Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Amateurfußball-Videos: "Hartplatzhelden" siegen vor Bundesgerichtshof

Fußballverbände müssen es künftig hinnehmen, dass von Fans gedrehte kurze Filmszenen von Amateurspielen im Internet veröffentlicht werden. Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe wies die Klage des Württembergischen Fußballverbandes gegen die Internetplattform "Hartplatzhelden" ab.

Screenshot der Hartplatzhelden-Seite: Clubs können Besuchern Videoaufnahmen verbieten Zur Großansicht

Screenshot der Hartplatzhelden-Seite: Clubs können Besuchern Videoaufnahmen verbieten

Hamburg - Das Internetportal "Hartplatzhelden" hat im Streit mit dem Württembergischen Fußballverband (WFV) am Donnerstag vor dem Bundesgerichtshof (BGH) gewonnen. Demnach darf die Plattform Videoaufnahmen von Amateurspielen im Internet veröffentlichen. Der Verband wollte dies als unerlaubte gewerbliche Verwertung untersagen lassen.

Mit seiner Klage wollte der Verband die durch Werbung finanzierte Internetplattform verbieten. Fans, die bei Amateurspielen Videoaufnahmen gemacht haben, können dort kurze Szenen von bis zu eineinhalb Minuten einstellen. Andere Fans können sich die Spielausschnitte dann kostenlos ansehen.

Der Fußballverband klagte mit dem Hinweis, er habe die ausschließlichen Verwertungsrechte für die Spiele. Der BGH sah jedoch keine rechtliche Grundlage, um die Internetplattform zu verbieten.

Der Haken an der Sache für die Hartplatzhelden und Nachahmer: Vereine können wegen Ihres Hausrechts in den Stadien Besuchern verbieten, überhaupt Filmaufnahmen zu machen.

WFV-Vizepräsident Michael Hurler sagte, man müsse das Urteil hinnehmen. "Uns war klar, dass es schwierig wird und dass wir uns auf absolutes Neuland begeben." Einen Schutz der Verwertung über das Hausrecht hält er für unrealistisch: "Wir wehren uns ja nicht gegen das Filmen, sondern gegen das Verwerten."

"Heute ist ein Stück Freiheit für das Internet erkämpft worden"

"Hartplatzhelden"-Gründer und Sportjournalist Oliver Fritsch freute sich über das Urteil: "Heute ist ein Stück Freiheit für das Internet erkämpft worden, aber auch für Vereine und Spieler." Mit Blick auf ein mögliches Filmverbot sagte er: "Wenn der gastgebende Verein das Filmen untersagt, würden wir das akzeptieren."

Bereits seit 2007 schwelte der Streit zwischen den Betreibern der im Jahr 2006 ins Leben gerufenen Seite www.hartplatzhelden.de und den Verbänden. Im März des vergangenen Jahres hatte das Oberlandesgericht Stuttgart in zweiter Instanz entschieden, dass Amateurfußballspiele nicht gegen den Willen des zuständigen Verbandes im Internet gezeigt werden dürfen.

Damit hatte das Gericht eine Berufung der Gießener Hartplatzhelden GmbH gegen ein entsprechendes Verbot zurückwiesen. Nach einer erneuten Berufung landete der Streit dann vor dem BGH.

Der Verband wollte die Lizenzen für Bilder der Spiele selbst vergeben

Damals hatte das Gericht entschieden, dass der WFV von den Betreibern der Online-Plattform verlangen dürfe, die Veröffentlichung von Aufzeichnungen von Spielen im Verbandsgebiet zu unterlassen. Die Stuttgarter Richter hatten damit dem WFV recht gegeben, dem nach eigener Auffassung das Verwertungsrecht seiner Fußballspiele allein zusteht.

Dem Verband war die mit Werbung finanzierte Internetseite ein Dorn im Auge, weil er den kompletten Spielbetrieb organisiert. Der WFV erstelle die Spielpläne, bilde Schiedsrichter aus und halte den Betrieb mit vielen Ehrenamtlichen am Laufen, sagte der stellvertretende Vorsitzende Michael Hurler. Deshalb sei es auch gutes Recht des WFV, Lizenzen für die Bilder der Spiele zu vergeben.

"Es kann nicht sein, dass die Kosten des Spielbetriebes von den ehrenamtlich geführten Amateurvereinen selbst getragen werden müssen, mögliche Einnahmen aber von gewinnorientierten kommerziellen Unternehmen wie der Hartplatzhelden GmbH abgeschöpft werden", sagte Rainer Koch, DFB-Vizepräsident für Rechts- und Satzungsfragen, im Mai 2008.

"Um ehrlich zu sein, zahlen wir derzeit drauf", entgegnete damals Fritsch. "Ich finde es allerdings nicht verwerflich, dass wir eines Tages auch einmal eine Redaktion am laufen halten wollen."

Schon in der Vergangenheit sprachen die Richter dem Fall eine grundlegende Bedeutung zu, alle bisherigen Fälle ähnlicher Art fielen in den Profibereich. Zudem geht es in dem Verfahren um weit mehr als um das Thema Fußball oder um einen individuellen Streit zwischen einem Verband und einem spezifischen Betreiber: Grundsätzliche Bedeutung hat der Fall vor allem, weil es um Laienaufnahmen im vermeintlich öffentlichen Raum geht.

Relevant ist das Urteil darum auch für andere Veranstalter sowie die Betreiber von Videoplattformen, die ihren Nutzern die Veröffentlichung selbstgedrehter Videos erlauben.

luk/ham/dpa/AFP

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Chronologie des Rechtsstreits
Mai 2007
Der Württembergische Fußballverband (WFV) fordert die Betreiber der Seite www.hartplatzhelden.de schriftlich auf, Videos von Partien aus seiner Region zu löschen. Angebote zur Kooperation schlägt der WFV aus.
Juni 2007
Da die Videos nicht von der Seite gelöscht und weitere Bewegtbilder hochgeladen wurden, folgt eine schriftliche Unterlassungserklärung des WFV.
November 2007
Der Verband reicht eine Klageschrift vor dem Landgericht Stuttgart ein.
Mai 2008
Das Landgericht Stuttgart gibt der Klage statt, die Hartplatzhelden gehen in Berufung.
Dezember 2008
Verhandlung vor dem Oberlandesgericht (OLG) Stuttgart samt Vergleichsvorschlag des Gerichts: Beschränkung in Länge und Inhalt der Clips. Der WFV lehnt das Vergleichsangebot des OLG ab.
März 2009
Das OLG Stuttgart gibt der Klage des WFV in zweiter Instanz statt.
April 2009
Die Hartplatzhelden gehen in Berufung vor den Bundesgerichtshof in Karlsruhe.
28. Oktober 2010
Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe weist die Klage des Württembergischen Fußballverbandes ab.


SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: