"Anne Will" zur Fußball-WM Wo war die Fifa?

Von Gysi bis Stoiber: Bei "Anne Will" redeten die bekannten Politsenioren darüber, wie man mit der Fußball-WM in Russland umgehen sollte. Wer wirklich etwas darüber zu sagen gehabt hätte, war nicht eingeladen.

Moderatorin Will (3.v.r.) mit ihren Gästen
NDR/Wolfgang Borrs

Moderatorin Will (3.v.r.) mit ihren Gästen

Von


Es ist schon etwas nebulös mit den Gästelisten in deutschen Talkshows. Da reden bei "Anne Will" am Sonntag vier Politiker über die Fußball-WM in Russland, und drei von ihnen betonen durchgehend, dass man doch die Politik am besten aus diesem Thema raushalten solle, es gehe schließlich vor allem um den Sport.

Warum die Redaktion, wenn das so ist, dann nicht mehr Vertreter aus dem Sport eingeladen hat als allein Ex-Nationalspieler Arne Friedrich, warum dort zum Beispiel kein Vertreter der Fifa sitzt, die schließlich für die Vergabe an Russland verantwortlich ist, wird ihr Geheimnis bleiben.

Wie soll man also mit dieser Weltmeisterschaft umgehen, die in einem Land stattfindet, das in Sachen Menschenrechte in der Kritik steht? In einem Land, das wegen der Annexion der Krim und der Ukraine-Politik mit Sanktionen belegt ist; das beschuldigt wird, die malaysische Passagiermaschine MH17 abgeschossen zu haben; in einem Land, das im Syrienkrieg einen Machthaber Assad stützt, der im Verdacht steht, Giftgas einzusetzen?

Rebecca Harms, die grüne Europaabgeordnete, kommt mit dem Aufzählen kaum zu Ende. Ihre Forderung ist daher unumstößlich: "Die Hochkaräter der Politik sollen Putin nicht die Ehre erweisen, mit ihm auf der Tribüne zu sitzen."

Gysi und Stoiber auf einer Linie

Die Hochkaräter, also die Bundeskanzlerin, der Bundespräsident, der Bundestagspräsident, die deutschen Minister. Mit dieser Ansicht ist Harms in dieser Runde allerdings ziemlich alleine. Vehementester Widerspruch kommt vom Linken Gregor Gysi, der erst einmal aushalten musste, 25 Minuten nichts sagen zu dürfen, was für ihn furchtbar gewesen sein muss. Danach legte er aber los.

Ein Politikerboykott sei nur ein weiterer Schritt "für ein komplett falsches Bild in Russland", schließlich nutze jeder Staats- und Regierungschef eine Sportveranstaltung für sein Renommee, das könne man Putin nicht vorwerfen.

Rückendeckung für Gysi kam von ungewohnter Seite. CSU-Grande Edmund Stoiber warb ebenfalls dafür, zur WM zu fahren, um dort Gespräche mit der russischen Politik zu führen. "Ich war ja mal der älteste kalte Krieger neben Franz-Josef Strauß, aber heute muss ich sagen: Was hat das denn gebracht?" Sein CDU-Parteifreund Norbert Röttgen, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, warf neben ihm ein: "Naja, den Zusammenbruch des Warschauer Pakts zum Beispiel." Stoiber: "Aber da hat auch die Entspannungspolitik der SPD, die ich früher so bekämpft habe, großen Beitrag gehabt." Stoiber im Altersmildezustand.

Norbert Röttgen, Edmund Stoiber
NDR/ Wolfgang Borrs

Norbert Röttgen, Edmund Stoiber

Vor vier Jahren blieb Bundespräsident Joachim Gauck der Eröffnung der Olympischen Winterspiele von Sotschi bewusst fern, auch das habe überhaupt nichts bewirkt, so Stoiber. Das sei nichts als Symbolpolitik, befand der CSU-Ehrenvorsitzende. Wobei neben Putin auf der Tribüne zu sitzen zweifellos auch symbolische Bedeutung hätte.

Stoiber selbst hat Putin in Moskau als Begleiter des CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer zweimal getroffen, "wir haben über alle Themen offen gesprochen". Seehofer, mittlerweile Innen- und Sportminister, ist jetzt auch der einzige aus dem Kabinett, der die Weltmeisterschaft besuchen will und darin kein Problem sieht.

Man hätte Infantino gern gesehen

Wie verhält sich genau der DFB, wie hat der Deutsche Olympische Sportbund in Sotschi das Thema behandelt - und vor allem: Welche Ausreden hält die Fifa parat, warum Russland diese WM überhaupt bekommen hat? Das hätte eine spannende Gästerunde werden können, wenn man die eingeladen hätte, die es betrifft. Zu gerne hätte man Fifa-Präsident Gianni Infantino an diesem Abend gesehen, wie er sich um die kritischen Fragen Anne Wills herumwindet.

