Ankunft der Brasilianer Ronaldinho und das hessische Gespenst

Die Halbgötter sind gelandet. Das brasilianische Nationalteam kam in der Nacht am Frankfurter Flughafen an. Keine andere Mannschaft erlebte bislang einen solchen Empfang. Und für einen deutschen Politiker war dies eine willkommene Gelegenheit zum Selbstmarketing.

Von Steffen Gerth, Frankfurt am Main


Frankfurt am Main - Was sich Millionen Brasilianer in diesem Moment gedacht haben, kann man nur vermuten. Wahrscheinlich sind sie erschrocken. Was soll man sonst fühlen, wenn Ronaldinho, der populärste Fußballspieler des Landes, soeben via Fernsehkameras in die Wohnstuben der Heimat ein paar nette Wort übermittelt - und sich plötzlich aus dem Dunkel der fernen deutschen Nacht ein Mann derart impertinent ins Bild schiebt, wie es nur Politiker vermögen.

Denn plötzlich stand auch Roland Koch im fahlen Licht der Scheinwerfer und wanzte sich an Ronaldinho heran, wissend, dass in diesem Moment die Augen der Welt auch auf den hessischen Ministerpräsidenten blicken. Wie ein Gespenst tauchte der CDU-Mann aus dem Dunkel auf, genüsslich grinsend, weil er im richtigen Moment die Nähe zum besten Fußballer auf dem Globus gefunden hatte.

Wer noch nicht wusste, was für Dimensionen der Aufenthalt der brasilianischen Nationalmannschaft bei dieser WM hat – der weiß es seit gestern Nacht. Um 23:11 Uhr war die Maschine auf dem Frankfurter Flughafen gelandet und hatte ein Team von Genf nach Deutschland befördert, das keine Fußballmannschaft mehr ist, sondern eine Ansammlung von Halbgöttern. Am Nachmittag hatten diese Halbgötter im Genfer Stadion noch schnell die Neuseeländer in einem Testspiel 4:0 besiegt.

21:50 Uhr war dann die "Jumbolino" genannte Version eines Passagierflugzeugs nach Frankfurt gestartet, wo der Mannschaft auf dem "World Cup Terminal" der größte Empfang aller hier ankommenden Teams dieser WM bereitet wurde. 150 Journalisten waren gekommen, die U12-Mädchenmannschaft der SG Wiking Offenbach überreichte gelb-grüne Blümchen, zwei Fußballartisten bemühten sich um standesgemäße Unterhaltung – und Koch sowie sein Innenminister Volker Bouffier spielten Staatsmänner. Wirkliche Fans hatten keinen Zutritt.

Als Fatima Bernardes später ihren Kollegen erklären sollte, was für ein merkwürdiger Mann da gerade in ihrem Live-Interview aufgetaucht war, murmelte sie: "A kind of governeur", eine Art Gouverneur halt. Bernardes hatte wirklich andere Sorgen, denn die Frau ist die Anne Will des brasilianischen Nachrichtenfernsehens, ein Star – und sie bekam just in dem Moment, als sich die Türen des "Jumbolinos" öffneten, Stress: Sendeausfall. Ihr Sender TV Globo berichtete live von der Ankunft des "Seleção" in Deutschland. Für die Übertragung wurde sogar mitten in der Primetime am frühen Abend die Unterhaltungssendung "Programa do Faustao" (eine Art "Hitparade der Volksmusik") unterbrochen. TV Globo bekam dann doch noch die Schaltung hin und Fatima Bernardes ihren Auftritt. "Die können gar nicht an mir vorüber gehen", hatte sie vorhergesagt und die Spieler gemeint. TV Globo ist die Medienmacht in Brasilien, und Bernardes ihr Star.

Nicht alle schien das zu interessieren: Trainer Carlos Alberto Parreira schritt ernst übers Rollfeld, Stürmer Ronaldo winkte immerhin, Ricardinho, Nationalmannschaftsreservist von Corinthians Sao Paulo, nahm sich wenigstens eine Minute Zeit für die TV-Globo-Frau. Aber dann: Fatima Bernardes rief seinen Namen – und er kam wirklich. Ronaldinho trottete wie ein braver Schuljunge ans Gitter zur Fernsehfrau, lächelte schüchtern und sprach: Er sei gerührt, jetzt in Deutschland zu sein, dass das Team als Titelverteidiger der große Favorit sei, müsse aber noch bewiesen werden. "Wir müssen noch viel arbeiten, um dieser Rolle gerecht zu werden."

Nach einer halben Stunde waren die Passformalitäten der brasilianischen Delegation erledigt. Ab in den Bus ins Vorrundenquartier nach Königstein-Falkenstein im Taunus, wo das Hotelpersonal Spalier stand, zur Begrüßung Fackeln brannten – und TV Globo live übertrug. Ein Sendewagen stand am Flughafen, einer am Schlosshotel Falkenstein. 180 Mitarbeiter beschäftigt TV Globo während der WM in Deutschland, nur 1982 in Spanien waren es mehr: 200 Journalisten und Techniker übertrugen dort alles von der Mannschaft. Und zu senden gibt es auch viel. Allein im Trainingslager des Teams im schweizerischen Weggis standen alle Spieler nach jeder Übungseinheit 45 Minuten für die Journalisten zur Verfügung. Und Falkenstein, der Ort der sehr viel besser Verdienenden, ist ab heute Außenstelle von TV Globo. Fatima Bernardes wird ihre tägliche Nachrichtensendung "Jornal Nacional" aus dem Schlosshotel moderieren.

Bis zu 10.000 brasilianische Fans werden ab heute täglich im Taunus erwartet – von der Mannschaft bekommen sie nichts zu sehen. Der Sportplatz in Falkenstein ist zu klein für große Ereignisse, die Trainingseinheiten finden ohne Publikum statt. Ronaldinho, Ronaldo oder Adriano gucken geht trotzdem, schließlich will ja auch Ausrüster Nike zu seinem Recht kommen: Am Donnerstag lädt die Mannschaft zum einzigen öffentlichen Training in Hessen ein – ab 16.45 Uhr im Offenbacher Stadion "Am Bieberer Berg". Fatima Bernardes wird vor Ort sein und live senden. Ob Koch auch kommt, ist nicht bekannt. Seinen Auftritt hatte er ja schon.



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