Abschiedstour Turbo Reuter rollt langsam aus

2. Teil: Teil II - Stefan Reuter über sein Leben im Fußball nach dem Fußball


 Stefan Reuter (Mitte, bei der EM 1996): "Die 90er Mannschaft wird immer irgendwo zusammenhalten"
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Stefan Reuter (Mitte, bei der EM 1996): "Die 90er Mannschaft wird immer irgendwo zusammenhalten"

Wenn ausgerechnet Zorc das sagt, dann besitzt das einen enormen Wert für Reuter. Gehört er doch zu den "wenigen Freunden, die übrig bleiben". Seit Jahren feiern die Familien in Kitzbühel Silvester zusammen, dazu stoßen dann auch die Grahammers aus Nürnberg. Mit Roland Grahammer begann seine Karriere beim 1. FC Nürnberg, dort profitierten die beiden erst von der so genannten "Revolution" einiger Spieler gegen den damaligen Trainer Heinz Höher und dann stiegen die beiden blutjungen Kerls auf mit dem "Club" in die Erste Liga. Das war 1985, und drei Jahre später wechselte Reuter gemeinsam mit Grahammer zu den Bayern, von denen er in der Jugend immer geschwärmt hatte.

Neben Grahammer zählen auch die Ex-Profis Karl-Heinz Riedle und Hansi Flick zum engeren Freundschaftskreis, der laut Reuter trotz großer Entfernungen "von Dauer ist und von Dauer sein wird". Sein Freund Grahammer war schon mit 28 Jahren Sportinvalide, das Knie war schuld, heute ist er Spielerberater. "Der Stefan ist immer freundlich, hilfsbereit, diplomatisch und zuvorkommend", sagt er.

In der Tat ist Reuter kein Mann der Drastik, er hält sich zurück mit schlagzeilenreifen Zitaten, es ist wie sein Spiel, dessen Qualität oft nicht wahrgenommen wird, weil er eben Tore verhindert und nicht erzielt. Reuter ist kein Held, der hochgejazzt wird, sondern ein zuverlässiger Arbeiter, der nur selten seine Contenance verliert. Situationen wie die im Februar beim Heimspiel gegen Schalke 04 bilden da eher die Ausnahme.

Veritabler Hauch von Sozialromantik

Als sein Torhüter Jens Lehmann seinerzeit nach einem Gerangel mit seinem Mannschaftskollegen Marcio Amoroso vom Platz flog, stauchte der Kapitän den Unbeherrschten zusammen. "Ich bin eben enorm ehrgeizig und erfolgsorientiert", entschuldigt sich Reuter. Er gehe seinen eigenen Weg und setze seinen Willen durch mit allen Konsequenzen, erklärt Grahammer. Für ihn ist Reuter eine aussterbende Spezies im Fußballgeschäft, ein Dinosaurier, so hört es sich jedenfalls an.

Auch das, was Reuter bis heute mitgenommen hat von der Weltmeisterschaft 1990, besitzt einen veritablen Hauch von Sozialromantik. Ein bisschen klingt das wie jenes Märchen aus dem Jahre 1954, als die von Fritz Walter und Sepp Herberger geführten elf Freunde durch Leidenschaft und Kameradschaft ihren WM-Überraschungssieg landeten. Immer noch "sensationell" sei es, meint Reuter, wie Teamchef Beckenbauer es damals geschafft habe, "jedem ein Gefühl von Wichtigkeit zu geben".

Stefan Reuter (r., im Duell mit dem Hannoveraner Jiri Stajner): Kein Held, sondern ein zuverlässiger Arbeiter
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Stefan Reuter (r., im Duell mit dem Hannoveraner Jiri Stajner): Kein Held, sondern ein zuverlässiger Arbeiter

Bis zum legendären 2:1-Achtelfinalsieg gegen Holland war Reuter Stammspieler, doch dann übernahm Thomas Berthold seine Position, im Halbfinale gegen England und im Endspiel gegen Argentinien wurde er eingewechselt. Es gab seinerzeit Spieler, die hätten einen Aufstand geprobt deswegen, Reuter aber akzeptierte ohne Murren. "Die 90er Mannschaft wird immer irgendwo zusammenhalten", sagt er, es mache unglaublich viel Spaß, wenn sich die Wege dieser Spieler wieder einmal kreuzten.

Alle fünf Jahre treffen sie sich und begehen den damaligen Gewinn. "Anno 2000 haben wir an der Stätte des Triumphes, in dem gleichen römischen Hotel, eine italienische Nacht gefeiert", erzählt Reuter, und seine Augen leuchten dabei. Und dann erzählt er, dass sie einen Monat später schon ein Schreiben von dem damaligen Pressesprecher Niersbach bekamen, um sich schon einmal den Termin für 2005 vorzumerken. Er hat ihn sich notiert. Sein Plan für diese Zeit steht schon, preisgeben aber will er ihn nicht.

Er möchte, wie so viele, im Fußball bleiben und das Ganze "mal von der anderen Seite betrachten", Vorbild dafür ist sein ehemaliger Kollege Zorc, der derzeit über die Geschäfte des BVB wacht. Er kann sich vorstellen, soweit deutet er an, zunächst das Organisationskomitee für die WM 2006 in Deutschland zu unterstützen. Dass der Chef dort Beckenbauer heißt, ist dabei nicht von Nachteil, und immerhin ist er bei der Bewerbung bereits als WM-Botschafter für Dortmund aufgetreten. Womöglich aber spielt er ja dann immer noch. Dann würde der Defensivspezialist, den sie früher immer nur "Turbo" nannten wegen seines dynamischen Antritts, endgültig zum Turbo-Diesel avancieren.



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