeugung zudem, die Vorfälle bewegten sich "deutlich unterhalb der ersten und zweiten Liga". Inzwischen heißt es, mindestens 13 Zweitligaspiele seien betroffen.

Der Interessenverband des Profifußballs, die Deutsche Fußball-Liga DFL tat ihren Teil dazu, den Skandal zu bagatellisieren. DFL-Chef Reinhard Rauball, wie Zwanziger selbst Jurist, warf der Staatsanwaltschaft in Bochum vor, die Affäre aufzubauschen und ließ auf dem DFL-Neujahrsempfang durchblicken, den Ermittlern sei es vor allem darauf angekommen, sich in der Öffentlichkeit möglichst gut zu präsentieren.

Mit Macht drängte sich der Eindruck auf, DFB und DFL komme es weniger auf Aufklärung an, als darauf, das eigene Produkt als möglichst unbeschadet von hässlichen Vorwürfen darzustellen.

Stattdessen zeigte man sich nach außen nur wenig beunruhigt von dem Umstand, dass nach dem öffentlichkeitswirksamen Hoyzer-Bestechungsskandal von 2005 offenbar bruchlos weiter manipuliert wurde - direkt vor den Augen des Verbandes und teilweise von den selben Beteiligten wie im Fall Hoyzer.

Beteiligte schon beim Hoyzer-Skandal aktiv

Nach all dem, was die Bochumer Ermittler bisher öffentlich gemacht haben, liefen die Fäden des Wettskandals erneut in Berlin zusammen und erneut bei Ante Sapina, dem Drahtzieher der Hoyzer-Manipulationen und damals dafür bereits zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und elf Monaten verurteilt. Sapina, der bereits seit November des Vorjahres in Untersuchungshaft sitzt, hat in den Vorwochen erstmals ausführlich ausgesagt - aber erst nachdem sein Komplize Nürretin G. gegenüber der Staatsanwaltschaft ausgepackt und Ante Sapina dabei massiv belastet hatte. G. ist einer von vier Angeklagten, gegen die am Mittwoch vor der Großen Strafkammer des Landgerichts verhandelt wird. Sapina gehört noch nicht dazu, ihm wird wahrscheinlich später der Prozess gemacht.

Fakt ist: Die Erkenntnisse, die die Bochumer über Monate zusammengetragen haben, offenbaren ein Ausmaß, wie es der europäische Fußball bisher nicht gekannt hat. Ob beim Pokalfinale in Kroatien zwischen Dynamo Zagreb und Hajduk Split, dem Europa-League-Match FC Basel gegen ZSKA Sofia oder bei dem Zweitligaspiel des VfL Osnabrück gegen den FC Augsburg, um drei Beispiele von Partien zu nennen, die im Visier der Bochumer Ermittlungen stehen - den Tätern ist es offensichtlich in zahlreichen Fällen gelungen, dem Fußball das zu nehmen, was ihn ausmacht: seine Unberechenbarkeit.

Im Fußball kann man vor dem Anpfiff nie sagen, wie es ausgeht. Dass Favoriten bei kleinen Clubs straucheln, dass Titelanwärter gegen Abstiegskandidaten verlieren, das vor allem macht diesen Sport so aufregend, so faszinierend, eine Faszination, die für die Champions League genauso gilt wie bis hinunter in die sechste Liga.

Genau dieses Vertrauen in die Unwägbarkeit des Fußballs haben die Manipulateure nachhaltig zerstört. Bei jedem skurril anmutenden Eigentor, jeder vergebenen hundertprozentigen Torchance, jeder umstrittenen Schiedsrichterentscheidung ist heute der Verdacht mit dabei.

