Aus Gelsenkirchen berichtet Daniel Theweleit
Es war eine gehörige Portion Betroffenheit, die die Herren auf dem Podium im Schalker Pressesaal ausstrahlten, als sie die Trennung von einer Legende bekanntgaben. Keine 20 Stunden zuvor hatte hier noch Huub Stevens hier gesessen und die schmerzhafte 1:3-Niederlage gegen den SC Freiburg kommentiert. Nun nahm der bis zum Saisonende zum Chefcoach beförderte Schalker U-17-Trainer Jens Keller seinen Platz ein. Weißes Hemd, Jackett, ernstes Gesicht: Glücklich sah der Mann nicht aus.
Doch nicht nur für dessen Nachfolger ist die Entlassung von Huub Stevens, dem Schalker "Jahrhunderttrainer", eine unangenehme Angelegenheit.
So wirkte auch Horst Held deutlich mitgenommen. Mit geröteten Augen versuchte der Manager, die Unausweichlichkeit der Trennung zu erklären. "Wir hatten nicht mehr das Vertrauen, in dieser Konstellation eine Wende herbeiführen zu können", sagte er. Sogar Stevens selbst sei im Gespräch am Sonntagmorgen zur Ansicht gelangt, dass "jetzt der richtige Moment" für diesen Schritt sei, sagte Heldt.
Eigentlich lässt seine Aussage nur einen Schluss zu: Das Team wollte von diesem Trainer befreit werden.
Aufsichtsratschef Clemens Tönnies hatte vor wenigen Tagen schon in einem Interview gesagt, Stevens habe "die Mannschaft nicht mehr erreicht". Nach dem Spiel in Leverkusen Mitte November habe sich ein tiefer Graben aufgetan zwischen den jungen Spielern und dem knurrigen Trainer aus den Niederlanden. Wie genau es zu dieser fatalen Dynamik kommen konnte, bleibt allerdings für alle Beteiligten ein Rätsel. Heldt betonte mehrfach, dass Stevens in seinen Augen "gute Arbeit abgeliefert" habe.
Rückblickend ergibt sich ein Bild des Zerfalls
Der Trainer hatte das Team im Vorjahr direkt in die Champions League geführt und dort in diesem Herbst als Gruppensieger das Achtelfinale erreicht. Zudem bejubelten die Schalker noch Ende Oktober ihren besten Saisonstart seit 41 Jahren. Doch dann: freier Fall. Fünf Punkte aus den vergangenen sieben Spielen, eine desolate Leistung gegen Freiburg.
Und doch: Rückblickend ergeben sie in ihrer Gesamtheit ein Bild des Zerfalls auf Schalke, in dem die Spieler keine besonders konstruktive Rolle gespielt haben.
Stevens hätte gern weitergemacht
"Wenn jeder für sich kämpft und läuft, dann reicht das nicht", sagte Abwehrspieler Christoph Metzelder am Samstagabend. Stevens schaffte es offenbar nicht mehr, das Team zu einer Einheit zu formen. Stattdessen wirkte er in der in den vergangenen Wochen heraufziehenden Krise immer kraftloser und versteckte sich hinter Phrasen. "Man muss lernen, auch mal mit einer schwierigen Situation zurechtzukommen, wir müssen noch enger zusammenrücken", sagte er nach dem Spiel gegen die Freiburger. Genützt hat es nichts.
Dabei hätte Stevens gern weitergemacht, "ich habe einen Vertrag, und den möchte ich auch gerne im zweiten Jahr erfüllen", sagte er noch am Samstagabend. Doch die Entwicklungen der Nacht stimmten ihn, zumindest laut Heldt, um.
Nun soll Jens Keller als Nachfolger ein Rezept gegen die Schalker Misere finden, am besten schon im DFB-Pokalspiel am Dienstag gegen Mainz (19 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). In seiner ersten Trainingseinheit am Sonntagmorgen sprach er nach eigenen Aussagen viel mit dem Spielern, feilte auch schon an der Taktik, den Nachmittag wollte er mit Video-Studium verbringen.
Es ist eine Chance für den alten Stuttgarter Weggefährten von Horst Heldt. Nicht zuletzt weil der 42-jährige Keller mit einer solchen Situation schon vertraut ist. Vor zwei Jahren hatte er als Assistenzcoach von Christian Gross den Cheftrainer-Posten in Stuttgart übernommen. Zwei Monate später war er den Job allerdings wieder los.
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