Abstiegskandidat Werder: Im Krebsgang

Aus Bremen berichtet

Bremen vs. Wolfsburg: Wolfsburg effizient, Bremen unsicher Fotos
Getty Images

Es sollte ein Befreiungsschlag werden - und geriet zur Blamage. Gegen Wolfsburg kassierte Werder Bremen die bereits 14. Saisonniederlage, der Club steckt mitten im Abstiegskampf. Erneut wurde deutlich: Die Spieler funktionieren nicht als Mannschaft.

Eigentlich hat Dieter Hecking durchaus ein beeindruckendes Organ. Wenn der Wolfsburg-Trainer seinen Spielern von der Seitenlinie Anweisungen gibt, fühlt man sich selbst im Stadion-Oberrang noch angesprochen.

Die Worte, die Hecking nach dem 3:0-Sieg seiner Mannschaft in Bremen auf dem Podest zur Pressekonferenz fand, sprach er ganz leise, fast schon flüsternd aus. Dennoch musste dabei selbst dem optimistischsten Bremen-Fan Angst und Bange werden: "Aus dem 1:6 in München haben wir Positives mitgenommen, es war nicht alles schlecht."

Dass inzwischen tatsächlich selbst eine Mannschaft, die eine Klatsche mit fünf Toren Unterschied kassiert hat, über mehr Selbstvertrauen verfügt als Werder, war die bittere Erkenntnis, die auch Thomas Schaaf in den 90 Minuten zuvor gewonnen hatte.

"Maßlos enttäuscht" sei er und "stinksauer", so Schaaf, als "unverständlich" bezeichnete der 51-Jährige die Leistung seines Teams. Besonders die Zweikämpfe hätten seine Spieler in der ersten Halbzeit so geführt, "wie es schlechter nicht geht".

Anders als bei vielen seiner Kollegen scheitert der Versuch, Schaafs tatsächlichen Gemütszustand an seinem Gesicht abzulesen. Vor die Presse tritt Schaaf stets mit stoischer Ruhe.

Leichter dürfte es seinen Spielern gefallen sein, den Gemütszustand ihres Chefs einzuordnen. Schaaf hatte sie unmittelbar nach Abpfiff in die Kabine zitiert. So eilte Pressesprecher Tino Polster durch die Mixed Zone und zog Kapitän Clemens Fritz von den wartenden Journalisten weg. Erst später sagte Fritz: "Natürlich hat der Trainer mehr als nur deutliche Worte gefunden. Was wir in der ersten Halbzeit abgeliefert haben, war wirklich beschämend."

Auch Schaaf hat gute Spieler im Kader

Den genauen Wortlaut wollte der 32-Jährige aber nicht wiedergeben. Und auch Schaaf sagte lediglich: "Das bleibt in der Kabine."

Man kann davon ausgehen, dass Schaaf anders als Hecking nicht geflüstert hat. Ob seine Worte bei der Mannschaft aber noch Wirkung zeigen, ist die große Frage bei Werder Bremen.

Neun Spiele ist der Club bereits ohne Sieg, nach der 14. Saisonniederlage ist das Team 14. - und hat noch Glück gehabt, dass die Konkurrenz aus Augsburg, Düsseldorf und Hoffenheim allesamt verloren haben.

Was Schaaf früher als norddeutsche Coolness ausgelegt wurde, wirkt in schlechten Zeiten, wie sie Trainer und Verein derzeit erleben, mitunter wie Hilflosigkeit. Früher fanden Schaaf und sein Manager Klaus Allofs für jede Situation, jeden verkauften Star, eine Lösung, einen Ersatz. Johan Micoud ging, Diego kam. Traumwandlerisch sicher führte das Duo seine Arbeit fort.

Allofs verließ den Club im vergangenen November zum Gegner vom Sonntag, das Verhältnis zwischen dem 56-Jährigen und Werder war seit dem Sommer 2011 nachhaltig gestört, als der Aufsichtsratsvorsitzende Willi Lemke Allofs die Transfergelder abdrehte.

In Wolfsburg ist so etwas kein Problem, aber auch Schaaf hat in dieser Saison wieder gute Spieler im Kader. Sokratis, Kevin de Bruyne oder Marko Arnautovic verfügen über internationale Klasse, hinzu kommen Talente wie Zlatko Junuzovic, Özkan Yildirim oder Mateo Pavlovic. Was fehlt, ist der Mittelbau, der Kitt aus erfahrenen, zuverlässigen Spielern.