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Forum - Manipulationen im Fußball - wie sehr schaden sie dem Image des Sports?
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1.
Christian W., 05.10.2010
Zitat von sysopDutzende Festnahmen, hunderte Begegnungen unter Manipulationsverdacht, schockierte Spieler und Funktionäre im zweiten großen Wettskandal binnen weniger Jahre. Verliert der Fußball endgültig seine Glaubwürdigkeit?
So oft wie er schon seine Glaubwürdigkeit hier im Forum verloren hat, kann er doch gar keine mehr besitzen? Nunja, mal die Prognosen wie sich der Thread entwickeln wird: - Randsportartenfans werden überzeugend berichten, dass ihre Sportart eh viel geiler als der versoffene Proletariatssport ist und zudem frei von Manipulationen - Einige werden ihr "ich-wusste-es-schon-immer" loslassen - Verbotsfetischisten werden mindestens ein Verbot von Wetten im allgemeinen evtl. auch ein generelles Verbot von Fussball an sich fordern - Besonders helle Köpfe werden dieses Thema, wie jedes andere, zum Anlass nehmen, darauf zu pochen, dass der Gewaltsport Fussball endlich die Polizeieinsätze selbst zahlen soll, egal wie total themenfremd das ganze ist - (Ergänzung)
2.
Polar, 05.10.2010
Zitat von Christian W.So oft wie er schon seine Glaubwürdigkeit hier im Forum verloren hat, kann er doch gar keine mehr besitzen? Nunja, mal die Prognosen wie sich der Thread entwickeln wird: - Randsportartenfans werden überzeugend berichten, dass ihre Sportart eh viel geiler als der versoffene Proletariatssport ist und zudem frei von Manipulationen - Einige werden ihr "ich-wusste-es-schon-immer" loslassen - Verbotsfetischisten werden mindestens ein Verbot von Wetten im allgemeinen evtl. auch ein generelles Verbot von Fussball an sich fordern - Besonders helle Köpfe werden dieses Thema, wie jedes andere, zum Anlass nehmen, darauf zu pochen, dass der Gewaltsport Fussball endlich die Polizeieinsätze selbst zahlen soll, egal wie total themenfremd das ganze ist - (Ergänzung)
...und ohne Frings und Kevin geht schon mal gar nix.
3. Dann
Hovac 05.10.2010
Zitat von Christian W.So oft wie er schon seine Glaubwürdigkeit hier im Forum verloren hat, kann er doch gar keine mehr besitzen? Nunja, mal die Prognosen wie sich der Thread entwickeln wird: - Randsportartenfans werden überzeugend berichten, dass ihre Sportart eh viel geiler als der versoffene Proletariatssport ist und zudem frei von Manipulationen - Einige werden ihr "ich-wusste-es-schon-immer" loslassen - Verbotsfetischisten werden mindestens ein Verbot von Wetten im allgemeinen evtl. auch ein generelles Verbot von Fussball an sich fordern - Besonders helle Köpfe werden dieses Thema, wie jedes andere, zum Anlass nehmen, darauf zu pochen, dass der Gewaltsport Fussball endlich die Polizeieinsätze selbst zahlen soll, egal wie total themenfremd das ganze ist - (Ergänzung)
nehme ich mal die "ich wusste es schon immer position". Nach dem Spiel BVB gegen Sevilla wird das mit der Wettmafia ja auch immer wieder in den Vordergrund gerückt. Solange es irgendwo Geld zu verdienen gibt sind kriminellenicht weit. Solange es nicht soweit überhand gewinnt das es alltäglich wird muss man damit wohl Leben oder auf Fussball verzichten. Da man aber auf so ziemlich alles Wetten kann und Amateurschiedsrichter in anderen Sportarten billiger zu bestechen sein dürften wird es da genauso sein.
4. .
Andr.e 05.10.2010
Zitat von Christian W.So oft wie er schon seine Glaubwürdigkeit hier im Forum verloren hat, kann er doch gar keine mehr besitzen? Nunja, mal die Prognosen wie sich der Thread entwickeln wird: - Randsportartenfans werden überzeugend berichten, dass ihre Sportart eh viel geiler als der versoffene Proletariatssport ist und zudem frei von Manipulationen - Einige werden ihr "ich-wusste-es-schon-immer" loslassen - Verbotsfetischisten werden mindestens ein Verbot von Wetten im allgemeinen evtl. auch ein generelles Verbot von Fussball an sich fordern - Besonders helle Köpfe werden dieses Thema, wie jedes andere, zum Anlass nehmen, darauf zu pochen, dass der Gewaltsport Fussball endlich die Polizeieinsätze selbst zahlen soll, egal wie total themenfremd das ganze ist - (Ergänzung)
Also erst Mal möcht ich hier ne Lanze fürs Halma brechen, dass ist manipulationsfrei und auch spannender als Fußball wo nur 22 Säcke einem Ball hinterherlaufen. Aber gut, dass manipuliert wird war ja klar, gerade der Fußball ist ja ein Millionengeschäft. Da bin ich froh, dass es beim Halma eher beschaulich zugeht. Vielleicht sollte man wirklich mal über ein Verbot des Fußballs nachdenken. Ich mein, der Sumpf wär damit ja ganz einfach trocken zu legen - wo nichts ist, kann nichts manipuliert werden. Und wo wir beim Thema sind. Warum muss ich als Steuerzahler (und Halmafan) eigentlich ständig die wochenendlichen Fußballeinsätze der Polizei bezahlen. Vielleicht sollte man eine Fußballfansteuer einführen, die pro verkaufte Karte aufgeschlagen wird.
5.
Schwabenpower 05.10.2010
Zitat von sysopDutzende Festnahmen, hunderte Begegnungen unter Manipulationsverdacht, schockierte Spieler und Funktionäre im zweiten großen Wettskandal binnen weniger Jahre. Verliert der Fußball endgültig seine Glaubwürdigkeit?
Bisher stehen ja bloß Verdächtigungen im Raum. Von vollzogener Manipulation im Profifußball kann also im Hier und Heute (noch) keine Rede sein. PS: Contador hat auch nur verunreinigtes Kalbfleisch zu sich genommen, ein Lebensmittelskandal, ja, aber Manipulation? Fehlanzeige. Gut, das bißchen Plastik macht mir dann doch ein wenig zu schaffen. Plastik haben sie aber bei Fußballern noch keines gefunden. Und falls doch, dann jedenfalls nicht bei einem deutschen Fußballer. Werden sie auch nie finden.
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Themenseiten Fußball
Bochumer Prozess - die 32 verdächtigen Spiele
Deutschland
2. Bundesliga
Augsburg - Osnabrück (17.04.09, 3:0)
Nürnberg - Osnabrück (13.05.09, 2:0)

