Daten-Experiment im Amateurfußball Vermessen wie die Profis

Amateur-Fußball und Profi-Fußball, dazwischen liegen Welten, meint man. SPIEGEL ONLINE hat Daten eines Fünftligisten mit denen von RB Leipzig verglichen - mit überraschendem Ergebnis.

Stadion des SC Victoria Hamburg
SC Victoria Hamburg

Stadion des SC Victoria Hamburg

Ein Multimediaprojekt von und Otto Kolbinger


Rund sieben Millionen Menschen in Deutschland spielen Fußball im Verein. In die Bundesliga und die Zweite Liga haben es in der abgelaufenen Saison 958 Spieler geschafft. Das ist das Hundertstel eines Prozents, eine winzige Zahl Auserwählter, die vor einem Millionenpublikum auftritt, während Amateure oft vor einer Handvoll Zuschauer kicken. Das Spiel mag dasselbe sein. Die Spieler aber trennen Welten. Oder?

Was Amateurfußballer tatsächlich leisten, weiß niemand so recht, nicht mal sie selbst. Felix Schuhmann wollte einmal Profi werden. Spätestens, als Gleichaltrige es in die Jugendmannschaften des HSV und St. Pauli schafften, nicht aber er, sah er ein: Daraus wird nichts. Heute ist der 25-Jährige Kapitän beim SC Victoria Hamburg, in der fünften Liga.

Rund um Schuhmann und Victoria haben wir ein Experiment gestartet. Mittels GPS-Westen und Transpondern haben wir in Training und Spiel jeden Sprint und jedes Stillstehen aufgezeichnet, wir haben auf die Zehntelsekunde gestoppt, wie lange die Spieler am Ball sind, mitgezählt, wie oft sie welchen Fuß nutzen. Wie weit sind sie entfernt von jenen Auserwählten, den Bundesligaspielern?

Felix Schuhmann
Heiden

Felix Schuhmann

Jean-Pierre Richter, 31, Victorias Cheftrainer, sagte uns zu Beginn des Projekts: "Wie die Profis spielen auch wir 90 Minuten, das Feld ist ähnlich groß, wir spielen elf gegen elf. Warum sollte es da große Unterschiede geben?" Felix Schuhmann war unsicher. Einmal sagte er, der Abstand zum Profi sei womöglich gar nicht so groß. Nach 90 Oberligaminuten war er aber überzeugt, er sei "weit unter zehn Kilometer gelaufen".

Um die Daten einzuordnen, brauchten wir eine Vergleichsmannschaft. Wir entschieden uns für einen der am professionellsten arbeitenden Klubs des Landes, Bundesligist RB Leipzig. Die Leistung von Abwehrspieler Schuhmann verglichen wir mit der von Leipzigs Kapitän Willi Orban. Beide sind 25 Jahre alt und spielen in der Innenverteidigung.

Wie groß würde der Abstand sein zwischen demjenigen, der vom Profisein träumte, und dem, der den Traum lebt?

Zum Beispiel bei der Laufleistung lautet die Antwort: viel geringer, als Schuhmann geglaubt hatte. Aber sehen Sie selbst.

Training, 10.04., 19-21 Uhr

Ein warmer Dienstagabend im April, der Himmel ist wolkenlos. Trainer Richter wartet darauf, dass seine Mannschaft aus der Kabine kommt. Er ist nicht nur Coach, er ist auch Sportdirektor, Manager, Scout, Mädchen für alles.

Höhepunkt der Einheit ist ein Kleinfeldspiel, acht gegen acht, 22 Minuten lang. Felix Schuhmann kommt schnell ins Schwitzen. Die GPS-Weste, die er auf der Haut trägt, verrät, dass er tatsächlich stark belastet ist. Während der 22 Minuten legt er 2,4 Kilometer zurück, oft setzt er zu kurzen Sprints und schnellen Läufen an. Die DFL nennt diese beiden Kategorien zusammengenommen "Intensive Läufe". "Wir wollen auch unter der Woche am Limit arbeiten", sagt Schuhmann.

Jean-Pierre Richter
Heiden

Jean-Pierre Richter

Zählt man die anderen Trainingsinhalte hinzu, vom Fangspiel bis zur Schussübung, zeigt sich aber, dass er nicht an seine Grenzen stößt. Im Gegenteil: Von dem Aufwand, den das Team drei Tage darauf im Spiel betreiben wird, ist es weit entfernt. Die Spieler laufen weniger, sie sprinten seltener, sind langsamer.

