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Hoffenheim-Manager Rosen: "Schluss mit dem Scheckbuch"

Ein Interview von und

Alexander Rosen ist der jüngste Manager der Bundesliga, doch in Hoffenheim hat er in sieben Monaten im Amt schon viel erlebt. Vor dem Duell gegen Bayern München spricht Rosen über den Beinahe-Abstieg, das eigene Scheitern als Profi und das angespannte Verhältnis zu Borussia Dortmund.

Hoffenheim-Manager Rosen: Karrierebruch und Karrierehoch Fotos
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SPIEGEL ONLINE: Herr Rosen, erst kassiert Ihr Club gegen Leverkusen ein Tor, das keins war, dann verwehrt Ihnen das DFB-Sportgericht auch noch ein Wiederholungsspiel. Und was machen Sie? Bleiben in beiden Fällen äußerlich gelassen. Warum eigentlich?

Rosen: Ausnahmslos alle standen vor einer einmaligen Situation. Ich glaube, das Wort "unwirklich" war nie passender. Gerade aus diesem Grund war es für uns von Anfang an wichtig, überlegt zu agieren. Mittlerweile wissen wir, dass dieser Abend in die Fußballhistorie eingehen wird, denn er hat eine Welle in Gang gesetzt, die nur noch schwer zu stoppen sein wird.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen die Debatte um den Videobeweis, die folgte.

Rosen: Für uns war es wichtig, Entscheidungen im Sinne des Fußballs zu treffen. Es gab deshalb auch keine Vorwürfe, kein Nachtreten. Natürlich hätten wir uns ein Wiederholungsspiel gewünscht. Aber wir waren von Anfang an realistisch. Auch deshalb haben wir recht schnell entschieden, das Urteil hinzunehmen und uns wieder den wesentlichen Dingen zu widmen. Die, die wir beeinflussen können, für die wir arbeiten können. Das entspricht unserer Philosophie.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht die genau aus?

Rosen: Wir wollen wieder ein ganz bestimmtes Gesicht zeigen. Wir wollen uns wieder definieren über die Art unseres Spiels, unseres Auftretens und auch über die Integration junger Spieler aus der Akademie. Und nicht über markige Sprüche, unrealistische Zielsetzungen oder Megatransfers. Ich denke, wir sind auf einem guten Weg. Unser offensives Gesicht lächelt schon, das defensive verdrückt ab und an noch eine Träne.

SPIEGEL ONLINE: Ist das neue Hoffenheim nicht einfach das alte?

Rosen: So könnte man es sagen. Wir wollen zurück zu unserer ursprünglichen DNA, die vor vielen Jahren implementiert und von vielen goutiert wurde. Deshalb nenne ich es auch das neue alte Hoffenheim. Attraktiver Fußball, junge, hungrige Spieler, Innovation, tolle Trainingsmöglichkeiten. Und das alles im dörflichen Rahmen. Das wollen wir wieder aufleben lassen. Um zu beschreiben, wo wir mal waren, müssen wir keine Herbstmeisterschaften oder sonstigen Erfolge betonen. Es reicht eine einzige Anekdote. Soll ich sie erzählen?

SPIEGEL ONLINE: Natürlich.

Rosen: In seiner ersten Bundesligasaison mit Borussia Dortmund ging Jürgen Klopp in Hoffenheim 1:4 unter. Nach dem Spiel hat er gesagt: "Irgendwann will ich spielen wie ihr." Markus Gisdol und auch ich, wir sind mit diesem System Hoffenheim groß geworden. Aber wir werden eben nicht alles kopieren.

SPIEGEL ONLINE: Und wo ist jetzt das Neue an Hoffenheim?

Rosen: Kein einziger Transfer in diesem Sommer fiel aus dem Rahmen. Nehmen wir das Beispiel Hosiner (Stürmer von Austria Wien; die Red.), an dem wir Interesse hatten. Man hat versucht, uns finanziell auszuziehen. Da haben wir sofort Stopp gesagt. Wenn wir uns in Zukunft auf diesem Markt bewegen wollen, dann muss Schluss sein mit dem Scheckbuch. Es gibt halt Spieler nur noch, wenn alles passt.

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SPIEGEL ONLINE: Die Mannschaft spielt bisher ansehnlichen Fußball, liegt in der oberen Tabellenhälfte. Was kann der Club in dieser Saison erreichen?

Rosen: Auch da haben wir aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. Bei der Planung der neuen Saison haben wir uns zwar Gedanken gemacht, ob wir eine Zielvorgabe herausgeben. Aber wir sind relativ schnell zu dem Schluss gekommen, dass das keine gute Idee ist.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Rosen: Weil Ziele in Hoffenheim in den vergangenen zwei Jahren zu selten erreicht wurden. Wir wollen nach den Turbulenzen der Vergangenheit einfach eine sorgenfreie Saison spielen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind seit April im Amt. Beschreiben Sie doch mal, was sie damals vorgefunden haben.

Rosen: Es gab eine Mannschaft, die durchaus Qualitäten hatte, aber zutiefst verunsichert war. Außerdem hatte der Kader für die neue Saison 47 Spieler. 47!

SPIEGEL ONLINE: Der aufgeblähte Kader war ja ganz offensichtlich eine Folge der vielen Trainerwechsel in den vergangenen zwei Jahren, die Verunsicherung der Mannschaft auch. Und dann kommen Sie und sagen: Wir gehen jetzt einen neuen Weg mit jungen Spielern, Nachhaltigkeit. Wenn wir ehrlich sind, konnten wir das zunächst nicht ernst nehmen.

Rosen: Warum nicht?

SPIEGEL ONLINE: Wofür stand denn Hoffenheim im April? Der Club stand für nichts, außer für fehlende Konzepte, nachlässige Jugendarbeit und Wahllosigkeit bei der Verpflichtung von Trainern und Spielern. Und dann setzt die TSG plötzlich auf Rosen und Gisdol und die alten Wurzeln - da durfte man doch skeptisch sein?

Rosen: Ich verstehe das. Wir sind ja von vielen belächelt worden, auch weil wir gesagt haben: Wir ziehen unser Konzept durch, egal, ob wir in der Bundesliga bleiben oder absteigen.

SPIEGEL ONLINE: Im Prinzip haben Sie Ihren Spielern gesagt: Ihr könnt ruhig absteigen.

Rosen: Wenn Sie so wollen, ja. Wir haben den Jungs bewusst den Druck genommen. Aber natürlich wollten wir drinbleiben.

SPIEGEL ONLINE: Also vor allem Kalkül?

Rosen: Nein, eben nicht. Wir haben die zweite Liga bewusst in Kauf genommen. Wir wollten uns nicht durchwurschteln und vielleicht noch drinbleiben. Wir wollten den Reset-Knopf drücken, und das mit aller Konsequenz. Der Abstieg war ja auch das realistischere Planungsszenario zu diesem Zeitpunkt, die Konkurrenz schwächelte nicht.

SPIEGEL ONLINE: Und dann haben Sie am letzten Spieltag ein Alles-oder-nichts-Spiel in Dortmund. Es wurde zu einem der dramatischsten in der Geschichte der Bundesliga. Wie haben Sie das erlebt?

Rosen: Es war ein außergewöhnliches Spiel, da kann man nicht einfach sagen: Geht's raus und spielt Fußball. Wir haben deshalb vorher verschiedene Szenarien durchgespielt: Was kann wann wie passieren? Die Ausgangslage war klar: 80.000 Zuschauer in Dortmund und eine Mannschaft, die eine Woche später das Spiel ihres Lebens bestreitet: das Finale der Champions League gegen Bayern. Wir waren die Generalprobe, Dortmund lief in Bestbesetzung auf. Und in Dortmund mag man uns nicht besonders, das hat es nicht leichter gemacht.

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Hoffenheim-Rettung gegen Dortmund: Drama in Blau-Weiss
SPIEGEL ONLINE: Und die Szenarien?

