Abschiedstour Turbo Reuter rollt langsam aus

Stefan Reuter ist einer der letzten Aktiven aus der legendären Weltmeisterelf von 1990 und wird für Borussia Dortmund nicht mehr allzu lange spielen. Der 37-Jährige kann auf etliche Pokale und Ehrungen zurückblicken und sagt doch: "Statistiken interessieren mich nicht." Eben ein Urgestein mit klaren Grundsätzen.


Hochdekorierter Haudegen: BVB-Kapitän Reuter (Mitte) mit der Meisterschale 2002
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Hochdekorierter Haudegen: BVB-Kapitän Reuter (Mitte) mit der Meisterschale 2002

Dortmund - Das Ritual wiederholt sich jeden Tag, nach jedem Training, nach jedem Spiel. Stefan Reuter horcht tief hinein in seinen Körper; er trottet dann meistens im Schneckentempo allein über den Platz und dehnt von Zeit zu Zeit die müden Muskeln. Beinahe meditativen Charakter hat diese einschläfernde Prozedur, und nicht selten läuft Reuter immer noch aus, wenn sich seine Kollegen schon längst unter der Dusche befinden.

Dass er sich so sehr konzentriert auf seine Fußballerbeine, hat freilich Gründe. Der Allrounder wurde im Oktober schließlich satte 37 Jahre alt, damit ist er der Methusalem unter den Feldspielern in der Bundesliga, und außerdem ist er der einzige Akteur in der Bundesliga, der älter ist als sein Trainer, Matthias Sammer. Er hat Operationen an beiden Knien hinter sich, aber "je weiter das weggeht von der Verletzung", sagt Reuter, "desto fitter werde ich", und wundert sich selbst ein bisschen darüber.

Knackt er die 500er-Grenze?

Auch das ist eine Erklärung dafür, dass sich in ihm zwei Fußballergenerationen versammeln, gerade absolviert er sein zwanzigstes Profijahr. Richtig nervös wird er deswegen nicht mehr, wenn er mit Borussia Dortmund in das Westfalenstadion aufläuft, in diese grandios inszenierte Fußballoper vor mittlerweile 83.000 Zuschauern. "Das ist immer wieder schön", sagt der dreifache Familienvater, und immer noch singt und dehnt er dabei das Ö zu einem halben E, wie früher schon in seiner Heimat in Dinkelsbühl, Franken.

Man könnte seine unfassbare Karriere mit Statistiken und Titeln beschreiben. Eine lange Liste ist das. Wer sie akribisch abarbeiten will, der sollte sich eine halbe Stunde frei nehmen, nur fürs Zählen. Über 470 Einsätze nur in der Bundesliga, er hat also mehr Spiele absolviert als Koryphäen wie Sepp Maier, Harald Schumacher oder Jürgen Grabowski; die Schallmauer von 500 Spielen, die bisher erst neun Profis erreicht haben, kann er in dieser Saison noch brechen. Fünf Deutsche Meisterschaften sprangen dabei heraus, zwei mit den Bayern, drei mit dem BVB, zuletzt 2002.

Bisher 107 Mal, so oft wie sonst kein deutscher Spieler, war er unterwegs in Sachen Europapokal, gewann mit Dortmund 1997 die Champions League und danach auch den Weltpokal, zweimal unterlag er zudem im UEFA-Cup-Finale (1993 und 2002). 69 Mal trug er das Trikot der Nationalmannschaft und wurde 1996 Europameister. Damals fehlte er Gelb-gesperrt im Finale gegen die Tschechen, aber das findet Reuter ziemlich unerheblich. "Das wahre Endspiel", sagt er, und kein Fußballexperte würde hier einen Widerspruch erheben, weil es sich eingeprägt hat in die Erinnerung aller, "war doch das Halbfinale gegen England."

Vor allem aber ist er mit dem reanimierten Frankfurter Andreas Möller der letzte Mohikaner der Matthäus-Generation von Rom: Der letzte noch aktive Weltmeister von 1990. Aber angesprochen auf diese Zahlen, antwortet Stefan Reuter trocken: "Ich mache mir nichts aus Statistiken." Weil er irgendwie ahnt, dass der Abschluss seiner Profikarriere naht. Jetzt schon eine Bilanz ziehen will er nicht, "ich mach das ungern, solange ich noch aktiv bin", sagt Reuter. Entscheidend findet er, "dass man hochkonzentriert bleibt und sich absolut als Spieler fühlt und sich keine Gedanken macht".

"Aufgrund seiner Erfolge ist er unantastbar"

Von etlichen Kollegen hat er erfahren, dass sie irgendwann "ein Problem im Kopf gehabt haben, dass sie keine Lust mehr hatten auf den permanenten Druck auf dem Platz oder auf den Ärger, den es im Verlauf einer Saison immer gibt". Er selbst aber habe immer noch Spaß, fühle keinen Stress. "Es darf für mich nicht zur Qual werden, und für den Verein keine Belastung", lautet seine Maxime, "darum habe ich nicht kategorisch gesagt: Das ist das letzte Jahr". Fast wie eine Drohung klingt das.

Seinen Vertrag beim BVB hatte Reuter bis Sommer 2004 verlängert, und wenn man Michael Zorc genau zuhört, dann verfügt Reuter offenbar über weitere Optionen. "Aufgrund seiner langjährigen Karriere und seiner Erfolge ist er unantastbar", sagt der Manager beim BVB, und dann schwärmt er von dem "hohen Stellenwert" Reuters im Team, und dass er "Integrationsfigur und Orientierungspunkt" sei, vor allem für die jungen ausländischen Profis.



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