Bei den Profis ist das nicht viel anders. Experten von RB Leipzig haben uns bestätigt, dass bei vergleichbaren Spielformen auch im Profibereich nicht das abgerufen wird, was im Spielbetrieb geleistet wird. Die Anzahl an Sprints ähnelt denen der Amateure von Victoria. Aber die Summe intensiver Läufe ist dafür höher.

Wie sehr Profis unter der Woche belastet werden, werde zwar erfasst. Dabei gehe es aber vor allem darum, Verletzungen vorzubeugen und die Belastung vernünftig zu steuern, so die RB-Analysten.

Im Video: "Wir kommen auch auf unsere Kilometer"

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Pflichtspiel gegen Süderelbe, Freitag, 13.04., 19.30 Uhr

Es heißt, so etwas wie Matchpläne gäbe es nicht im Amateurbereich. Trainer Richter aber spricht über Strukturen bei Ballbesitz und darüber, dass Gegner Süderelbe durch Victorias Anlaufverhalten auf die linke Seite gelenkt werden solle, dort habe er eine Schwachstelle ausgemacht.

Ins Stadion passen rund 5000 Zuschauer, gekommen sind 248, darunter, hinter einem Tor, der harte Kern der Victoria-Fans. Es sind weniger als zehn. Der Stadionsprecher kündigt den "weltbesten Trainer" an.

Richters Plan mit dem Anlaufen geht zumindest phasenweise auf. Endstand: 5:0. Abwehrspieler Schuhmann wird defensiv kaum gefordert, nach dem Abpfiff sagt er, das Spiel habe ihn weniger angestrengt als sonst, Süderelbe sei zu passiv gewesen. Es klingt, als wolle er sich entschuldigen für die 90 Minuten. Wird wohl nichts mit beeindruckenden Laufdaten. Er liegt falsch.

Im Video: Der Amateur in der Datenanalyse

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Schuhmann läuft 10,0 Kilometer. RB-Profi Orban ist im Vergleichsspiel, einem 3:2-Sieg von Leipzig in Hannover, 9,7 Kilometer gelaufen. Der Oberligaspieler war mehr unterwegs als der Bundesligastar. Auch wenn man nicht die beiden Spieler vergleicht, sondern die Mannschaften, liegt zwar RB vorne, der Abstand ist jedoch überschaubar: Victoria: 108,2 Kilometer, Leipzig: 112,6. Das gilt auch für die Sprints: Schuhmann kommt auf acht, Orban auf zwölf; Victoria auf 200, Leipzig auf 202.

Es gibt aber auch athletische Bereiche, in denen die Profis die Amateure abhängen. Schuhmann leistete 28 Intensive Läufe, Orban 45. In dieser Kategorie lässt Leipzigs Team (635) den Oberligisten (503) deutlich hinter sich. Das gilt auch für die im Spiel erreichten Höchstgeschwindigkeiten. Einmal erreichte Schuhman 29,3 km/h, das sind 3,5 km/h weniger als Orban. Leipzigs Schnellster, Nationalstürmer Timo Werner, schaffte gegen Hannover in der Spitze 34,91 km/h. Eine andere Dimension.

Am nächsten dran an den Profis sei er, was sein Passspiel betreffe, hatte Schuhmann vor dem Spiel gesagt. Am weitesten entfernt im Zweikampf.

Passspiel und Zweikampf. Wie wichtig sind diese Kategorien eigentlich? Nicht jeder angekommene Pass ist gleich gut. Und ist ein Oberligaverteidiger, der acht von zehn Zweikämpfen gegen einen Oberligastürmer gewinnt, so gut wie ein Abwehrspieler mit derselben Quote in der Bundesliga?

Schuhmann bestreitet gar keine zehn Zweikämpfe. Es sind nur sieben in 90 Minuten. Bei Profi Orban waren es gegen Hannover 20. In der Bundesliga geht es sehr viel körperlicher zu. Und man hat dort sehr viel weniger Zeit.

