Mädchen in Afghanistan Die Freiheit liegt auf dem Fußballplatz

2014 werden die deutschen Truppen aus Afghanistan abgezogen. Sie hinterlassen ein Land, in dem es vor allem Mädchen und junge Frauen noch immer schwer haben. Ali Askar Lali, der "Beckenbauer Afghanistans", möchte ihnen durch Fußball zu mehr Freiheit verhelfen.

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Von Oliver Becker, Kabul


Kabuls Zentrum ist in einer Novembernacht kalt und staubig. Vorsichtig nähert sich Ali Askar Lali in seinem Auto einem der vielen Checkpoints, er schaltet die Innenbeleuchtung an. Jetzt bloß nicht hektisch an der Brusttasche nesteln oder etwas im Handschuhfach suchen: Die Wachen hinter Stacheldraht und Sandsäcken haben den Finger am Abzug.

Ihre Augen scannen die Personen im Auto. Plötzlich macht sich unter den schwarzen Sturmhauben ein Lächeln bemerkbar; sie haben Ali Askar Lali erkannt - das Idol des afghanischen Fußballs. Anstatt ihn nach seinen Papieren zu fragen, bietet der Offizier dem "afghanischen Beckenbauer", wie ihn die Fans hier nennen, dampfenden Tee an. Ali Lali bedankt sich, heute nicht, er sei noch zu einem Termin gebeten.

Auch an diesem Abend ist Lali, 56, unterwegs als Botschafter des Fußballs. Ende der siebziger Jahre absolvierte er 25 Länderspiele für Afghanistan, 1981 kam er als politischer Flüchtling nach Deutschland. Seit 2004, als er erst Assistent von Nationaltrainer Klaus Stärk war und später die Mannschaft selbst übernahm, pendelt er zwischen Deutschland und seiner Heimat Afghanistan. Als einer von knapp 40 Auslandsexperten, die der Deutsche Fußball-Bund (DFB) in Entwicklungsländer entsandt hat, trainiert er Jugend-, Frauen- und Männermannschaften.

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Fußball in Afghanistan: Ali Askar Lalis Mission
Während die afghanische Fußball-Nationalmannschaft der Männer schon recht erfolgreich spielt - sie ist Südasienmeister 2013 -, stehen die Frauen noch am Anfang. Landesweit sind vom Verband nur etwa 600 Spielerinnen registriert, sie werden vorwiegend an Schulen und Universitäten rekrutiert. Fußball spielen dürfen Mädchen und Frauen in Afghanistan zwar, doch von den wenigsten wird es gerne gesehen.

Verbindung von Fußball und Entwicklungszusammenarbeit

Derzeit ist Lali im Land unterwegs, er besucht Schulen, das Sportressort des Gesundheitsministeriums, trifft die Leiterin der Frauenabteilung des afghanischen Verbandes, spricht mit den Spielerinnen und Sportlehrerinnen über deren Wünsche. Zudem ist es seine Aufgabe, herauszufinden, wo und wie sich Fußball und Entwicklungszusammenarbeit nach dem Ende der Taliban-Herrschaft Anfang des neuen Jahrtausends verbinden lassen.

"Learn & play" heißt ein Projekt der AfghanistanHilfe Paderborn, in dem der Weltverband Fifa, der DFB und der Deutsche Olympische Sportbund kooperieren. Es wurde vor allem für Kinder der Region Parwan nördlich von Kabul entwickelt, die keinen Zugang zu Schule und Sport haben, weil ihre Eltern zu arm sind. 25 Prozent der Schüler dieses Programms sollten Mädchen sein.

"Mädchen und junge Frauen haben es am schwersten. Von ihren Familien erhalten sie kaum Unterstützung. Nicht selten sind ihre eigenen Verwandten gegen den Besuch der Schule oder eines Sportvereins", sagt Lali.

Der Fußball kann das Leben verändern

Bei seiner Arbeit in der Islamischen Republik stößt er immer wieder auf Hürden. So musste Lali nach nur fünf Monaten als Generalsekretär des afghanischen Verbandes AFF aufgeben: "Ich musste das Land Mitte 2009 schnell verlassen, nachdem ich eine ganze Reihe ziemlich handfester Drohungen erhalten hatte", sagt er. Sein Engagement für den Frauenfußball hatte ihm den Zorn etlicher Mächtiger in Afghanistan eingebracht.

Zweimal wurde er Anfang der achtziger Jahre verhaftet, er habe gegen die russische Besatzung demonstriert und die Bevölkerung aufzuwiegeln versucht, lauteten die Vorwürfe der afghanischen kommunistischen Partei. "Bei beiden Vorkommnissen kam ich nur frei, weil mich einige der Polizisten als Fußballer der Nationalmannschaft erkannten. Wäre ich kein Nationalspieler gewesen, hätte mein Leben einen anderen Verlauf genommen", sagt Lali.

