Albanien-Sieg gegen Rumänien Rot-schwarze Eruption

Der 1:0-Sieg der Albaner gegen Rumänien war historisch und entsprechend war das Spiel: Eine Begegnung voller Leidenschaft, mit Chancen auf beiden Seiten - untermalt vom martialischen Gebrüll der albanischen Fans.

Jubelnde Albaner
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Jubelnde Albaner

Aus Lyon berichtet


Mergim Mavraj hatte keine Lust, an die Zukunft zu denken. Er wollte keine Einschätzung dazu abgeben, wie wahrscheinlich denn jetzt der Einzug ins Achtelfinale dieser Europameisterschaft sei für seine albanische Nationalmannschaft. Für ihn zählte nur das Hier und Jetzt. "Wir wollen diesen Moment genießen. Er ist so wichtig für uns und unser Land. Da müssen wir auch mal innehalten", sagte der Verteidiger in Diensten des 1. FC Köln.

Den Albanern war ja tatsächlich Historisches gelungen im Stade des Lumières in Lyon. Das 1:0 gegen Rumänen am letzten Spieltag der Vorrundengruppe A war ihr erster Sieg überhaupt bei einem großen Turnier. Dass er theoretisch sogar zum Einzug ins Achtelfinale reichen könnte, ist zweitrangig aus Mavrajs Sicht. "Was jetzt noch kommt, ist ein Bonus", sagte er.

Der Kölner Verteidiger stand nach der Partie lange im Tiefgeschoss des Stadions. Während seine Kollegen schon im Mannschaftsbus verschwunden waren, erzählte er immer noch von der historischen Dimension dieses Erfolgs, über die defensive Spielweise von Trainer Giovanni De Biasi ("Er ist Italiener!"), über die Unterschiede zwischen Bundesliga und Nationalmannschaft und, und, und. Mavraj war anzumerken, dass er jede Sekunde dieses für den albanischen Fußball so bedeutsamen Abends auskosten wollte. Wenn nicht der Mannschaftsbus irgendwann abgefahren wäre, würde Mavraj vermutlich immer noch im Innern der Arena stehen und den Moment genießen.

Albaner hoffen auf die K.o.-Runde

Die Albaner haben sich selbst belohnt mit dem Sieg gegen Rumänien. Sie hatten ja schon in den ersten Spielen gegen die Schweiz (0:1) und Frankreich (0:2) passabel mitgehalten, schafften es aber nicht, ihr Tor über die gesamte Spielzeit zu verteidigen und Gefahr nach vorne zu entfalten. Gegen Rumänien biss sich die Mannschaft in die Partie, verteidigte mit Leidenschaft und Disziplin und verdiente sich den entscheidenden Treffer durch Armando Sadiku kurz vor der Pause. "Wir wussten, dass wir die Rumänen schlagen können, wenn wir so kämpfen, wie wir in den Spielen zuvor gekämpft haben", behauptete Verteidiger Mavraj. Über den Sieg sei er deshalb auch nicht überrascht.

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EM 2016: Albaniens historischer Sieg

"Wir haben die ersten beiden Partien gebraucht, um ins Turnier zu kommen und unser Spiel zu finden", sagte De Biasi. Erst in den kommenden Tagen entscheidet sich, ob die drei Punkte der Albaner für den Achtelfinaleinzug reichen. Bis dahin will der Trainer ganz normal trainieren lassen, so, als würde es auch jeden Fall noch ein Spiel geben. "Wir wollen auch weiter beweisen, dass wir gegen Top-Teams mithalten können", sagte er.

Fans werden für ihre Leidenschaft belohnt

Rumänien gegen Albanien, das klingt eher nach Qualifikation als nach einem Spiel bei einem großen Turnier, es war die nominell wohl unattraktivste Paarung dieser EM. Die Partie steht sinnbildlich für die Aufblähung des Wettbewerbs auf 24 Teams und der Inflation an Durchschnittsspielen. Doch die besten Spiele sind ja oft die, an die man keine Erwartungen hat. Und so war diese Partie eine Begegnung voller Leidenschaft, mit Chancen auf beiden Seiten, vor allem in der ersten Halbzeit. Untermalt wurde das Spiel vom martialischen Gebrüll der albanischen Fans, die im Stadion in Lyon deutlich in der Überzahl waren. Ihre Anfeuerungen klangen wie Donnerhall, die Stimmung war packend, auch wenn viele Plätze in der brandneuen Arena frei geblieben waren. Nach Sadikus Treffer bebte der Beton wegen der Eruption in Rot und Schwarz.

"Wir haben das ganze Turnier über die Unterstützung der Fans, in jedem Spiel, in jedem Moment", sagte Abwehrspieler Arlind Ajeti. Beim ersten Spiel gegen die Schweiz waren sogar mehrere Hundert ehemalige Nationalspieler im Stadion, die auf Einladung des Verbands nach Frankreich gereist waren. "Es war wichtig, den Fans etwas zurückzugeben", sagte Mavraj. Der Sieg gegen Rumänien sei wichtig für alle Albaner auf der ganzen Welt. Wichtiger noch als für die Spieler selbst.