Der ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt, dem das Visum für die WM erst nach einer Verweigerung ausgestellt wurde, war nur als Einspielfilmchen präsent, auch er hätte Fachkundiges beitragen können. Und wenn man schon eine Stunde lang über Russland spricht, wäre ein russischer Gesprächsgast auch eine denkbare Option gewesen.

So blieb Arne Friedrich die Aufgabe vorbehalten, etwas Frischluft in die Runde der alten Politiker zu bringen. Der frühere DFB-Verteidiger, als Merkel-Anhänger bekannt, versuchte sich als Mediator zwischen Harms und Gysi, glaubte, bei dem Thema gebe es "kein Richtig und kein Falsch", und sprach überhaupt so, dass er nach Ende der Sendung wohl mehrere Angebote auf eine politische Laufbahn bekommen hat.

Friedrich war der einzige, der die Verbände in die Pflicht nahm, der aber auch betonte, den Sportlern selbst sei es auch nicht verboten, sich zu äußern. "Wir sind alle mündige Menschen, die Spieler müssen nur darauf vorbereitet sein, was auf sie zukommen kann, wenn sie sich öffentlich äußern." Die Redaktion blendete dabei im Hintergrund das berühmte Bild der Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan ein, das sie im trauten Miteinander mit dem türkischen Präsidenten Erdogan zeigt. Als Beispiel für zwei Fußballer, die ganz offensichtlich nicht darauf vorbereitet waren, was sie mit einem solchen Foto auslösen.

Möglicherweise war es auch dieses Bild, das Röttgen zu dem Schlusswort bewegte: "Ich würde den Spielern empfehlen, sich aufs Sportliche zu konzentrieren." Friedrich ergänzte: "Schließlich wollen wir ja Weltmeister werden." Große Einigkeit in der Runde. Nur Rebecca Harms schaute etwas skeptisch.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Texts hieß es, die Passagiermaschine MH17 stamme aus den Niederlanden. Sie ist in Amsterdam gestartet. Die Airline hat ihren Sitz in Malaysia.

insgesamt 22 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Francois S. 04.06.2018
1. Würde lieber wissen wie es zu einer WM in Qatar in 2022 kommen konnte?
Hat Deutschland für Qatars Bewerbung gestimmt, und wenn ja, warum?
mirage122 04.06.2018
2. Anne Will ohne hochkarätige Gäste
Ich hätte schon gern jemanden von den Fifa-Verantwortlichen gefragt, warum die WM überhaupt nach Russland vergeben wurde. Herr Infantino wäre sicherlich ein Gesprächspartner für Anne Will gewesen, der hierzu hätte etwas sagen können. Was sollte die Altherren-Riege um Edmund Stoiber? Wollten sie damit nur ihre Daseinsberechtigung zum Ausdruck bringen unter dem Motto: "Wir sind auch noch da!" Welche Aussagen hat man allen Ernstes von Herrn Röttgen erwartet? Bei Anne Will sollte doch eigentlich mehr Sorgfalt und Fingerspitzen-Gefühl bei der Selektion der Gästeliste vorhanden sein.
MatthiasSchweiz 04.06.2018
3.
Scheinheilige Debatten. Wieso gibt es solche nicht, wenn wieder mal ein Grossanlass in den USA stattfinden, den grössten Völkerrechts- und Menschenrechtsbrechern der letzten Jahrzehnte? In GB? Stichwort Irakkrieg und Libyien z.Bsp.? Etc., etc. Aber wir im Westen sind ja die Guten, wir können so viel Böses tun, wie wir wollen, es geschieht natürlich nur aus den besten Absichten, deshslb ist es dann doch wieder gut. Egal ob es Millionen von Menschenleben kostet oder was auch immer.
Korken 04.06.2018
4. Mal wieder typisch Will
Nach ewig langen Monotongesprächen Harms (und Verständniszeigerei) und zu Wort kommen anderer darf Gysi endlich was sagen, nur um ihm dann gleich wieder mit anderen Kleinigkeiten das Thema abzunehmen. Sobald er ausholte, den Werdegang zur gegenwärtigen Situation darzustellen, wurde ihm das Wort genommen. Das ist wohl doch wieder etwas zu offensichtlich für die Redaktion, was nicht sein darf.
tarelsun 04.06.2018
5. Obsolete Sendung
Anne Will ist nur eine der völlig obsoleten Sendungen im ÖR. Zwangsfinanzierte Verblödung der Zuschauer...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.