DFB-Pokal
Speldorf - Oberhausen (02.08.09, 0:3)

Regionalliga
VfB Lübeck - Düsseldorf (22.04.08, 3:1)
Jena - Osnabrück (02.05.08, 1:1)
Mönchengladbach II - Verl (30.05.09, 3:4)
Verl - 1. FC Köln II (06.06.09, 0:1)
Alzenau - SC Freiburg II (19.09.09, 0:1)
Verl - Waldhof Mannheim (19.09.09, 1:0)
Alzenau - Aalen (17.10.09, 0:3)
Alzenau - Stuttgarter Kickers (31.10.09, 1:3)
Saarbrücken - Verl (31.10.09, 3:1)

Oberliga
FC Gera 03 - Pößneck (15.05.09, 2:1)
Jena II - Meuselwitz (24.05.09, 0:2)
Halberstadt - Borea Dresden (31.05.09, 1:3)

U19-Bundesliga
Bochum - Bielefeld (31.10.09, 4:0)
Schalke - Bielefeld (08.11.09, 1:2)
Slowenien
Prva Liga
LD Ptug - Nafta Lendava (11.04.09, 4:1)
Ungarn
NB1
Ujpest - Honved Budapest (24.04.09, 3:0)
Schweiz
2. Liga (Challenge League)
Gossau - Thun (17.04.09, 4:3)
Yverdon - Thun (26.04.09, 5:1)
Wohlen - Gossau (16.05.09, 2:0)
Gossau - Locarno (24.05.09, 0:4)
Servette Genf - Gossau (30.05.09, 4:0)
Lugano - Gossau (26.09.09, 7:0)
Gossau - Vaduz (01.11.09, 1:4)
Kroatien
1. HNL
Zadar - Hajduk Split (26.04.09, 0:3)
Belgien
2. Liga
Charleroi - Namur (14.03.09, 3:0)
Namur - Leuven (21.03.09, 0:2)
Namur - Antwerpen (12.04.09, 0:3)
Europa League
Basel - ZSKA Sofia (05.11.09, 3:1)
U21 - EM-Qualifikation
Schweiz - Georgien (18.11.09, 1:0)


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