Afrika-Cup Peter Schnittger - Unterwegs im Auftrag des Fußballs

Seit über 30 Jahren ist Peter Schnittger als Fußballtrainer in Afrika tätig. Beim Afrika-Cup trainiert er die Nationalmannschaft des Außenseiters Senegal, die sich mit einem Sieg gegen Mitfavorit Ägypten am Freitag bereits für das Viertelfinale qualifizieren kann.

Von Christian Baars


Dakar/Kano - "Das Gebet wurde also erhört und der Platz für den Afrika-Cup 2000 gesichert. Halleluja!", so jubelte der "Walfadjri", eine senegalesische Tageszeitung, Ende August vergangenen Jahres. Das "Halleluja" einer ganzen Nation galt vor allem einem Mann, der im Senegal nur als "Pietör" bekannt ist. Seit einem Jahr trainiert der deutsche Peter Schnittger das Nationalteam des westafrikanischen Staates, und unter seiner Regie haben die "Löwen" überhaupt erst ein Spiel verloren.

Nach Engagements an der Elfenbeinküste, in Kamerun, Äthiopien, Thailand, auf Madagaskar und in Benin wollte der Diplom-Sportlehrer nach rund 350 Länderspielen eigentlich nie mehr Nationaltrainer sein. Doch nach einem miserablen Auftakt in der Qualifikation zu den kontinentalen Titelkämpfen 2000 musste sein Vorgänger den Hut nehmen - und die senegalesische Regierung drängte Schnittger, den Posten zu übernehmen. Das Auswärtige Amt Deutschlands gab sein Okay. So blieb dem deutschen Übungsleiter keine Wahl. "Über meinen Arbeitsplatz entscheidet die Sportpolitik. Ich bin ein Experte - von Deutschland zur Verfügung gestellt, um eine Mission zu erfüllen."

Peter Schnittger: Seit 32 Jahren "Fußball-Entwicklungshelfer"
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Peter Schnittger: Seit 32 Jahren "Fußball-Entwicklungshelfer"

Seit seinem 27. Lebensjahr arbeitet Schnittger für die Entwicklungshilfeorganisation GTZ, die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit. Diese schickt ihn als "Auslands-Sportexperten" in Länder der Dritten Welt, um dort den Fußball zu fördern. "Die Nationalmannschaft bringt mir zwar Ruhm, dem Land aber nichts," stellte Schnittger irgendwann fest. Wichtiger sei es, für vernünftige Trainingsbedingungen im Jugendfußball und für eine gute Trainerausbildung zu sorgen, denn in den Ländern Afrikas mangelt es vor allem an der nötigen Infrastruktur. "Auf diesem Kontinent liegt vieles im Argen," erklärt er. Keine vernünftigen Plätze, keine Netze, keine Absperrungen, von ausreichend Bällen fürs Training mal ganz zu schweigen.

Es war "der Drang nach draußen", der ihn aus seiner norddeutschen Heimat Hannoversch-Münden in die Ferne trieb. In Afrika fühlt er sich nach über 30 Jahren "zu Hause". "Jede Station hatte ihre Besonderheit", sagt Schnittger. An der Elfenbeinküste sei es der "Enthusiasmus" gewesen. Mit einer "hervorragenden Generation von Fußballern" stieß er er 1970 bis ins Halbfinale des Afrika-Cups vor. Seine zweifellos größten Erfolge aber feierte Schnittger in Kamerun. Als Vereinstrainer des Hauptstadtclubs Canon Jaunde, "damals eine Art FC Bayern", gewann er 1971 den Afrikapokal der Landesmeister. Im Jahr darauf erreichte er mit der Nationalmannschaft den dritten Platz bei den kontinentalen Titelkämpfen.

Vor seine schwerste Aufgabe sah sich Schnittger 1976 gestellt. In Äthiopien sollte er die Nationalmannschaft für den Afrika-Cup vorbereiten, und geriet dabei in die Wirren des blutigen Bürgerkrieges in der nach Unabhängigkeit strebenden Region Eritrea. Viele Spieler seiner Mannschaft waren plötzlich unauffindbar, niemand wusste ob sie tot, verletzt oder einfach nur verschwunden waren. Der deutsche Coach geriet in Lebensgefahr. "Ich musste die politischen Ereignisse erleben und all diese unmenschlichen Grausamkeiten. Alle diese Menschen getötet für nichts", blickt er sichtlich betroffen zurück.

Peter Schnittger feiert das Erreichen des Afrika-Cups
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Peter Schnittger feiert das Erreichen des Afrika-Cups

Schnittger wollte und durfte Afrika verlassen, wenn auch nur für zwei Jahre. Auf einen Thailand-Aufenthalt folgte dann sein bis dato längstes Engagement. Sechs Jahre lang war er auf Madagaskar, einem der ärmsten Länder der Welt, als Nationaltrainer und technischer Direktor tätig. "Es war eine schlimme Zeit. Wir haben mitgelitten", erinnert sich Schnittgers Gattin Helga. Viele Menschen seien damals verhungert. Zu den zahlreichen Einladungen zum Abendessen hätten sie statt eines Straußes Rosen eine Flasche Öl, Zahnpasta oder Medikamente als Geschenk mitgebracht. "Doch wir behalten immer nur die positiven Seiten", erklärt Peter Schnittger.

Seine Arbeit im Senegal begann Schnittger 1994 als Direktor eines nationalen Jugendfußball-Förderungsprogramms. Sechs Jahre später zählt für ihn jedoch nur noch das Nationalteam. In der Qualifikation erreichte er ein Unentschieden gegen das zuvor scheinbar übermächtige Nigeria, das später annulliert wurde, da Nigeria als Co-Veranstalter für die Afrikameisterschaften einsprang. Es folgten zwei Remis gegen Burkina Faso und ein Sieg gegen Burundi. Das reichte für Platz zwei in der Gruppe und die Trostrunde um den letzten freien Platz. Ganz Senegal fieberte mit.

Für die anstehenden Auswärtsspiele in Eritrea und Zimbabwe stellte Staatspräsident Abdou Diouf sogar sein Privatflugzeug zur Verfügung. Nach dem 2:0-Erfolg im letzten Spiel in Eritrea wurde die Mannschaft gefeiert, als habe sie bereits die Titelkämpfe in Nigeria und Ghana gewonnen. Nach der Qualifikation setzte sich Staatsminister Ousmane Tanor Dieng persönlich dafür ein, dass der Trainer dem Team erhalten blieb. Der Vertrag wurde noch einmal um ein Jahr bis Ende Oktober verlängert.

Für den in diesen Tagen stattfinden Afrika-Cup 2000 sieht Peter Schnittger seine Mannschaft allerdings nicht im Favoritenkreis. Die Spieler seien noch sehr jung. Ihnen fehle die Turniererfahrung. Keiner habe jemals an einem so bedeutenden Endrundenturnier teilgenommen. "Man muss einfach glauben. Vielleicht werden wir ja nicht so ernst genommen. Für eine Überraschung sind wir immer gut", hofft Schnittger deshalb.

Doch auch wenn sein Team früh scheitern sollte, der Dank der Senegalesen ist dem Deutschen schon jetzt gewiss. "In Afrika hat ein sportliches Resultat auch immer eine soziale und menschliche Auswirkung", erklärt er. Vor allem deshalb wird er auch nach seiner Mission im Senegal dem Kontinent treu bleiben. "Am liebsten möchte ich das ganze noch einmal 30 Jahre lang machen."



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