Ein funktionierendes Kollektiv hat Schaaf in dieser Saison nicht formen können. Wolfsburgs Naldo, der wie Allofs und Diego mit dem VfL zu Gast beim alten Arbeitgeber war und vor der Partie offiziell verabschiedet wurde, sagte nach dem Schlusspfiff: "Werder hat viele gute Spieler, aber keine Mannschaft."

Selbst die treuen Fans stellten die Unterstützung ein

Gegen Wolfsburg stellte Schaaf aufgrund einiger Ausfälle Sokratis statt auf seiner besten Position, der Innenverteidigung, auf die des Linksverteidigers. Nach gut einer halben Stunde aber korrigierte Schaaf, wechselte Sebastian Prödl aus und brachte Nils Petersen für den Sturm, Sokratis rückte nun doch ins Zentrum.

"Wir müssen gucken, wie wir uns aus den gesunden Spielern ein Team zusammenbasteln", kommentierte Schaaf später seine Taktik. Sie war nicht aufgegangen.

Selbst die treuen Fans der Ostkurve stellten nach dem dritten Gegentreffer größtenteils die Unterstützung ein und skandierten: "Wir haben die Schnauze voll."

Das habe er so noch nicht erlebt, staunte Clemens Fritz, nach den großen Namen und dem schönen Fußball droht Werder nun auch noch der Bruch mit den eigenen Fans.

Da bleibt es nicht aus, dass Schaaf sich vermehrt den Fragen nach seiner Zukunft stellen muss. "Wenn ich das Problem sein sollte, dann bin ich nicht das Problem", signalisierte er kryptisch seine Bereitschaft zur Amtsaufgabe, umschiffte das Wort Rücktritt aber mit der Aussage: "Dann gehe ich auf die Seite." Werder schleppt sich im Krebsgang von Spieltag zu Spieltag, nicht ausgeschlossen, dass dieser in Liga zwei endet.

Werder Bremen - VfL Wolfsburg 0:3 (0:2)
0:1 Arnold (13.)
0:2 Olic (27.)
0:3 Diego (66., Foulelfmeter)
Bremen: Mielitz - Gebre Selassie, Prödl (33. Petersen), Lukimya, Sokratis - Fritz, Bargfrede (59. Yildirim) - Junuzovic, De Bruyne, Hunt - Arnautovic
Wolfsburg: Benaglio - Hasebe, Naldo, Kjaer (54. Knoche), Rodriguez - Träsch, Polak (79. Medojevic) - Vieirinha, Arnold (78. Marcel Schäfer), Diego - Olic
Schiedsrichter: Brych (München)
Zuschauer: 41.000 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Fritz (2), Bargfrede (3), Arnautovic (8) - Träsch (3)

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insgesamt 13 Beiträge
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1. Schlaftablette Schaaf
raju56 21.04.2013
Mit dem Trainer wird Werder nichts mehr reissen! Vielleicht entgeht er gerade noch dem Abstieg - aber auf Dauer muss der Mann weg.
2. Es war einmal...
exfan 21.04.2013
eine gute und sympathische Mannschaft. Dann kam der Fluch der Hühnerbrust...
3. @exfan
charlybird 21.04.2013
Genauso ist das. Wiesenhof ist nicht BuLi tauglich :-) und hat mein Werder-Fan-Sein deutlich reduziert.
4.
schwarzes_lamm 21.04.2013
Zitat von sysopEs sollte ein Befreiungsschlag werden - und geriet zur Blamage. Gegen Wolfsburg kassierte Werder Bremen die bereits 14. Saisonniederlage, der Club steckt mitten im Abstiegskampf. Erneut wurde deutlich: Die Spieler funktionieren nicht als Mannschaft. Abstiegskandidat Werder - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/abstiegskandidat-werder-a-895600.html)
Der Niedergang Werders ist symptomatisch für den Zustand der Stadt Bremen; eine völlig nutzlose und überflüssige Sozial-Serengeti, die kein Mensch mehr braucht.
5. die haben Glück...
derlabbecker 21.04.2013
Zitat von sysopEs sollte ein Befreiungsschlag werden - und geriet zur Blamage. Gegen Wolfsburg kassierte Werder Bremen die bereits 14. Saisonniederlage, der Club steckt mitten im Abstiegskampf. Erneut wurde deutlich: Die Spieler funktionieren nicht als Mannschaft. Abstiegskandidat Werder - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/abstiegskandidat-werder-a-895600.html)
... dass die schon 'genug' Punkte haben, und sich hinter Ihnen die Gurken aus Fürth, Hoffenheim und Auf gsburg tummeln. In einer 'normalen' Saison, was den hinteren Bereich angeht, würde Werder absteigen... und hätte sicherlich auch schon lange den Schaaf rausgeworfen. So rettet man sich mit Hoffnung und Gottvertrauen.
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