Rosen: Eines war, dass wir in Rückstand geraten, vielleicht sogar früh. Ein anderes, dass Dortmund uns am Anfang an die Wand spielt. Aber für beide Fälle galt: Mit jeder Minute machten die Dortmunder einen Schritt Richtung Wembley. Da tat der Zweikampf in der 60. Minute Schienbein an Schienbein noch mehr weh, weil es um die eigene Teilnahme am Champions-League-Finale ging. Wir wussten: Das war unsere Chance.

SPIEGEL ONLINE: In der 84. Minute führte Hoffenheim tatsächlich 2:1. Was ging in Ihnen vor?

Rosen: Das war das Extremste, was ich je erlebt habe. Da guckst du auf die Anzeigetafel und denkst Dir: Das gibt's doch gar nicht, wir führen jetzt in Dortmund. Ich hatte mir in der 80. Minute schon überlegt, was ich vor den Kameras sagen würde, "haben gekämpft, leider hat es nicht gereicht", so was. Jetzt musste ich mir neue Antworten zurechtlegen.

SPIEGEL ONLINE: Dann kam der vermeintliche Ausgleich in der 92. Minute.

Rosen: Das war abartig. In den 45 Sekunden vom Torpfiff bis zur Rücknahme des Treffers stand die Zeit still. Ich habe gedacht: Zahlen wir jetzt für den ganzen Mist der vergangenen Jahre in letzter Minute die Zeche?

SPIEGEL ONLINE: Dann nahm Schiedsrichter Drees den Treffer zurück, Abseits.

Rosen: Man spricht ja immer von Steinen, bei mir war es nicht nur eine Felswand, es war eine Gebirgskette, die da abfiel, ein unglaublicher Moment.

SPIEGEL ONLINE: Solche Szenarien gibt es offenbar nur im Fußball: Die Rettung im letzten Spiel, ausgerechnet in Dortmund, wo Ihr Mäzen Dietmar Hopp schon zweimal mit einem provokanten Plakat beleidigt wurde...

Rosen: …ja, richtig, das Plakat hing dort auch wieder…

SPIEGEL ONLINE: …wir unterschlagen auch nicht die Beschallungsaktion in Hoffenheim. Es ist schon ein besonderes Verhältnis mit Borussia Dortmund. Empfindet man da besondere Genugtuung?

Rosen: Nein, das war eher ein "Wie geil ist das denn" als ein "Ätsch". Ich habe nur an die vergangenen Monate gedacht, was das für ein Ritt war! Beim C64 hätte man früher gesagt, das war Dauerfeuer. Es gab keinen Moment der Reflektion. Und zum Thema Häme: Wir hatten viele Gratulanten, da waren nicht alle todtraurig. Dortmund hielt sich da aber zurück.

SPIEGEL ONLINE: Ehrlicherweise wurde die sensationelle Rettung an Ihnen und Markus Gisdol festgemacht. Wäre ein Scheitern allein auf die Person Dietmar Hopp zurückgefallen?

Rosen: Das ist Spekulation, aber sehr gut möglich.

SPIEGEL ONLINE: Dann sagen Sie doch jetzt mal: Wie viel Hopp ist die TSG Hoffenheim überhaupt?

Rosen: Ich kann nur für die Zeit sprechen, in der ich hier verantwortlich bin, aber für die gilt: Er will keine operativen Prozesse leiten. Keinen einzigen. Bei Spielerverpflichtungen ist er zum Beispiel überhaupt nicht involviert. Sein größter Wunsch ist, dass der Verein auf eigenen Beinen steht.

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SPIEGEL ONLINE: Ein Mäzen, der laufen lässt? Das glaubt Ihnen doch keiner!

Rosen: Weil zu oft in Klischees und Schubladen gedacht wird. Wir haben eine Geschäftsordnung, der Verein wird von zwei Geschäftsführern geführt. Hopp will in täglichen Prozessen nichts entscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Klassenerhalt, Imagewandel, spektakulärer Fußball, sicherer Tabellenplatz: Das ist eine beeindruckende Bilanz für sechs Monate Arbeit des jüngsten Managers der Bundesliga. Ist es okay, wenn wir trotzdem noch über Ihr Scheitern sprechen?