Der Fußball kann das Leben verändern. Das ist die wichtigste Botschaft, die Lali den Jungen und Mädchen in seiner Heimat mitgeben möchte. "Sich mit dem Körper auszudrücken, sich zu bewegen und mit anderen Sport gemeinsam zu erleben, zu spielen, soll für sie ein wichtiges Stück Freiheit werden", sagt er.

Traditionelle Herrscher kümmern sich nicht um westlichen Sport

Wie viel Arbeit tatsächlich noch vor Lali und seinen Helfern liegt, zeigt eine Episode aus Parwan. Rund um einen holprigen Platz, den Ali mit Hilfe deutscher Mittel 2005 errichten ließ, drängen sich Jungen und Mädchen. Sie tragen ein Fußballturnier aus, sind bester Laune, die Sonne scheint.

Bis am anderen Ende des Feldes eine Gruppe Männer mit bewaffneten Bodyguards auftaucht. Sie müssen nicht viel sagen, damit ihnen die Kinder den Rasenplatz und die alten Metalltore widerspruchslos überlassen. Jeder der Männer trägt einen prachtvollen Hahn im Arm, der heftig mit den Beinen strampelt.

"Einer der Warlords kommt immer hier auf unseren Rasenplatz, um seine Kampfhähne zu trainieren. Männer und Hähne rennen über unseren Fußballplatz, damit die Tiere die nötige Fitness erreichen", sagt Lali. Man könne dagegen nichts tun, denn hier habe der Warlord das sagen. Von Fußball oder anderem westlichem Sport wolle er nichts wissen.

Im kommenden Jahr werden die deutschen Truppen aus Afghanistan abgezogen. Ali Askar Lalis Job ist dann noch lange nicht vorbei.



insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
spontifex 26.12.2013
1. "I Am God"
Zitat von sysopoccasione documentaries2014 werden die deutschen Truppen aus Afghanistan abgezogen. Sie hinterlassen ein Land, in dem es vor allem Mädchen und junge Frauen noch immer schwer haben. Ali Askar Lali, der "Beckenbauer Afghanistans", möchte ihnen durch Fußball zu mehr Freiheit verhelfen. http://www.spiegel.de/sport/fussball/ali-askar-lali-betreut-die-frauen-nationalmannschaft-afghanistans-a-937993.html
Frauen sind alle Opfer, immer und überall. Zum Glück verteidigt das deutsche Heer ja noch Frauenrechte am Hindukusch (https://app.box.com/shared/rddxqvr4ji). Und auch in Deutschland (https://www.youtube.com/watch?v=o1QtgOjUv9U) gibt es mutige Frauen (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/boerne-preis-fuer-alice-schwarzer-sturmgeschuetz-ausgezeichnet-a-551356.html), die darauf aufmerksam machen, dass Frauen hier Opfer (https://www.youtube.com/watch?v=lOXcKcSQD9w) sind.
kölschejung72 26.12.2013
2. An der Anzahl
der Mädchenschulen und gebohrten Brunnen soll man den Einsatz messen. Das muss man dann in Relation zu den Kosten setzen und sich fragen, ob mehrere Milliarden pro Brunnen und Schule wirklich notwendig waren?
doytom 26.12.2013
3. Netter Versuch Afghanistans sich durch den Sport in die internationale Gemeinschaft..
Zitat von sysopoccasione documentaries2014 werden die deutschen Truppen aus Afghanistan abgezogen. Sie hinterlassen ein Land, in dem es vor allem Mädchen und junge Frauen noch immer schwer haben. Ali Askar Lali, der "Beckenbauer Afghanistans", möchte ihnen durch Fußball zu mehr Freiheit verhelfen. http://www.spiegel.de/sport/fussball/ali-askar-lali-betreut-die-frauen-nationalmannschaft-afghanistans-a-937993.html
Netter Versuch Afghanistans sich durch den Sport in die internationale Gemeinschaft einzufügen und jungen Mädchen eine Chance zu geben aus dem Teufelskreislauf hinauszukommen. Ich befürchte, dass nach dem Abzug der ISAF-Truppen dieses junge Pflänzchen von Steinzeittaliban zertreten wird.
a.weishaupt 26.12.2013
4. Und wenn..
..die Taliban in ein Dorf kommen und dem Familienvater sagen "du hast 5 Söhne, 2 kommen mit" (reales Beispiel), dann haben es diese nicht schwer? Bitte nicht immer diese einseitige Frauenopferleier. Es gehört zum männlichen Selbstverständnis, sich als stark und selbstsicher darzustellen. Nicht alles glauben, was nach außen zur Schau gestellt wird.
gl1945 26.12.2013
5. Warte....warte nur ein Weilchen!
Und dann kommt der TALIBAN!
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