Aggression auf dem Platz: Amateurfußball gehen die Schiris aus

Von Alexander Siebert

Schiedsrichter im Amateurfußball: Unbeliebt und unverzichtbar Fotos
Matthias Lange / fussballfotos.eu

Schiedsrichter im Amateurbereich? Immer häufiger heißt das Gewalt und rauer Umgangston. Die Vereine haben deshalb Schwierigkeiten, neue Unparteiische zu werben - mit fatalen Folgen: Wer keinen Pfeifenmann stellt, dem drohen Punktabzüge und Geldstrafen.

Es läuft die zweite Minute im Kreisoberliga-Spiel zwischen dem TSV Sachsenhausen und der FSG Buchenberg/Ederbringhausen. Ein harmloser Zweikampf im Strafraum, der Stürmer fällt, Schiedsrichter Matthias Henkelmann pfeift. "Noch während ich die Pfeife im Mund hatte, dachte ich: 'Junge, bist du eigentlich bescheuert?!'" Henkelmann bemerkte, dass er eine Fehlentscheidung getroffen hatte. Zum Glück sei der Strafstoß danebengegangen, "das hätten noch schöne 88 Minuten werden können".

Henkelmann ist Obmann der Schiedsrichtervereinigung Waldeck, einer kleinen Region in Nordhessen. Gelegentlich leitet er selber Spiele und weiß: So glimpflich wie in Sachsenhausen gehen Konflikte auf dem Platz nicht immer aus. Beleidigungen und Pöbeleien, das zeigen die vergangenen Monate, sind in den unteren Ligen stark angestiegen, auf dem Platz und daneben. In Waldeck seien es meistens Zuschauer, die ihrem Ärger Luft machen, so Henkelmann. "Draußen stehen immer wieder Leute, für die das Aggressionsabbau ist." Ob das die Unparteiischen beeinflusst? "Ja sicher. Es wäre ja unredlich, wenn ich sagen würde, das macht mir nichts aus", gibt er zu.

Die neue Aggression im Amateurbereich hat dramatische Folgen, die in der öffentlichen Diskussion selten auftauchen, aber die Tausende Vereine aus eigener Erfahrung kennen: Sie erschwert die Bindung neuer Schiedsrichter und schreckt Bewerber ab. "Pro Lehrgang bleiben uns langfristig vielleicht 20 Prozent", sagt Henkelmann. Ein Problem, das man in ganz Deutschland beobachten kann: Die Zahl der Neulinge steigt, doch die Gesamtzahl sinkt. Immer mehr Gewalt, immer weniger Schiedsrichter: ein Teufelskreis. Dabei sind gerade sie es, die für die Vereine immer wichtiger werden.

"Das ist der Fluch dieses Drucks"

Im Hessischen Fußballverband waren zum Jahresbeginn 6.455 Schiedsrichter gemeldet. Bei 12.277 Mannschaften sind das 0,53 pro Team. Der Verband schreibt die Regel vor, dass jeder Verein und jede Spielgemeinschaft pro Seniorenteam und Jugendabteilung jeweils einen Unparteiischen stellen muss. Schafft er das nicht, wird sanktioniert. Punktabzüge und Strafgelder sind die Folge.

"Man nimmt die Vereine in die Pflicht", erklärt Schiri-Obmann Henkelmann diese Regelung, die aber weitere Probleme mit sich bringt. "Die Vereine sind dadurch gezwungen, uns Schiedsrichter zu bringen. Da ist es ihnen völlig egal, wen sie bei uns anmelden", kritisiert er und begründet auch damit die auffällig hohe Aufhörerquote. "Das ist der Fluch dieses Drucks, der auf den Vereinen lastet."

In der Region Waldeck gibt es derzeit 121 Unparteiische, etwa 40 fehlen der Vereinigung. "Diese Zahl schwankt, aber wir hatten lange nicht weniger als 40 oder mehr als 50", so Henkelmann.

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Schiedsrichter im Amateurfußball: Unbeliebt und unverzichtbar
1. Fall: SG Edertal, Kreisliga A Waldeck, Schiedsrichter aktuell: 4

Die SG Edertal ist eine Spielgemeinschaft der Region, und ihr Beispiel zeigt, welche dramatischen Folgen der Schiedsrichtermangel auch sportlich haben kann. Ihrer ersten Mannschaft fehlten in der Vorsaison zwei Punkte zum Aufstieg, drei Zähler waren aufgrund der fehlenden Referees abgezogen worden. Dieses Jahr droht eine ähnliche Situation. Wieder fehlen drei Schiedsrichter, wieder wurden drei Punkte abgezogen. "Die Spieler sehen ja selbst, wo das hinführt. Da kann von denen auch was kommen. Das ärgert mich mehr als der verpasste Aufstieg", sagt Obmann Markus Straßer. Immerhin: Drei Spieler haben sich mittlerweile zu Schiedsrichtern ausbilden lassen. Im nächsten Jahr ist zumindest das Meldesoll erfüllt.

Schmerzhaft sind auch die vielen Geldstrafen. Seit Gründung der Vereinigung im Jahr 2002 hat die SG Edertal schon 4500 Euro Strafe wegen zu weniger Schiedsrichter bezahlen müssen. Insgesamt wurden in der Zeit zwölf Punkte abgezogen.

