Abgang von Schalke-Trainer Stevens: Trennung aus Verzweiflung

Aus Gelsenkirchen berichtet

Der beste Saisonstart seit Ewigkeiten, Gruppenerster in der Champions League: Bei vielen Clubs würde der Trainer dafür gefeiert - bei Schalke fliegt er raus. Die Trennung von Huub Stevens ist eine Verzweiflungstat der Vereins-Bosse. Sie haben keine Erklärung für die Talfahrt in der Liga.

Stevens-Entlassung: Abschied des Jahrhunderttrainers Fotos
REUTERS

Es war eine gehörige Portion Betroffenheit, die die Herren auf dem Podium im Schalker Pressesaal ausstrahlten, als sie die Trennung von einer Legende bekanntgaben. Keine 20 Stunden zuvor hatte hier noch Huub Stevens hier gesessen und die schmerzhafte 1:3-Niederlage gegen den SC Freiburg kommentiert. Nun nahm der bis zum Saisonende zum Chefcoach beförderte Schalker U-17-Trainer Jens Keller seinen Platz ein. Weißes Hemd, Jackett, ernstes Gesicht: Glücklich sah der Mann nicht aus.

Doch nicht nur für dessen Nachfolger ist die Entlassung von Huub Stevens, dem Schalker "Jahrhunderttrainer", eine unangenehme Angelegenheit.

So wirkte auch Horst Held deutlich mitgenommen. Mit geröteten Augen versuchte der Manager, die Unausweichlichkeit der Trennung zu erklären. "Wir hatten nicht mehr das Vertrauen, in dieser Konstellation eine Wende herbeiführen zu können", sagte er. Sogar Stevens selbst sei im Gespräch am Sonntagmorgen zur Ansicht gelangt, dass "jetzt der richtige Moment" für diesen Schritt sei, sagte Heldt.

Eigentlich lässt seine Aussage nur einen Schluss zu: Das Team wollte von diesem Trainer befreit werden.

Aufsichtsratschef Clemens Tönnies hatte vor wenigen Tagen schon in einem Interview gesagt, Stevens habe "die Mannschaft nicht mehr erreicht". Nach dem Spiel in Leverkusen Mitte November habe sich ein tiefer Graben aufgetan zwischen den jungen Spielern und dem knurrigen Trainer aus den Niederlanden. Wie genau es zu dieser fatalen Dynamik kommen konnte, bleibt allerdings für alle Beteiligten ein Rätsel. Heldt betonte mehrfach, dass Stevens in seinen Augen "gute Arbeit abgeliefert" habe.

Rückblickend ergibt sich ein Bild des Zerfalls

Der Trainer hatte das Team im Vorjahr direkt in die Champions League geführt und dort in diesem Herbst als Gruppensieger das Achtelfinale erreicht. Zudem bejubelten die Schalker noch Ende Oktober ihren besten Saisonstart seit 41 Jahren. Doch dann: freier Fall. Fünf Punkte aus den vergangenen sieben Spielen, eine desolate Leistung gegen Freiburg.

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Tatsächlich ist eine Analyse des Absturzes schwer. Vielleicht hat der Trainer zu spät damit begonnen, extrem belastete Spieler auch mal auf die Bank zu setzen und anderen eine Chance zu geben. 04-Profi Jermaine Jones hatte irgendwann öffentliche Kritik an der durchschaubaren Taktik des Trainers geübt und damit den Eindruck erweckt, dass es Stevens an strategischer Kreativität mangele. Es gab Kontroversen zwischen dem Trainer und einigen Spielern wie Lewis Holtby oder Jefferson Farfán - aber all das waren im Einzelnen eher normale Vorgänge.

Und doch: Rückblickend ergeben sie in ihrer Gesamtheit ein Bild des Zerfalls auf Schalke, in dem die Spieler keine besonders konstruktive Rolle gespielt haben.

Stevens hätte gern weitergemacht

"Wenn jeder für sich kämpft und läuft, dann reicht das nicht", sagte Abwehrspieler Christoph Metzelder am Samstagabend. Stevens schaffte es offenbar nicht mehr, das Team zu einer Einheit zu formen. Stattdessen wirkte er in der in den vergangenen Wochen heraufziehenden Krise immer kraftloser und versteckte sich hinter Phrasen. "Man muss lernen, auch mal mit einer schwierigen Situation zurechtzukommen, wir müssen noch enger zusammenrücken", sagte er nach dem Spiel gegen die Freiburger. Genützt hat es nichts.

