Fergusons Autobiografie Sir Alex Gnadenlos

Alex Ferguson packt aus: In seiner Autobiografie rechnet der legendäre Ex-Trainer von Manchester United gnadenlos mit Fußballdiven wie David Beckham und Wayne Rooney ab. Und erklärt, warum er nie Englands Nationaltrainer werden wollte.

Von , London

AP/dpa

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Das Buch hätte viele Titel haben können. Schließlich mangelt es nicht an Superlativen im Leben von Alex Ferguson. In seinen 26 Jahren auf der Trainerbank hat er mit Manchester United 38 Pokale geholt, wurde zum erfolgreichsten Fußballlehrer Englands. Doch der Schotte liebt es schnörkellos, und so heißt das Buch nur schlicht "Meine Autobiografie".

Der Auflauf ist enorm, als Ferguson das Werk am Dienstag im vornehmen Institute of Directors in London vorstellt. Es ist das erste Mal seit seinem Rücktritt im Mai, dass er eine Pressekonferenz gibt. In fünf Reihen umringen die Fotografen den Mann mit dem roten Gesicht, die Reporter kommen aus China, Neuseeland, den USA, und sie sind ungewöhnlich ordentlich angezogen. Die Einladung hatte auf den "strikten Dresscode" hingewiesen: "Keine Turnschuhe und Jogginghosen."

Sie werden nicht enttäuscht, das Buch liefert viele saftige Zitate. Auf 402 Seiten geht der 71-Jährige scharf mit den Stars ins Gericht, die ihm zu seinen größten Erfolgen verholfen haben, ihm aber zugleich das Leben schwer gemacht haben. Sechs Spieler haben in dem Buch eigene Kapitel bekommen: David Beckham, Rio Ferdinand, Cristiano Ronaldo, Roy Keane, Ruud van Nistelrooy and Wayne Rooney.

Die Totenglocke für Beckham

Bei Manchester United galt eine eiserne Regel: Wer sich Ferguson in den Weg stellte, der blieb nicht mehr lange beim Verein. Der resolute Trainer duldete keinen Ungehorsam. "In der Minute, in der ein Spieler glaubte, er sei größer als der Trainer, musste er gehen", schreibt Ferguson. "David Beckham glaubte, er sei größer als Alex Ferguson. Das war die Totenglocke für ihn."

Beckhams Verwandlung vom hochbegabten Fußballer zur globalen Lifestyle-Ikone ist eine der großen Enttäuschungen in Fergusons Leben. Im Buch beschreibt er eine Szene vor einem Training. 20 Fotografen warteten vor dem Gelände. "Was ist los?", fragte Ferguson. "Beckham zeigt morgen seine neue Frisur", lautete die Antwort. Der Mittelfeldstar kam mit Mütze zum Training und weigerte sich, sie abzunehmen. Am nächsten Tag lief er mit Glatze auf dem Platz auf. "Ich hatte eine Riesenwut", schreibt Ferguson. "In jener Zeit begann ich, an ihm zu verzweifeln. Ich sah, wie er von den Medien und den PR-Agenten geschluckt wurde."

Im Buch erwähnt Ferguson Beckhams Frau Victoria mit keinem Wort, doch als er auf der Pressekonferenz gefragt wird, warum Beckham ein anderer geworden sei, sagt er: "Er hat sich in Victoria verliebt, und das hat alles verändert." Es scheint die Enttäuschung eines Vaters durch, dessen Sohn sich von ihm abgenabelt hat.

Auch Englands Nationalstürmer Wayne Rooney, ein weiterer Ferguson-Schützling, wird reichlich bissig behandelt. Er sei "nicht der schnellste Lerner", schreibt Ferguson, dafür ein "rohes Talent" mit einem natürlichen Spielinstinkt. "Die Fähigkeit, den ganzen Tag zu rennen, sollte nicht unterschätzt werden". Zuletzt habe Rooney jedoch Schwierigkeiten gehabt, 90 Minuten durchzuhalten. Angesichts seines Körpers sei es "kaum vorstellbar, dass er bis Mitte 30 spielen wird". Im Gegensatz zu Beckham, der ein "natürlicher Athlet" sei, habe Rooney Fitnessprobleme. Auf keinen Fall dürfe man ihn daher vor großen Turnieren Urlaub machen lassen wie vor der letzten Europameisterschaft. Rooney brauche dann immer mehrere Spiele, bis er wieder in Form sei.

Rooney wollte Özil nach Manchester holen

Das Verhältnis Fergusons zu Rooney ist belastet, seit der Spieler sich gegen Ferguson aufgelehnt hat. Er beschwerte sich über seine Position, wollte den Verein verlassen, gab gar dem Trainer Empfehlungen. 2010 habe Rooney ihm gesagt, er hätte Mesut Özil von Werder Bremen holen sollen, statt ihn zu Real Madrid gehen zu lassen, schreibt Ferguson. Seine Antwort: Rooney solle seinen Job machen und spielen. Warme Worte findet der Ex-Trainer hingegen für Ryan Giggs und Paul Scholes. Sie sind die Sorte Fußballer, die er schätzt: loyal und immer im Dienst der Mannschaft.

Es gehe ihm nicht darum, alte Rechnungen zu begleichen, erklärt Ferguson. Aber er wolle den Fans erklären, warum er bestimmte Entscheidungen gefällt habe. Und am Ende sei das Allerwichtigste in einem Verein, dass der Trainer die Kontrolle habe.

