Achilles' Spezial Ollis Testosteron-Nostalgie

Olli Kahn ist ein tragischer Fall. Er hat den richtigen Zeitpunkt verpasst, aufzuhören. Jetzt gibt es nur noch einen Ausweg: Kahn muss mit zur WM - auch als Hinterbänkler.  Nur so kann er in Würde altern.

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Männer um die 40 und Testosteron - das ist so eine Sache. Irgendwann kommt der Moment, da es nicht mehr das Macho-Hormon selbst ist, das durch die Adern pulst, nein, man spürt nur noch die Erinnerung daran. Es fühlt sich ähnlich an. Aber das täuscht. Achilles weiß, wovon er spricht. Unser Olli, das ist so ein tragischer Testosteron-Fühler. Fletscht und brüllt und fuchtelt und hüpft immer noch herum wie ein wilder Stier. Aber es ist nicht mehr so wie früher. Auch wenn er es so gern will.

Torwart Kahn (am Freitag am Flughafen): Chance für einen würdevollen Abgang
DPA

Torwart Kahn (am Freitag am Flughafen): Chance für einen würdevollen Abgang

Es ist leider nur noch so-tun-als-ob. So wie Klaus Meine von den "Scorpions": Schwarze Mütze über der Halbglatze, Lederhose mit Elastikbündchen und "Wind of Change", lebenslänglich. Nun also unser Olli. Noch so einer, der die Kurve nicht im richtigen Moment gekriegt hat. Morbus Scharping. Einer, der sich öffentlich demütigen lassen muss, weil er Stolz und Dickköpfigkeit verwechselt und einfach nicht merken will, wann es genug ist.

Es sei die schwerste Entscheidung seiner Trainer-Laufbahn gewesen, hat Bundestrainer Jürgen Klinsmann gesagt. Das zweifeln wir aber mal ganz unpatriotisch an und behaupten: Es war schon immer klar.

Denn das Problem heißt ja nicht nur Testosteron-Nostalgie, es heißt vor allem FC Bayern München. Hoeneß, Beckenbauer und die anderen Schwatzbacken haben nun wirklich alles dafür getan, ihren Torwart aus der Nationalelf zu quatschen. Erst die Attacken gegen Klinsmann selbst und dann die ausgesprochen hübsche Erklärung des Bayern-Managers vom letzten Wochenende, dass der Olli wegen dem Bundestrainer eine Formkrise habe. Die Nerven. Nee, klar, Achilles kennt das: Schuld ist Mona, Klemmbrett, das Wetter, die Schuhe, gern auch Temperatur oder Untergrund.

Fakt ist: Der Jens Lehmann hat auch Nerven. Und zwar bessere. Der hält auch unter Druck. Vielleicht liegt es daran, dass er öfter mal international spielt mit Arsenal. Und Olli eben nicht. Weil es seine Bayern wieder nicht gebracht haben in der Champions League. Je mehr ihn die Bayern in die Nationalelf quatschen wollten, desto trotziger hat der Klinsmann gesagt: no way. Paradoxe Intervention, sagt der Ehe-Experte, wenn er das Gegenteil fordert von dem, was er erreichen will, um es dann doch zu kriegen. Die Bayern haben das Prinzip nicht kapiert. Sie können nur die paranoide Intervention: alles fordern und nichts kriegen.

Schwer zu sagen, wann der Niedergang des Olli Kahn begonnen hat. Er hätte nach dem Doppelschlag von Ronaldo im Finale 2002 zurücktreten sollen. Es hat ja netterweise keiner laut gesagt, aber: Natürlich hat Kahn den Titel vermasselt damals. Und taugte als tragischer Titan ab sofort zum Stoff für gesamtgesellschaftliche Betrachtungen. Das Feuilleton entdeckte ihn. Das hätte das zweite Warnsignal sein müssen, schleunigst den Ausstieg zu suchen.

Der dritte Akt des Niedergangs: natürlich eine Frau. Alle, die hinter dem ungehobelten Kerl ein Geheimnis, vielleicht nur einen ungewöhnlichen Gedanken vermuteten, die wurden bitter enttäuscht. Kahns Welt, das war leider doch nur Verena aus der Discothek "P 1". Plötzlich trug der Olli freche Frisuren, coole T-Shirts und bildete sich wieder Testosteron ein. So wie jeder in München. Das war's dann endgültig gewesen. Wenn er wenigstens noch extrastark gehalten hätte.

Logische Konsequenz: die öffentliche Hinrichtung. Wie verletzend muss es sein, wenn schon die Grüne Claudia Roth, Deutschlands zweitbester Fußball-Experte nach Waldi Hartmann, wenn also Frau Roth schon tröstende Worte sprechen muss. Lehmann sei der Bessere, hat sie gesagt, weil er gegen Zwangsprostitution sei. Aber eigentlich sollten beide mitkommen zur WM. Redet man so über Ex-Titanen? Nein. Soviel grundgütige Niedertracht hat sie nicht mal für Joschka Fischer übrig.

Der Olli will jetzt ein paar Wochen überlegen, ob er mitfährt zur WM. Das ist schon der nächste Fehler. Wenn man den Zeitpunkt des Abschieds schon so grandios verpasst hat, dann gibt es nur eins: sich selbstlos in den Dienst der Mannschaft stellen. Stoisch auf der Bank sitzen, den Jungen aufmunternde Klapse geben und Lehmann was zu trinken nach dem gemeinsamen Medizinball-Training. Das Team zählt, Olli. Du bist Mannschaft. Jetzt aussteigen, das geht gar nicht. Das wäre die beleidigte Weißwurst. Verpass' jetzt bitte nicht auch die allerletzte Chance für einen würdevollen Abgang. Wir Männer um die 40 setzen auf Dich.



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