Antisemitismus im Fußball "Juden Jena!"-Schmähgesänge - Anzeige gegen Oberligaclub Halle

Antisemitismus-Skandal in Ostdeutschland: Fans des Halleschen FC haben am Wochenende wiederholt "Juden Jena" gegrölt - SPIEGEL ONLINE liegt eine Aufnahme vor, die das belegen soll. Weder Schiedsrichter noch Offizielle wollen etwas gehört haben. Dem Verein drohen harte Strafen.

Von


Halle - Zweite Halbzeit im Oberligaduell zwischen dem Halleschen FC und der Zweiten Mannschaft von Carl Zeiss Jena. Schiedsrichter André Stolzenburg pfeift einen Eckball für die Gäste. Als der Jenaer Spieler sich der Hallenser Kurve nähert, ertönen die Rufe zum ersten Mal, erinnert sich ein Augenzeuge: "Juden Jena!"

Dubioser Aufruf: Schon 2006 freuten sich die HFC-Fans auf das Auswärtsspiel bei Erzfeind Sachsen Leipzig
MZ / Andreas Löffler

Dubioser Aufruf: Schon 2006 freuten sich die HFC-Fans auf das Auswärtsspiel bei Erzfeind Sachsen Leipzig

Der Zeuge, der das Spiel in der HFC-Kurve verfolgte, erinnert sich, dass "der Linienrichter zu diesem Zeitpunkt genau vor der Kurve stand. Er kann das nicht überhört haben." Doch im Spielberichtsbogen sind die antisemitischen Rufe, die danach noch mehrfach zu hören waren, nicht vermerkt. "Mehrmals während des Spiels wurde 'Juden Jena' in unsere Richtung gebrüllt", sagt auch Lutz Hofmann vom Jenaer Fanprojekt, der sich in etwa 100 Meter Luftlinie Entfernung in der Gästekurve aufhielt.

Auf Tonaufnahmen, die SPIEGEL ONLINE vorliegen und den Zeugen zufolge die Geschehnisse am Wochenende dokumentieren, sind Parolen so laut zu hören, dass der Stadionsprecher sie eigentlich unmöglich überhört haben kann. Dennoch wurden die Schreihälse aus der Hallenser Kurve zu keinem Zeitpunkt aufgefordert, die Schmähgesänge einzustellen:


Auch im Internetforum des HFC-Fanclubs "Web-Hallunken" wird angeregt über die Rufer diskutiert. Mehrere Nutzer äußern ihr Unverständnis über "diese dämlichen J.... J... Rufe andauernd. Was soll denn der Scheiß?"

Wenn sich die Vorwürfe erhärten lassen, wäre erneut Halle Schauplatz solcher Entgleisungen - und weil es ein Wiederholungsfall ist, steht der Verein nun vor drastischen Sanktionen.

Die Hallenser waren schon nach rassistischen Ausschreitungen und Affen-Lauten beim Rückspiel gegen Sachsen Leipzig im Oktober 2006 zu einer Geldstrafe und einem Spiel vor leeren Rängen verurteilt worden. Im Fall einer erneuten Bestrafung müssten sie wohl mit deutlich härteren Sanktionen rechnen, vom Punktabzug bis hin zum "Ausschluss aus der Spielklasse", sagt Holger Fuchs, Geschäftsführer des Nordostdeutschen Fußball-Verbands (NOFV), zu SPIEGEL ONLINE.

Beim NOFV ist mittlerweile eine Anzeige eingegangen. Dort will man nach Rücksprache mit dem HFC die Ereignisse vom Wochenende rekonstruieren. Nach Auskunft von Wilfried Riemer, dem Leiter des Spielbetriebs beim NOFV, haben "die beiden Schiedsrichterbeobachter nichts gehört, auch im Spielberichtsbogen ist nichts vermerkt". Die HFC-Verantwortlichen seien "aus allen Wolken" gefallen, als sie von den Vorwürfen hörten.

Michael Schädlich, Präsident des HFC, kündigte für den Fall, dass sich die Krakeeler ermitteln lassen, in der "Mitteldeutschen Zeitung" harte Strafen an: "Ich verurteile diese Ausfälle aufs Schärfste, gegen diese Unbelehrbaren reagieren wir mit dem kompletten Programm rechtsstaatlicher Maßnahmen."

Der NOFV weist darauf hin, bisher lägen keine endgültigen Beweise für die Schmähungen vor - zumal die HFC-Verantwortlichen die Vorwürfe auf Nachfrage des Verbandes nicht bestätigen konnten: "Die haben auch nichts gehört." Die Glaubwürdigkeit einer E-Mail, die die Geschehnisse in der Kurve dokumentiert habe und dem Verband am Dienstag zuging, werde derzeit geprüft.