Das dürfte auch einer der Gründe sein, warum er es zweimal abgelehnt hat, englischer Nationaltrainer zu werden. Denn nirgendwo reden mehr Leute mit. Keine zehn Sekunden habe er über das Angebot nachdenken müssen, sagt der Schotte, auch aus patriotischen Erwägungen. "In einer Million Jahren hätte ich England nicht trainieren können. Ich hätte mich nie mehr in Schottland blicken lassen können." Noch immer hat er nicht vergessen, was eine englische Zeitung geschrieben hat, als er 1990 zum ersten Mal mit Manchester United den FA-Cup holte: "Okay. Du hast bewiesen, dass du den FA-Cup gewinnen kannst. Jetzt geh zurück nach Schottland."

Ferguson sitzt jetzt im Aufsichtsrat des Clubs

Für Selbstkritik ist in dem Buch kein Platz. Auch auf der Pressekonferenz erlaubt Ferguson keine Zweifel. Hatte Rooney nicht recht, als er Özil als Verstärkung gefordert hatte, wird er gefragt. Damals sei der deutsche Nachwuchsstar noch nicht auf dem Radar gewesen, entgegnet Ferguson wenig überzeugend. Und wäre es nicht besser gewesen, sich ganz von Manchester United zurückzuziehen, statt als Mitglied des Aufsichtsrats weiter Einfluss zu nehmen? Nein, sagt Ferguson. Immerhin habe er nach seinem Rücktritt sechs Monate gewartet, bis er sein erstes Interview gegeben habe.

Der Abschied von der Fußballbühne, die er über zwei Jahrzehnte dominiert hat, fällt ihm offenbar nicht leicht. Doch hat Ferguson auf seine alten Tage noch eine neue Karriere gefunden: Er doziert jetzt an der Harvard Business School und hält Reden zum Thema "Leadership". Sein Rat ist weltweit gefragt. Ob sich sein Erfolgsrezept auch auf den chinesischen Fußball anwenden lasse, fragt eine chinesische Reporterin. "Es wird dauern, bis China das Niveau von Japan oder Südkorea erreicht hat", sagt der große Sir Alex. "Mein Rat wäre: Haben Sie Geduld."



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insgesamt 6 Beiträge
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bob_sleigh 22.10.2013
1. Alex Ferguson / Matt Busby
Also, das soll wirklich eine Statue von Alex Ferguson sein (Bild 1)? Es geht tatsächlich um Matt Busby (1909 - 1994) einer der bedeutendsten Trainer der englischen Fußballgeschichte, der United von 1945 bis 1970 trainierte. Wie Ferguson, war er auch Schotte. Auch in der "blauen Hälfte" der Stadt war er ein Held denn er hat über 200 Mal für City gespielt.
norfair 22.10.2013
2. Özil nicht auf dem Radar?!
Also wenn selbst Rooney ihn auf dem Radar hatte...also bitte. Evtl. ist Sir Alex nicht der "schnellste Lerner"...oder einfach unwillig. Ansonsten: Totenglocke ist wohl übertreiben, immerhin ist Beckham zu einem größeren Verein als ManU gewechselt, ist (formal) aufgestiegen.
stefansaa 22.10.2013
3.
Zitat von norfairAlso wenn selbst Rooney ihn auf dem Radar hatte...also bitte. Evtl. ist Sir Alex nicht der "schnellste Lerner"...oder einfach unwillig. Ansonsten: Totenglocke ist wohl übertreiben, immerhin ist Beckham zu einem größeren Verein als ManU gewechselt, ist (formal) aufgestiegen.
Sie können davon ausgehen, dass Özil auf dem Radar war nur glaube ich nicht das Ferguson zu den selbstkritischsten Menschen gehört. Wie auch angemerkt wurde. und war dort auch genauso erfolgreich wie bei ManU? Ferguson ist sicherlich ein kleiner "Diktator/Dispot" bei United gewesen aber er war auch verdammt erfolgreich und das über ein ewig langen Zeitraum. Von daher kann er sich auch einbilden über jedwede Kritik erhaben zu sein.
norfair 22.10.2013
4. Erfolg ja
aber man darf auch nicht vergessen, welcche Ressource Ferguson zur Verfügung standen: der reichste Verein der reichsten Liga. Wenn man so aus dem vollen schöpfen kann, sind zwei CL Titel in 26 Jahren nicht das non plus ultra. Teams wie Real, Milan oder Barca haben je drei Titel in weniger als 20 Jahren geholt. Wenn man Bayern München trainiert ist es auch nahezu unmöglich nicht erfolgreich zu sein. Ich will ihm nicht absprechen ein großer Trainer zu sein, aber man muss auch sehen welche Möglichkeiten er hatte seinen Ideen umzusetzen. Freie Hand über einen Verein wie ManU, mit dessen finanziellen Möglichkeiten, hat viel zum Erfolg beigetragen.
prinzcharming 23.10.2013
5. Sir Alexander, der große
Fear Ferguson, ein Wunderwerk ist es nicht, diese Autobio, aber Gedanken und Erinnerungen, wie Bismarcks wäre passend, denn seine Sichtweise ist her ausgesprochen. Ihr sollt keine Götter haben neben mir, passt aber auch, weil in einem Verein nicht dienlich. In der Geschichte des englischen Fußballs hat er mit vielleicht drei anderen eine Sonderstellung, und Respekt gebührt ihm, weil kein anderer hatte in seiner Zeit diesen Siegeswillen mit Gespühr. Sein Ebenbild auf dem Platz Scholes oder das Beste vereint ohne Wenn Giggs für ein Vierteljahrhundert war sein Griff in England zu spüren und ließ ihn alle auch. Der Zeitpunkt und die "Art" wie, wird ihn bei einem Glas Wein auch noch am Samstag amüsieren.
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