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Im Gegensatz zu Orban wird Schuhmann kaum unter Druck gesetzt. Trotzdem gelingt ihm die Ballverarbeitung nicht immer sauber genug, um den Ball schnell weiterzuleiten, oft braucht er zuvor zwei, drei Kontakte. Durchschnittlich 3,1 Sekunden lang ist er am Ball. Nahezu ausschließlich nutzt er dabei seinen stärkeren, rechten Fuß, in 96,6 Prozent aller Fälle. Leipzigs Orban, obwohl technisch längst kein Top-Spieler der Liga, braucht vom Moment der Ballannahme bis zur Ballabgabe durchschnittlich 2,5 Sekunden. Nur zu 67 Prozent nutzt er seinen bevorzugten rechten Fuß.

Die Partie zwischen Leipzig und 96 dauert 50:02 Minuten. So lange ist der Ball tatsächlich im Spiel. Man nennt das "Effektive Spielzeit". Victoria kommt gegen Süderelbe auf 64:32 Minuten. Es gibt eine Studie aus dem Jahr 2011, die nahelegt, die Nettospieldauer sei in der Bundesliga auch darum geringer, weil dort Spielunterbrechungen ausgiebiger inszeniert, Auswechslungen in die Länge gezogen werden.

Für unser Experiment ist die Zeitangabe ein Schlüsselwert. Dass Victorias Spieler weniger Druck erleben als Bundesligaprofis, wissen wir. Dank der langen Effektiven Spielzeit wird klar, dass die Amateure ihre Wege in einem größeren Zeitraum absolviert haben. "Wir haben mehr Zeit, um Kilometer zu machen", sagt Schuhman später selbst. "Das erklärt die Werte".

Analyse, Dienstag, 08.05., 19 Uhr

Im Video: Wie die Amateure ihre Daten sehen

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Wir haben Laufdaten erfasst, Zweikämpfe und Pässe gezählt, Sekunden gestoppt. Wir haben Amateure vermessen, wie es sonst nur mit Profis geschieht, wurden überrascht von der Laufleistung der Oberligisten. Sind wir jetzt schlauer?

Durchaus. Wir wissen nun, welche Daten wichtig und weniger wichtig sind. Gelaufene Kilometer etwa. Es gibt etliche Studien die zeigen, dass sich zwei Fußballmannschaften einander anpassen, was Gesamtdistanz betrifft. Ein Team kann an einem Spieltag 105 Kilometer laufen und am nächsten 120. Leipzig etwa lief zu Saisonbeginn mehr als zum Ende hin. Das Spiel gegen 96 wählten wir auch deshalb aus, weil RBs Laufleistung in etwa dem Saisonmittel glich.

Mannschaftskreis SC Victoria Hamburg
Heiden

Mannschaftskreis SC Victoria Hamburg

Wir wissen auch, wo die Profis den Amateuren davoneilen. Sie sind technisch stärker, robuster und schneller, körperlich, aber vor allem auch: gedanklich. Sie treffen auch unter Zeitdruck richtige Entscheidungen.

Als Victorias Spieler die Daten zum ersten Mal präsentiert bekommen, wirken die meisten überrascht. Ganz schön viel gelaufen. Jean-Pierre Richter bleibt lange still. Dass seine Mannschaft nicht viel weniger arbeitet als manches Profiteam, davon war er ausgegangen.

Wie weit seine Elf denn nun tatsächlich weg sei von den Profis? Richter denkt einen Moment lang nach. "Wenn wir als Mannschaft läuferisch wirklich annähernd so arbeiten wie ein Bundesligist, zeigt uns das eigentlich nur unsere Defizite auf in Sachen Talent, der Umsetzung und dem taktischen Bereich", sagt er dann. "Wir sind alle beim SC Victoria, nicht bei einem Profiklub."

Das habe schon seine Gründe.

Redaktion: Danial Montazeri
Wissenschaftliche Begleitung: Otto Kolbinger
Video: Jan Brix, Martin Vornweg
Grafik: Frank Kalinowski, Alexander Trempler
Datenerhebung: Steffen Görsdorf, Hannes Kulok, Christoph Moeller, Karsten Görsdorf
Projektleitung: Christian Gödecke, Mike Glindmeier

  • Dieser Text ist Teil des Sportdatenprojekts, das SPIEGEL ONLINE gemeinsam mit der TU München und dem Institut für Spielanalyse betreibt. Es wird im Rahmen der Digitalen Nachrichten Initiative von Google gefördert.