Rosen: Ich ahne, worauf Sie hinauswollen. Aber nur zu. Quälen Sie mich...

SPIEGEL ONLINE: Sie haben in Ihrer Karriere vier Jahre bei Eintracht Frankfurt unter Vertrag gestanden, aber nur wenige Spiele gemacht. Wie ist das, wenn man merkt, dass es nicht reicht?

Rosen: Sehr hart. Bei mir kam die Einsicht früher als bei manch anderem, mit 23 oder 24 Jahren. Ich muss vorweg sagen: Ich war auch nie ein Übertalent. Dazu kamen unglückliche Trainerwechsel, Leihgeschäfte zur falschen Zeit oder Verletzungen. Aber sich selbst einzugestehen, dass es nicht reicht, und vor allem die Schuld dafür nicht bei anderen zu suchen, das ist ein schwieriger Prozess. Dafür muss man ehrlich zu sich selbst sein.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind nach diversen Stationen in unteren deutschen Ligen einen ungewöhnlichen Weg gegangen - nach Norwegen in die zweite Liga. Warum?

Rosen: Norwegen war die bewusste Entscheidung für einen neuen Lebensplan. Ich wollte ein Jahr lang etwas Besonderes machen. Ich bekam Kontakt zu einem Mann, der einen Verein in Norwegens zweiter Liga aufbauen wollte. Er suchte einen Spielertypen wie mich, konnte mir aber kein volles Gehalt zahlen und bot mir stattdessen einen Halbtagsjob in der Geschäftsstelle an, in der Assistenz der sportlichen Leitung. Davon profitiere ich bis heute.

SPIEGEL ONLINE: Warum genau?

Rosen: Weil ich dort von der Pike auf gelernt habe, wie man einen Fußballclub führt. Wenn am Freitag vor dem Spiel die Linien noch nicht gezogen waren und kein anderer da war, dann machte es eben einer aus der Geschäftsstelle. So habe ich mir dann auch mal den Kreidewagen geschnappt und die Eckfahnen reingerammt. Und ich habe meinen Frieden mit dem Scheitern als Erstliga-Profi gemacht. Ich sage seitdem immer: Ich hatte eine schöne Laufbahn, keine Karriere.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mal gesagt, dass vielen Spielern zwischen dem linken und rechten Ohr was fehlt.

Rosen: Da ging es aber weniger um die Anzahl der Gehirnzellen als um die Mentalität. Da habe ich den Schwimmer Michael Phelps zitiert. Der wurde auf einer Pressekonferenz gefragt, was der Unterschied zwischen ihm und den anderen Topathleten sei. Er sagte: Zehn Zentimeter, woraufhin die Presseleute gesagt haben: Aber Sie gewinnen doch mit deutlicherem Abstand, zwei, drei Längen. Da zeigte Phelps auf seinen Kopf und sagte: Die zehn Zentimeter zwischen meinen linken und meinem rechten Ohr, hier bin ich stärker als sie. Deswegen gewinne ich.

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Zur Person
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    Alexander Rosen, 34, ist der jüngste Manager in der Fußball-Bundesliga. Bei der TSG 1899 Hoffenheim ist der Sportökonom seit April Leiter Profifußball. Zusammen mit Trainer Markus Gisdol löste er die erfolglosen Marco Kurz und Andreas Müller ab. Rosen, der in Augsburg geboren wurde, war als Spieler U-20-Nationalspieler und stand vier Jahre bei Eintracht Frankfurt unter Vertrag (1998 bis 2000), absolvierte in dieser Zeit aber nur acht Spiele. Nach verschiedenen Stationen in der Dritten Liga und der norwegischen zweiten Liga beendete Rosen 2010 seine Karriere - in der zweiten Mannschaft von Hoffenheim.

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