Nach dem Spiel wurden die etwa 70 Gästefans inmitten einer Polizeieskorte zum Bahnhof geleitet. Auch dabei kam es nach Aussagen der Jenaer zu antisemitischen Schmähungen.

Doch auch die Ordnungskräfte sahen offenbar keinen Grund einzuschreiten. Wie viele Jena-Fans - die Anhänger des Traditionsvereines gelten politisch eher als linksgerichtet - hat sich Fanbetreuer Hofmann mittlerweile ein dickes Fell zugelegt, wenn er sein Team zu Auswärtsspielen begleitet. "Im Westen rufen sie: 'Baut die Mauer auf', im Osten: 'Juden Jena'. Lauter alte dumme Sprüche, die man schon langsam überhört."

Mehr zum Thema


Forum - Strafe oder Prävention?
insgesamt 135 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
fingerzeiger 02.04.2008
1.
Zitat von sysopDer DFB setzt im Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus auf harte Strafen, die von Platzsperre über Punktabzug bis hin zum Zwangsabstieg reichen können. Diese Sanktionen werden allerdings nur selten verhängt. Sollte der DFB verstärkt auf härtere Strafmaßnahmen setzen oder mehr Geld in Prävention und Fanarbeit investieren?
Diese Sanktionen waren auch bislang unnötig, da in den letzten Jahren diese Auswüchse nachgelassen haben(zumindest im Profibereich). Wichtiger wäre, die wöchentlichen Ausschreitungen in den unteren Klassen (Kreisliga und Co.) einzudämmen, das sollte bis zum Ausschluss der Vereine gehen
Querschläger, 02.04.2008
2.
Zitat von sysopDer DFB setzt im Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus auf harte Strafen, die von Platzsperre über Punktabzug bis hin zum Zwangsabstieg reichen können. Diese Sanktionen werden allerdings nur selten verhängt. Sollte der DFB verstärkt auf härtere Strafmaßnahmen setzen oder mehr Geld in Prävention und Fanarbeit investieren?
Prävention reicht, wie die Erfahrungen in der jüngeren Vergangenheit gezeigt haben, an vielen Orten leider nicht mehr aus, auch weil manche Vereine von rechten Gruppen unterwandert sind.
Faust27 02.04.2008
3. Was tun?
Beide Maßnahmen sind essentiell, da Prävention alleine ohne Sanktionsmöglichkeiten nicht erfolgreich sein wird, genau wie Sanktionen ohne Prävention nicht wirksam sind. Hier muss zweigleisig gearbeitet werden! "Ewig Gestrige" wird es immer geben, die, angestachelt durch die Macht und Intergrationsfunktion einer Gruppe, rassistische Parolen grölen. Entscheidend ist es absolut, hier in der Fanszene deutlich zu machen, dass diesen - sicher in der Minderheit - nur durch geschlossenes und couragiertes Auftreten der anderen Fans Einhalt geboten werden kann. Wenn die Ablehnung in der breiten Masse auch im Stadion deutlich wird, kann dieses Phänomen, die widerlich rassistische Fratze einzelner Gruppen in der Fanszene, bekämpft werden!
Thomas Kummert 02.04.2008
4. Drakonische Strafen
Wenn gar nichts mehr hilft, eine komplette Saison in den betroffenen Ligen ausfallen lassen. Vielleicht kommen diese Id..... dann endlich mal zur Besinnung.
Kalix 02.04.2008
5. Beides
Zitat von sysopDer DFB setzt im Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus auf harte Strafen, die von Platzsperre über Punktabzug bis hin zum Zwangsabstieg reichen können. Diese Sanktionen werden allerdings nur selten verhängt. Sollte der DFB verstärkt auf härtere Strafmaßnahmen setzen oder mehr Geld in Prävention und Fanarbeit investieren?
Zwischen Links und Rechts liegt eine Messerspitze; d.h. es muß deutlich mehr Aufklärung über Diktaturen, aber auch über die DDR, seitens staatlicher Stellen umgesetzt werden. Ein Lehrer, der bei der Wende plus/minus 30 war, ist heute 50; d.h. er hat noch 15 Jahre vor sich. Ob jemand, der im System DDR Lehrer wurde, die Prinzipien einer Demokratie mit vollem Einsatz vermittelt, darf zumindest bezweifelt werden. Was den DFB betrifft, sind harte Strafen angebracht, nicht nur bei Rechtsradikalismus sondern generell bei Krawallen. Die Ultras sind zu einer Bedrohung in den Stadien geworden, aber niemand trifft entsprechende Maßnahmen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.