Disclaimer: Der Autor dieses Texts hat in der Vergangenheit selbst hobbymäßig für den SC Victoria gescoutet. Eine Bezahlung dafür gab es nie.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
adressno2 21.05.2018
1. Kompliment zu diesem Artikel
Da haben Sie im Bereich Sport etwas wirklich Substanzielles untersucht. Und wie es bei wissenschaftlichen Untersuchungen oft der Fall ist: Klare Aussagen zu treffen fällt hinterher meist schwer. Dann möchte ich jedoch an dieser Stelle auch mal Kritik dalassen: Was bei SpiegelOnline sonst im Bereich Spielanalysen erscheint, finde ich schwach. Da heißt es dann im Teaser, dass Ihre Daten erklären könnten, warum Mannschaft X gegen Y gewinnen konnte. Und dann kommen irgendwelche belanglosen Statistiken wie Ballbesitz und Heatmaps ohne Aussagekraft. Das ist leider kaum besser als das, was Boulevardzeitungen machen.
Barças Superstar 21.05.2018
2. Schöne Analyse
Amateure laufen viel, hätte ich aber auch so erwartet. Sieht man ja ach bei den vielen Joggern. Das die Profis schneller schalten, ist auch zu erwarten. Fit sind sie ja alle bis runter in die Bezirksliga. Fußball ist halt eine Denksportart. Dem fleißigen Forscher zum Trost: Ihr würdet heute jede Bundesligamannschaft aus den 1960-er Jahren problemlos in Schach halten - schon wegen der damals mangelhaften Fitness.
ollifast 21.05.2018
3. Schöne Studie
Die Studie zeigt schön auf, dass die Summe aller gelaufenen Distanzen wenig aussagt, auch wenn bestimmte Boulevardblätter das gerne hervorheben. Bekannt ist, dass die Profis speziell im Sturm teilweise über eine große Schnelligkeit aufgrund hoher FT-A Muskelfaseranteile verfügen, das läuft unter "Talent". Der Spieler auf der Außenbahn darf dafür mehr laufen, wobei die Ausdauer sehr gut trainierbar ist, wenngleich das Jahre braucht, Schnelligkeit hingegen kaum. Ebenso dürften schnelle Automatismen am Ball im Zweikampf wichtig sein, die sind schwer zu messen, letztlich bleibt Zweikampf gewonnen oder verloren. Dass schnelles und richtiges Entscheiden, über mehrere Passstationen (!) hinweg gedacht, viel ausmacht, war auch Thema meiner eigenen Master's Thesis zur Anspielbarkeit in der ersten Bundesliga an der selben Uni. Da gibt es deutliche Unterschiede zwischen den Spielern und was Wunder, jene mit gutem Entscheidungsverhalten waren bzw. sind meist auch jene mit hohem Marktwert.
markniss 21.05.2018
4. 60 Minuten
Guter Artikel, der mich sofort wieder zu einem Punkt bringt: Beim Profi-Fußball gibt es (außer Schwalben, die Dank Video weniger wurden) nichts, was mich so sehr ärgert wie das Zeitschinden, insbesondere in den letzten 15 Minuten. Eine einfache Regeländerung würde das Problem beheben: 2 x 30 Minuten gestoppte Spielzeit! Bei jedem Einwurf, bei jeder Ecke, bei jeder Verletzung und Auswechselung drückt einfach der 4. Offizielle kurz auf die Stoppuhr. Und fertig. Das ließe sich sogar bei den Amateuren bis zur Kreisliga problemlos einführen. Jeder Verein braucht nur eine von diesen Uhren. Das ist weder kompliziert noch teuer. Wem das zu revolutionär ist, für den gäbe es die abgeschwächte Variante: Nur die letzten 15 Minuten werden in Echtzeit gespielt. Dann muss ich mir endlich nicht mehr angucken, wie ausgewechselte Spieler Minuten brauchen, um die Seitenlinie zu erreichen, und auch die Anzahl der Krämpfe und Nah-Tod-Erfahrungen von Spielern gegen Spielende würden gegen Null gehen.
Barças Superstar 21.05.2018
5. @ #4 markniss
super Idee! Ist heute ja wirklich keine Investition mehr und mit Bluetooth möglich. Fußball ist kurioserweise die einzige Torsportart mit Bruttospielzeit.
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