Egal, ob die drei Punkte für den Achtelfinal-Einzug reichen oder nicht: Diesen historischen Abend kann der albanischen Nationalmannschaft und ihren Fans niemand mehr nehmen.

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insgesamt 11 Beiträge
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twister13 20.06.2016
1. 24 Mannschaften
Ja, das ist das Ergebnis wenn man aus reiner Geldgier die Mannschaften auf 24 aufstockt. Ein Team das sich gegen die Schweiz und Frankreich nur hinten rein stellt und dann zufällig gegen Rumänien auch mal ein Tor schiesst. Das ist doch keine EM, das ist Missbrauch von Fersehgebühren. Wer will denn sowas sehen? Man mixt die Favoriten mit Fallobst um Spiele verkaufen zu können. Die Qualität dieser Spiele ist überhaupt kein Gegenstand der Betrachtung. Die UEFA, dieses Vorbild an Rechtschaffenheit, Ehrlichkeit und Unbestechlichkeit ist wieder ihrem Ruf gerecht geworden. Gut das noch Dinge gibt auf die man sich felsenfest verlassen kann!
it--fachmann 20.06.2016
2. Gratuliere
Ich gönne diesem Volk seinen Jubeltaumel. Aber grundsätzlich frage ich mich, warum Völker ihr Selbstwertgefühl aus Sport definieren müssen. Völker wiederum bestehen aus Individuen. Das Individuum hat zum Sieg seiner Nationalmannschaft zwar nicht das Geringste beigetragen, verbucht aber deren Sieg auf dem eigenen Konto. Seltsam irrational! Es wäre Aufgabe des Journalismus diese Irrationalität kritisch zu hinterfragen, anstatt jubelnd mit dem Strom zu schwimmen. Brot und Spiele war schon die Devise im alten Rom, sagen sich Viele und hinterfragen nichts. Aber schauen wir doch mal auf die hässlichen Seiten des Sports - die Hooligan-Gewalt - wer macht sich da Gedanken über deren Ursachen? Freilich, Politiker instrumentalisieren den Sport gerne für ihre Zwecke, aber vom Journalismus erwarte ich mehr Einsicht in die Hintergründe.
idee342 20.06.2016
3. Kleine Mannschaften bereichern das Turnier
In Bezug auf die Stimmung und Leidenschaft bereichern die "kleinen" Nationen das Turnier. Sie wirken nicht so müde und gelangweilt wie etablierte Nationen. Siehe Fans von Irland/Albanien/Wales/... Außerdem sind die Spiele keinesfalls langweiliger als die der "großen" Nationen. Zusätzlich können die Erfolge in manchen der neuen Nationen ein Gemeinschaftsgefühl entstehen lassen und somit die Stabilität in diesen Ländern erhöhen. Dazu ob man Stolz auf seine Nationalmannschaft sein kann? Ich denke jeder der einen kleinen Beitrag für den Fußball leistet kann somit Stolz auf die Nationalmannschaft sein. Ohne Amateurspieler, Ehrenamtliche, Eltern die ihre Kinder zum Fußball fahren und die allgemeine Fusballbegeisterung gäbe es viel weniger Spieler/Vereine. Viele der jetzigen Spieler würden vielleicht gar nicht oder eine andere Sportart betreiben.
abc-xyz 20.06.2016
4. @Twistet13
Wenn Sie diese Spiele nicht sehen wollen, ist das ihr Bier. Die Albaner haben 3 sehr gute Spiele gezeigt und haben selbst die Heimmannschaft beinah ins Tal der Tränen verbannt. Auch erkenne ich nicht den von Ihnen kolportierte Defensivfußball, zumindest nicht in abweichender Form, oder fanden Sie das 0:0 zwischen Frankreich und der Schweiz oder gar das Unentschieden zwischen Deutschland und Polen besser? Wohl kaum. Ich danke dafür, dass Teams wie Island und Albanien dabei sind.
jan07 20.06.2016
5.
Zitat von it--fachmannIch gönne diesem Volk seinen Jubeltaumel. Aber grundsätzlich frage ich mich, warum Völker ihr Selbstwertgefühl aus Sport definieren müssen. Völker wiederum bestehen aus Individuen. Das Individuum hat zum Sieg seiner Nationalmannschaft zwar nicht das Geringste beigetragen, verbucht aber deren Sieg auf dem eigenen Konto. Seltsam irrational! Es wäre Aufgabe des Journalismus diese Irrationalität kritisch zu hinterfragen, anstatt jubelnd mit dem Strom zu schwimmen. Brot und Spiele war schon die Devise im alten Rom, sagen sich Viele und hinterfragen nichts. Aber schauen wir doch mal auf die hässlichen Seiten des Sports - die Hooligan-Gewalt - wer macht sich da Gedanken über deren Ursachen? Freilich, Politiker instrumentalisieren den Sport gerne für ihre Zwecke, aber vom Journalismus erwarte ich mehr Einsicht in die Hintergründe.
Lassen Sie den Leuten doch einfach mal ihren Spaß und versuchen Sie nicht alles zu 'hinterfragen'. Die Menschen werden schon genug bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit von säuerlichen Deutschen Moralaposteln gegängelt.
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