Aberglaube im Fußball Zigarette in der Halbzeitpause

Normalerweise gehört der Konsum nikotinhaltiger Produkte für Fußballer nicht zu den leistungsfördernden Maßnahmen. Ein Däne mochte jedoch nicht aufs Schmöken in der Kabine verzichten. Noch unappetitlicher war das Verhalten eines blasenschwachen argentinischen Torwarts.


Mit Gottes Hilfe. "Offenbach hätte 3:0 gewonnen, wenn ich nicht ein Papstbild in der Tasche gehabt hätte", erklärte einst Schalkes Keeper Norbert Nigbur. Aggressiver missionierte da schon der Brasilianer Jorginho ("Gott ist mein Spielgestalter"), der in seiner Zeit bei Bayer Leverkusen nicht darauf verzichten wollte, gegnerischen Mannschaftskapitänen vor dem Spiel nicht nur einen Wimpel, sondern auch noch eine Bibel zu überreichen.

Horst Ehrmantraut ließ als Trainer von Eintracht Frankfurt plötzlich seinen Co-Trainer Bernhard Lippert nicht mehr in die Mannschaftskabine. Okkulte Begründung: Lippert strahle "negative Energien" aus. Der Assistent konnte sich die Energiefelder überhaupt nicht erklären und sagte später: "Mir hat auch nicht gefallen, draußen vor der Kabine zu warten. Horst hatte einige Macken, aber ich wusste damit umzugehen."

Französische Zärtlichkeiten bei der WM 1998: Nach siegreichen Spielen küsste Libero Laurent Blanc die Glatze seines Keepers Fabien Barthez. Nach dem Halbfinale gegen Kroatien (2:1) tauchte sogar Staatspräsident Jacques Chirac in der Kabine auf und verpasste dem "tête chauve" einen dicken Schmatzer.

Im Falle länger anhaltender Siegesserien werden alltäglichen Verrichtungen gerne Glück bringende Wirkungen zugeschrieben. In der Saison 1976/1977 führte Trainer Gyula Lorant bei Eintracht Frankfurt den Kaffeeklatsch vor dem Spiel ein. Mit Marmorkuchen und "Jacobs Krönung" im Magen blieb die Mannschaft 21 Spiele in Serie unbesiegt.

Ebenfalls beliebt: mystische Kleidungsstücke. Am ersten Spieltag der Saison 1987/1988 spielte der 1. FC Köln 1:1 in Karlsruhe. Manager Lattek trug trotz der Sommerhitze einen blauen Strickpulli. Nach dem Abpfiff fragte ihn ein Reporter: "Udo, ist das jetzt dein neuer Glücksbringer?" Lattek antwortete: "Na, klar, und den ziehe ich erst wieder aus, wenn der FC mal ein Spiel verliert." Und so geschah es. 14 Spieltage lang sah man Lattek in Blau, dann patzte Köln in Bremen.

Socrates, der brasilianische Stürmer, achtete stets darauf, als letzter Spieler das Feld zu betreten. John Terry, englischer Verteidiger, glaubt hingegen an die positive Kraft seiner Schienbeinschoner.

Fußballprofi Elkjær-Larsen (r.): Qualmender Schlot
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Fußballprofi Elkjær-Larsen (r.): Qualmender Schlot

Wie manch andere hoch bezahlte Kicker rauchte auch der bullige Däne Preben Elkjær-Larsen wie ein Schlot, dänische Journalisten schätzten seinen Konsum auf eine Packung täglich. Zu Elkjær-Larsens nahezu unverzichtbaren Ritualen gehörte die Zigarette in der Halbzeitpause. Die nächste genehmigte er sich nach Abpfiff in seinem Cabrio, das er rasant durch die Gassen Veronas lenkte. Einmal nahm er seinen Mannschaftskameraden Hans-Peter Briegel mit. Der biedere Pfälzer ächzte hinterher: "Ich bin froh, dass ich mit dem Leben davon gekommen bin!"

Der argentinische Keeper Sergio Goycoechea hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, vor Strafstößen des Gegners auf den Platz zu urinieren. Eine Methode, mit der offenbar nicht nur Fingerwarzen bekämpft werden, sondern auch gegnerische Stürmer verunsichert werden können. Die Methode hatte nämlich durchaus Erfolg, bis zum Finale 1990 in Rom. Deutschland siegte 1:0.

Jörg Berger wechselte 1998 bei seinem ersten Spiel als Coach der Frankfurter Eintracht die Trainerbank. Die Bank seiner unglückseligen Vorgänger Horst Ehrmantraut und Reinhold Fanz war Berger suspekt. Außerdem dachte sich Berger: "Auf dieser Seite hatte ich auch mit Schalke oder Köln meist Erfolg."

Gar nicht so einfach, abergläubisch zu werden. Auch in seinem vierten Amtsjahr ist Falko Götz, Trainer bei Hertha BSC, nämlich immer noch auf der Suche nach ein klein bisschen irrationalem Gedankengut: "Es wäre schön, wenn ich ein Ritual hätte, dann könnte ich mir die Zeit, wenn die Mannschaft beim Aufwärmen ist, damit vertreiben und mich gleichzeitig beruhigen."



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