Alan Shearer "England hat Angst vor Fabio Capello"

Der einst teuerste Spieler der Welt, Alan Shearer, ist heute Experte in der BBC-Sendung "Match of the day". Angebote, als Coach in den Fußball zurückzukehren, schlug er aus. In "11 FREUNDE" erklärt er, was die Probleme der Premier League sind und welche Deutschen ihr gut täten.


Frage: Alan Shearer, der glücklose englische Nationaltrainer Steve McClaren wollte Sie in sein Team holen. Sie lehnten ab. Glückwunsch!

Alan Shearer: Vielen Dank! Aber ich habe ehrlich gesagt nicht geahnt, dass Steves Arbeit unter so einem schlechten Stern stehen würde. Es passte damals einfach nicht in meinen Zeitplan, als Trainer bei ihm anzufangen.

Stürmer Shearer: 30 Tore für England
Getty Images/Ross Kinnaird/Allsport UK

Stürmer Shearer: 30 Tore für England

Frage: In die Qualifikation zur WM 2010 ist England sehr gut gestartet. Was macht Fabio Capello besser als McClaren?

Shearer: Fabio ist ein Welttrainer. Schauen Sie sich nur mal seine Erfolge an! Einer wie er hat keine Autoritätsprobleme, wenn er einen neuen Job übernimmt. Da hatte Steve es schwerer, der vorher nur für relativ kleine Clubs gearbeitet hat. Dazu kommt: Steve war in England eine Person des Boulevards. Über ihn wusste die Öffentlichkeit alles. Fabio hingegen hält sein Privatleben unter Verschluss. Das macht ihn immun gegen Angriffe von gewissen Teilen der Presse.

Frage: Capello hat eine weiße Weste.

Shearer: Und das hat in England verblüffende Folgen: Man hat Angst vor ihm, so wie man Unbekanntes generell fürchtet. Mit diesem Angst-Faktor spielt Capello sehr geschickt.

Frage: Ist das der Vorteil den auch andere ausländische Trainer in England haben?

Shearer: Durchaus. Denken Sie nur an Mourinho und wie er als Chelsea-Trainer mit seinem Image des Undurchschaubaren gespielt hat.

Frage: Haben diese Trainer eine bessere Perspektive auf den Fußball als ihre englischen Kollegen?

Shearer: Natürlich bringen sie neue Ideen ein, so wie jeder Trainer es tut. Zeigen Sie mir eine Liga, die nicht von Ausländern beeinflusst wird. Aber es gibt auch gute britische Trainer.

Frage: Wen denn?

Shearer: Harry Redknapp ist letztes Jahr trotz eines sehr schmalen Budgets mit dem FC Portsmouth Pokalsieger geworden und coacht jetzt Tottenham. Auch Martin O'Neill leistet tolle Arbeit bei Aston Villa.

Frage: Dennoch fällt auf, dass sie nicht bei den exponierten Clubs arbeiten.

Shearer: Das ist nicht ihr Fehler. Das ist die Entscheidung der Vereinsbosse, die sich gern mit großen Namen schmücken.

Frage: Warum können sich so wenige deutsche Fußballer in der Premier League durchsetzen?

Shearer: Gute Frage. Ganz ehrlich: Ich habe keine Ahnung.

Frage: Sind die Deutschen zu weich?

Shearer: Das glaube ich nicht. Die Frage sollten Sie auch nicht zu laut stellen, wenn Torsten Frings gerade vorbei kommt. Im Ernst: Wenn ich mir den deutschen Kader ansehe, sind durchaus einige Spieler dabei, die auch einen englischen Top-Club verstärken würden, vor allem Miroslav Kloses Kopfballspiel.

Frage: Ihre Karriere begann an der Schwelle von der alten zur neuen Fußballwelt. Können Sie sich an einen Moment erinnern, als Sie dachten: "Irgendwas läuft hier aus dem Ruder"?

Shearer: Was ist denn aus dem Ruder gelaufen? Meine Karriere ist doch ganz gut gelaufen. Finden Sie nicht?

Frage: Ohne Zweifel. Aber über die Entwicklung der Premier League lässt sich streiten.

Shearer: Unsere Nationalmannschaft hat in den letzten 15 Jahren nicht gerade von der Premier League profitiert. Aber die Liga selbst ist, nachdem sie Ende der Achtziger Jahre wegen der Heysel-Katastrophe exkommuniziert worden war, zur besten der Welt geworden. Daran kann ich nichts schlecht finden.

Frage: Haben Sie dennoch Verständnis für Fans, die sich aus Frust über Kommerzialisierung, steigende Ticket-Preise und fluktuierende Kader von ihren Clubs abwenden?

Shearer: Niemand kann die Augen davor verschließen, dass die Zuschauerzahlen zurückgehen. Aber ich bin überzeugt: Wer Fan eines Clubs ist, bleibt es für den Rest des Lebens. Egal, was passiert.

Frage: Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge will durch die Abschaffung der so genannten "50+1-Regel" auch in der Bundesliga das Engagement ausländischer Investoren ermöglichen. Möchten Sie ihn als Experte des englischen Fußballs an dieser Stelle warnen?

Shearer: Das Geld von Leuten wie Roman Abramowitsch macht vieles möglich. Kein Wunder, dass andere das auch wollen. Ich sehe bloß eine Gefahr: Was passiert, wenn Abramowitsch das Interesse an seinem Spielzeug verliert? Dann hat der FC Chelsea ein beträchtliches Problem. Und wenn die Geldgeber von Manchester City, West Ham oder United das Interesse verlieren, geht es diesen Clubs genauso – und damit hätte auch die Premier League ein großes Problem.

Frage: Als Sie 1996 für 15 Millionen Pfund von den Blackburn Rovers zu Newcastle United wechselten, waren Sie der teuerste Spieler der Welt. Wie groß war der Druck?

Shearer: Ich habe es nie als Druck empfunden. Warum auch? Ich wollte immer erfolgreich sein – und war lieber der teuerste Spieler der Welt als der billigste.

Frage: Alan Shearer, Sie hatten kürzlich das Angebot, im Trainerteam von Newcastle United mitzumischen. Sie lehnten ab. Werden wir Sie noch mal als Trainer erleben?

Shearer: Ich habe meinen Schein gemacht. Wenn sich die richtige Tür auftut, werde ich hindurch gehen. Aber das ist bei uns nicht so leicht wie bei euch, wo Jürgen Klinsmann gleich Nationaltrainer wird.

Die Fragen stellten Dirk Gieselmann und Tim Jürgens. Das Interview in ganze Länge können Sie in der neuen Ausgabe der "11 FREUNDE" nachlesen, die am 18. Dezember erschienen ist.



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