Dabei hätte Stevens gern weitergemacht, "ich habe einen Vertrag, und den möchte ich auch gerne im zweiten Jahr erfüllen", sagte er noch am Samstagabend. Doch die Entwicklungen der Nacht stimmten ihn, zumindest laut Heldt, um.

Nun soll Jens Keller als Nachfolger ein Rezept gegen die Schalker Misere finden, am besten schon im DFB-Pokalspiel am Dienstag gegen Mainz (19 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). In seiner ersten Trainingseinheit am Sonntagmorgen sprach er nach eigenen Aussagen viel mit dem Spielern, feilte auch schon an der Taktik, den Nachmittag wollte er mit Video-Studium verbringen.

Es ist eine Chance für den alten Stuttgarter Weggefährten von Horst Heldt. Nicht zuletzt weil der 42-jährige Keller mit einer solchen Situation schon vertraut ist. Vor zwei Jahren hatte er als Assistenzcoach von Christian Gross den Cheftrainer-Posten in Stuttgart übernommen. Zwei Monate später war er den Job allerdings wieder los.

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insgesamt 42 Beiträge
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1.
KicknRush 16.12.2012
Wir dürfen also gespannt sein, welchen internationalen Spitzentrainer Schalke nunmehr verpflichten wird. Vielleicht wäre eine sozialpädagogische Supervisionskraft die richtige Entscheidung, um die empfindsamen Seelen der Spieler bei ihrer Berufsausübung zu begleiten?
2.
wanneeickel 16.12.2012
Fatale Kausalitätskette, an der Horst Heldt letzendlich nicht unschuldig ist. Die elende Hängepartie mit gleich drei aufgeschobenen Vertragsverhandlungen war ein Spaltpilz, zwar nur eine Ursache aber wohl eine nicht unbedeutende. Schade, ich persönlich habe Stevens sehr gemocht und halte ihn immer noch für eine optimale Lösung für Schalke. Allerdings hat er es auch mit der Verbreitung von Mißmut in den letzten Wochen übertrieben. Letztendlich ist offenbar mehr Psychologie im Spiel als man denkt. Nevertheless: danke, Huub, und alles Gute!
3. Schalke, also ich weiß nicht ....
frey41967 16.12.2012
Zitat von sysopDer beste Saisonstart seit Ewigkeiten, Gruppenerster in der Champions League: Bei vielen Clubs würde der Trainer dafür gefeiert, bei Schalke fliegt er raus. Die Trennung von Huub Stevens ist eine verzweifelte Entscheidung der Club-Verantwortlichen - sie haben keine Erklärung für die Talfahrt in der Liga. Abschied von Huub Stevens bei Schalke 04 - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/abschied-von-huub-stevens-bei-schalke-04-a-873221.html)
Wenn ich seh wie Schalke mit Ihren Trainern umgeht, dann kommen mir schwere Zweifel, ob der oder die richtigen zur Verantwortung gezogen werden. Ein langfristiges Konzept ist hier nicht erkennbar. Dem Trainer nach der CL Quali, CL Gruppenphase und dem guten Sasionstart jetzt zu attestieren, dass er die Mannschaft nicht mehr erreicht scheint mir etwas zu einfach. Nach diesem Motto hätte Heynckes, Favre auch schon längst Ihren Hut ziehen müssen und die haben eindrücklich bewiesen, dass sie ihre Mannschaft aus einer schwierigen Phase rausholen können. Aber dafür bekommt man bei Schalke keine Chance.
4. Eigentlich zu erwarten gewesen
vogelsberg 16.12.2012
Es geht ja immer nur um den Erfolg. Stevens kann sicher etwas, aber.. . Wenn die Spieler rebellieren, anstatt ordentliche Fussball zu zeigen und vom Management nicht zurückgepfiffen werden, wird der Trainer in die Wste geschickt. Der wird nicht am Hungertuch nagen und irgendwann wieder auf das Karussell aufspringen. Viel Glück ihm und auch den Knappen(vielleicht sollte man sie nach schlechten Spielen mal Schicht im Schacht machen lassen)
5. Glücklicherweise
blabliblupp 16.12.2012
ist Magath wieder auf dem Markt...
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