Krise bei Alemannia Aachen Klub gegen Fans

Weil die Verhandlungen mit einem Investor gescheitert sind, droht Alemannia Aachen der finanzielle Kollaps. Der Verein macht dafür seine Anhänger mitverantwortlich - und sorgt so für großen Ärger.

Anhänger im Aachener Tivoli
Bongarts/Getty Images

Anhänger im Aachener Tivoli


Noch am vergangenen Sonntag war Thomas Wenge bestens gelaunt. 2:1 gewann seine geliebte Alemannia aus Aachen, obwohl sie bis in die Schlussphase zurückgelegen hatte, und das auswärts beim Tabellenführer Viktoria Köln. Was gibt es Schöneres für einen Fußballfan, der die Geschicke seines Vereins seit fast 40 Jahren verfolgt?

Nicht mal 48 Stunden später war es wieder vorbei mit der guten Laune. Am Dienstagmorgen gab die Alemannia bekannt, "schweren Herzens" einen Insolvenzantrag gestellt zu haben. Zum zweiten Mal nach 2012, damals hatte sich der Klub am Stadionneubau verhoben. Und als wäre das nicht schon traurig genug, findet sich in der Stellungnahme ein Satz, der den Puls von Wenge noch weiter in die Höhe treibt: Schuld an der Insolvenz des Viertligisten hätten auch die Fans und deren "ablehnende Haltung" gegenüber einer Investorengruppe, die den Verein sanieren wollte.

Wenge, 49, braucht einige Sekunden, bis er darauf die richtigen Worte findet. Er will jetzt nichts Falsches sagen. Er ist ja nicht nur Vorsitzender der Fan-IG, des Dachverbands aller Alemannia-Fans, er ist auch Lehrer an einer Gesamtschule in der Region. Die Fans hätten sich "wahnsinnig darüber aufgeregt, mehr als über die Insolvenz selber", sagt er schließlich, "niemand hat für das Nachtreten des Präsidiums Verständnis." Also setzte die Fan-IG ein Schreiben auf. In dem heißt es, die Anschuldigung sei "an den Haaren herbeigezogen und entbehrt jeder Grundlage". Wenge und die Fans fordern eine Entschuldigung des Vereins.

"Alemannia verkauft man nicht"

Die kommt aber nicht. Auch nicht bei der Pressekonferenz am Donnerstag mit Insolvenzverwalter Christoph Niering. Wenge ist im Saal, als Wolfgang Hammer versucht, die Aussage zu entschärfen, das aber nicht wirklich schafft. Es sei nur um die "Hardcore-Fans" gegangen, sagt der Spediteur, der zum zurückgetretenen Aufsichtsrat gehört. Genauer wird Hammer nicht. Auch auf SPIEGEL-Nachfrage will er sich nicht dazu äußern.

Dass der Großteil der Alemannia-Fans in der Tat gegen die Investorengruppe ist, die kurz vor Weihnachten ihr Konzept vorstellte, ist kein Geheimnis. Immer wieder sind im Stadion Transparente mit Sprüchen wie "Investor verhindern" oder "Alemannia verkauft man nicht" zu lesen. Die Debatte ist keine neue, bei zahlreichen Vereinen, unter Vorständen und Fans wird sie geführt. Die einen wollen mit dem Geld von außen (wieder) nach oben kommen, andere wollen unabhängig bleiben und nur das Geld ausgeben, das der Verein selbst erwirtschaftet.

Alemannia-Fan Wenge sieht das Thema differenziert. Er ist kein Ideologe und nicht wie die Ultras generell gegen externe Geldgeber. Er würde sich schon freuen, wenn der ehemalige Erstligist, der 2004 im DFB-Pokal-Finale gegen Werder Bremen stand, mit frischem Geld nach oben käme. Nur das angedachte Konstrukt gefällt ihm nicht.

Angst vor Abhängigkeit

Hinter der Gruppe stehen Michael Kölmel (der seit Jahrzehnten in abgestürzte Traditionsklubs investiert, auch bereits bei der Alemannia), der österreichische Unternehmer Florian Meise und Wolfgang Holzhäuser, Ex-Geschäftsführer von Bayer Leverkusen. Das Trio möchte dem Stammverein 49 Prozent der Spielbetriebs-GmbH abkaufen, sollte die 50+1-Regel allerdings fallen, hätte es automatisch das Recht, für einen jetzt bereits festgelegten Preis bis zu 80 Prozent der Anteile zu übernehmen. "Ohne dass dafür noch mal ein neuer Beschluss der Mitglieder gefasst werden muss", sagt Wenge, der das ablehnt: "Wir wären komplett abhängig und würden in eine völlig ungewisse Zukunft gehen."

Die 50+1-Regel
Eine Klausel in der Satzung des DFB soll die Übernahme von Fußballklubs durch Investoren verhindern. Sie schreibt vor, dass Kapitalgesellschaften zwar Lizenzen für die Erste und Zweite Bundesliga erwerben können.