Das soll sich ändern, zumindest bemüht sich der Vorstand darum. "Wir fragen viel und bohren bei den Leuten nach. Das ist wie die Gewinnung von neuen Spielern. Aber besser ist es, die Leute kommen von sich aus zu uns", so Straßer. Denn wozu das führen kann, weiß er selber noch sehr gut. "In einem Fall hatten wir einen Schiedsrichter, der hat uns am Ende mehr gekostet als die Strafe, die wir ohne ihn hätten zahlen müssen", erzählt er.

Erfüllt ein gemeldeter Schiedsrichter das Soll von zwölf Spielen und den Pflichtsitzungen nicht, so wird er übrigens als nicht gemeldet gezählt. Die Strafe für die Vereine wird trotzdem fällig. Daher versucht der Vorstand, Schiedsrichter nicht nur zu locken, sondern auch zu binden. "Wir bezahlen den Sprit für die Fahrten zum Lehrgang, wir stellen die Ausrüstung und die Strafen zahlen wir weiter, nur eben am Ende der Saison an unsere Leute, als Dankeschön dafür, dass sie das Soll für uns erfüllt haben", so Straßer. Vier neue Schiedsrichter hat die SG Edertal nun. Leiten alle in diesem Jahr mindestens zwölf Spiele und erscheinen zu den Pflichtsitzungen, wäre die Spielgemeinschaft strafenfrei. Das gab es in den vergangenen elf Jahren erst ein Mal.

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insgesamt 124 Beiträge
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1.
jujo 29.03.2013
Zitat von sysopSchiedsrichter im Amateurbereich? Immer häufiger heißt das Gewalt und rauer Umgangston. Die Vereine haben deshalb Schwierigkeiten, neue Unparteiische zu werben - mit fatalen Folgen: Wer keinen Pfeifenmann stellt, dem drohen Punktabzüge und Geldstrafen. Amateurclubs ohne Schiedsrichter: Geldstrafen und Punktabzüge - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/amateurclubs-ohne-schiedsrichter-geldstrafen-und-punktabzuege-a-891352.html)
Die Disziplin und das sportliche Verhalten muss vonn innen aus den Vereinen kommen! Gelingt das nicht gehen sie unter, der Spielbetrieb wird eingestellt, der Unterklassige Fussballer und die paar peoples die ihm zusehen haben es selber in der Hand!
2.
sexobjekt 29.03.2013
Zitat von sysopSchiedsrichter im Amateurbereich? Immer häufiger heißt das Gewalt und rauer Umgangston. Die Vereine haben deshalb Schwierigkeiten, neue Unparteiische zu werben - mit fatalen Folgen: Wer keinen Pfeifenmann stellt, dem drohen Punktabzüge und Geldstrafen. Amateurclubs ohne Schiedsrichter: Geldstrafen und Punktabzüge - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/fussball/amateurclubs-ohne-schiedsrichter-geldstrafen-und-punktabzuege-a-891352.html)
Schiedsrichter sein ist eben hartes Brot. Aber was will uns dieser Artikel verschweigen?
3.
HuFu 29.03.2013
Ist Fußball überhaupt Sport? Warum hat ausgerechnet Fußball soviel Alkoholabhängige und Krawallbrüder als "Fans" an board?
4.
peterregen 29.03.2013
Zitat von sysopSchiedsrichter im Amateurbereich? Immer häufiger heißt das Gewalt und rauer Umgangston. Die Vereine haben deshalb Schwierigkeiten, neue Unparteiische zu werben - mit fatalen Folgen: Wer keinen Pfeifenmann stellt, dem drohen Punktabzüge und Geldstrafen.
Was wollt ihr? Amateurfußball ist ein Abbild der (unteren) Gesellschaft. In der Gesellschaft geht es immer rauher zu. also geht es auch im Fußball rauher zu. Scheiße tropft halt nach unten. Die Firmen behandeln ihre Angestellten wie Dreck, die Angestellten behandeln als Spieler oder Zuschauer den Schiri wie Dreck. So ist das halt. Und schön zu lesen, daß die Hauptsorge bei dieser Angelegenheit die drohenden Strafzahlungen sind...
5. Nennt das Problem doch mal beim Namen!
Jan_Wellem 29.03.2013
Liebe Spiegel-Redakteure, war der Spiegel nicht mal das Blatt, das Dinge auf den Punkt brachte? Wer sind denn die Spieler und Zuschauer, die einen Großteil der Gewalttaten im Amateurfußball zu verantworten haben? Haben die womöglich irgendwelche gemeinsamen Merkmale? Ja, haben Sie. Das weiß auch jeder, der in diesem Bereich tätig ist, Kinder in Jugendmannschaften hat etc. Aber Sie schaffen es, seitenlang über ein Problem zu schreiben, ohne die allgemein bekannte Gruppe, die das Problem auslöst, zu benennen. Komisch. Wenn es sich bei dieser Gruppe um "böse Rechte" handeln würde, würden Sie das Kind beim Namen nennen, da bin ich mir ganz sicher!
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