Das geht aber nur, wenn Vereine die Mehrheit an diesen Kapitalgesellschaften halten.

Mehrheit wird definiert als 50 Prozent der Stimmrechte zuzüglich einer Stimme. So erklärt sich die verbreitete Bezeichnung 50+1-Regel.

Investoren, die sich seit mehr als 20 Jahren bei einem Verein engagieren, dürfen eine Ausnahmegenehmigung von der 50+1-Regel beantragen. So gehören Bayer Leverkusen und der VfL Wolfsburg mehrheitlich Konzernen (Bayer, Volkswagen) und die TSG Hoffenheim einem Mäzen (SAP-Gründer Dietmar Hopp).

Entscheidend für die 50+1-Regelung ist die Mehrheit der Stimmrechte, nicht die Mehrheit des investierten Kapitals.

Manche Fans seien im Internet ausfallend geworden, räumt Wenge ein. Aber er glaubt nicht, dass Investoren davon abgeschreckt werden könnten: "Ich kann mir keinen Investor vorstellen, der es nicht gewohnt ist, auf Leute zu treffen, die eine andere Meinung haben. Und auch keinen, dem das nicht egal ist", sagt Wenge.

Von den Investoren selbst ist zum Thema nichts zu hören. Sie lassen lediglich ausrichten, dass ihr Angebot weiter gilt. Denn der Verein muss nicht zwangsabsteigen und kann die Saison zu Ende spielen. Insolvenzverwalter Niering hat angekündigt, einen "Drei- bis Fünfjahresplan" zu erstellen, um die Alemannia zu retten. Der Kampf zwischen Traditionalisten und Investoren ist in Aachen noch lange nicht beendet.

insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
Frank D. 24.03.2017
1.
Ich komme selber auch Aachen und kenne einiger der "stolzen" Fans die immer gesagt haben wie sehr sie Leipzig und auch Hoffenheim verachten. Tja, aber Leipzig und Hoffenheim hat eine Zukunft, die Alemannia nicht ! Danke ihr "stolzen" Fans !!!
wolleb 24.03.2017
2.
Die 50+1 Regelung wird fallen. Es ist nur eine Frage der Zeit. Die ewig gestrigen werden dann nichts mehr zu sagen haben. Die sogenannten Ultras sind der Untergang der Fan-Kultur.
frechwieoskar 24.03.2017
3. investor
solche fans wie in aachen, wünscht man keinem investor!
FrauWald 24.03.2017
4.
Ich hoffe der Verein verschwindet von der Bildfläche und mit ihm der rechte Abschaum (siehe Banner der rechten Karlsbande) den sie jahrelang hofiert haben. Wenn ihr euch nicht klar gegen Nazis positionieren wollt, dann geht mir ihnen unter.
deepbrain 24.03.2017
5.
Was genau ist jetzt die Schuld der Fans an der Insolvenz und dem geplatzten Einstieg eines Investors? Thema Investor: Wurde der auf einer Abstimmung von den Fans abgelehnt? Soweit ich weiß, gab es nie eine ofiizielle Mitgliederbefragung/-abstimmung. Wurde der Investor also von den Fans verschreckt? Denke nicht, im Text steht ja, dass deren Angebot weiter bestehe. Also, wo genau haben die Fans nun verhindert, dass der Investor einsteigt? Eine Alternativerklärung für den nicht erfolgten Investoreinstieg wären vielleicht die unsichere Rechtslage, von der auf der Pressekonferenz zur Insolvenzverkündigung als "weiterer" Grund gesprochen wurde. Oder die Sache, dass der Investor nur einsteigen wollte, wenn Alemannia schuldenfrei sei und dies nicht geschehen sei (Quelle: Radiobeitrag auf WDR2). Da will also ein Konsortium viel Geld in den Verein pumpen (gehen mal von mehreren Millionen € aus, sonst würde nicht von "nach oben kommen" gesprochen), aber nur wenn ein paar 100.000€ Schulden getilgt sind? Ehrlich gesagt hört sich das nicht so an, als ob es dem Konsortium auch nur im geringsten um Alemannia gehe, sondern nur (!) darum, Gewinn zu machen. Man kann sich also vorstellen, wie der Verein in Zukunft ausgesaugt wird. Klassische Heuschrecke in meinen Augen! Thema fianzielles MInus: Im Verein wird anscheinend seit Jahren mehr Geld ausgegeben als vorhanden ist. Ist ja schon die zweite Insolvenz innerhalb weniger Jahre. Das überdimensionale Stadion kostete viel zu viel. Der Verein verliert mitten in der Saison den Trikotsponsor und dadurch einen Batzen Geld. Für so etwas tragen doch in der Regel Vorstand und Aufsichtsrat die Verantwortung. Irgendwo in der Pressekonferenz ein Wort dazu, wie es zu dem Minus kommen konnte? Interessiert ja auch nicht, der schwarze Peter wird einfach den Fans zu geschoben. Disclaimer: Ich habe mit Alemannia in keiner Weise etwas zu tun, auch nicht als Fan.
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