Antisemitismus im Fußball: Milde Strafe für Judenhass

Von

"Jude verrecke", "Synagogen müssen brennen", "U-Bahn nach Auschwitz!" Der jüdische Berliner Fußballverein TuS Makkabi ließ sich diese antisemitischen Angriffe auf dem Spielfeld nicht gefallen. Er klagte. Das Sportgericht urteilte eher milde, der Verein legte Berufung ein - die jetzt zurückgewiesen wurde.

Nirgendwo kann man die zwei Gesichter des deutschen Fußballs 2006 derzeit besser besichtigen als im schicken Berliner Stadtteil Grunewald. Im dortigen Schlosshotel residierten im Sommer Klinsmann, Bierhoff, Klose und Co. Hier wurden Sommermärchen erzählt, fröhlich und farbig. Mittlerweile ist es später Herbst, und ein paar hundert Meter vom Schlosshotel Grunewald entfernt im "Haus des Fußballs" sitzen die Richter des Berliner Sportverbandsgerichtes und stecken die Köpfe zusammen.

Heimat des TuS Makkabi: Zuspruch aus dem ganzen Bundesgebiet
TuS Makkabi e.V.

Heimat des TuS Makkabi: Zuspruch aus dem ganzen Bundesgebiet

Es geht um den bösen Vorwurf des Antisemitismus, um den jüdischen Berliner Fußballverein TuS Makkabi - und um ein Ereignis, das sich einreiht in die Fälle von Rassenhass und Ressentiments, die in diesem Herbst durch die unteren Ligen des deutschen Fußballs irrlichtern. Selbst der Boss des Deutschen Fußball-Bundes, Theo Zwanziger, muss sich zu dem Fall äußern, und die "Süddeutsche Zeitung" widmet der Partie eine große Geschichte auf der Seite 3.

Es ist der 26. September dieses Jahres, ein Spiel in der 5. Abteilung der Kreisliga B. Die zweite Mannschaft des TuS Makkabi läuft zum Gastspiel im Berliner Osten bei der VSG Altglienicke auf. Am Ende des Tages spricht Makkabi-Präsident Tuvia Schlesinger von dem "Schlimmsten, das einem jüdischen Verein seit der Hitler-Diktatur in Deutschland widerfahren ist".

Schlesinger ist eigentlich ein freundlicher, besonnener Mensch. Einer, der keineswegs an jeder Ecke Antisemitismus wittert. Doch was ihm seine Spieler von jenem Nachmittag in Altglienicke erzählen, raubt ihm noch Wochen später den Atem.

Rote Karte für den protestierenden Makkabi-Spieler

"Jude verrecke", "Wir bauen eine U-Bahn nach Auschwitz", "Synagogen müssen brennen" – all das müssen sich die Makkabi-Kicker von den Zuschauern gefallen lassen. Von den Offiziellen Altglienickes und den anderen Zuschauern sieht sich niemand genötigt, die Krakeeler zur Ruhe zu bringen. Schiedsrichter Klaus Brüning will erst gar nichts gehört haben, obwohl ihn die Gästespieler mehrfach auf die Beschimpfungen aufmerksam machen. Als einem Makkabi-Spieler eine Viertelstunde vor Schluss der Kragen platzt und er einen der pöbelnden Fans zur Rede stellt, ist Brüning plötzlich hellwach und hält dem Makkabi-Mann die Rote Karte unter die Nase. Makkabi reicht es. Die Spieler verlassen unter Protest in der 78. Minute den Platz. Dem Schiedsrichter bleibt nichts übrig, als das Spiel abzubrechen.

Vorbei ist es damit aber noch lange nicht: In einer ersten Sportgerichtsverhandlung im Oktober sperrt das Gericht Schiedsrichter Brüning lebenslang. Die Spieler von Altglienicke werden dazu verdonnert, ein Anti-Rassismus-Seminar zu besuchen, und müssen zwei Heimpartien unter Ausschluss der Öffentlichkeit spielen. Das Spiel soll wiederholt werden, die Kosten für die Spielwiederholung sollten sich Altglienicke und Makkabi teilen. Alle betroffenen Parteien legten anschließend Berufung gegen das Urteil ein. "Es geht uns gar nicht ums Sportliche. Wir wollten mit dieser Berufung einfach ein Zeichen setzen und den Fall noch öffentlicher machen", sagt Schlesinger.

Doch daraus wird nichts. Das Sportverbandsgericht hat eine Berufung gestern Abend abgelehnt. Formale Fehler bei den Revisionsanträgen will man erkannt haben und schmettert den Wunsch nach einer neuen Verhandlung ab. Lediglich Schiedsrichter Brüning kann zufrieden sein. Seine Sperre muss neu verhandelt werden, weil es in der ersten Instanz "zu große Verfahrensmängel" gegeben habe.

"Gründe gesucht, um die Berufung zu verhindern"

Für Schlesinger ist dieses Urteil eine vertane Chance. "Das Gericht hat offenbar Gründe gesucht, um die Berufung zu verhindern, und sie haben die Gründe gefunden", sagt der Makkabi-Präsident. Mehr Kritik will er nicht äußern. Abgehakt. "Letztlich war uns auch gar nicht mehr wichtig, das alles noch mal neu zu verhandeln." Im Grunde habe man erreicht, was man wollte: "Schiedsrichter und Vereine künftig für solche Ereignisse zu sensibilisieren." Außerdem habe man nach Bekanntwerden der Vorfälle "Zuspruch aus dem gesamten Bundesgebiet" erhalten.

Derlei Vorfälle für den einzigen jüdischen Sportverein der Stadt nichts Neues. Am 19. November gastierte die Makkabi-Jugend beim TSV Helgoland in Berlin-Tempelhof, und einer der jungen Kerle durfte sich von seinem Gegenspieler den Spruch anhören: "Guck nicht so hässlich, du scheiß Jude, ich fick deine Mutter." So berichten es die Makkabi-Betreuer. Ein muslimischer Makkabi-Spieler musste sich nach dem Spiel von arabischen Jugendlichen fragen lassen, warum er als "Verräter für diese Juden" spiele. Makkabis Jugendtrainer Ronny Popp hat schon mal angekündigt, bei Spielen im Berliner Osten keine dunkelhäutigen Spieler mehr allein anreisen zu lassen. "Die Entwicklungen der letzten Wochen und Monate sind nicht mehr zu akzeptieren", sagt Schlesinger.

Der Verein Altglienicke demonstriert derweil nur halbherzig Schuldbewusstsein. So distanzierte er sich zwar nachträglich "strikt" von "ausländerfeindlichen Sprüchen und Hassparolen". Stimmen, die ein dauerhaftes Stadionverbot für die rechtsextremen VSG-Fans fordern, wurden jedoch sicherheitshalber von der Homepage des Clubs wieder entfernt. Rainer Lange, der Leiter der Abteilung Fußball der VSG, will jedenfalls nichts davon wissen, dass in seinem Verein rechte Gesinnung vorherrschen soll: "Wir haben Sportler aus 30 Nationen in unserem Verein, wir lassen uns nichts nachsagen." Der Vorfall sei "hochgeschrieben" worden, findet er: "Wenn der Schiedsrichter nun mal nichts gehört und gesehen hat, was soll man da machen?" Zivilcourage ist, wenn der Schiedsrichter pfeift.

Schlesinger kann solche Ausweichmechanismen sogar ein wenig nachvollziehen. "Man muss berücksichtigen, in welchem Milieu sich dieser Verein bewegen muss", sagt der Makkabi-Chef. Bei den Landtagswahlen in Berlin erhielt die NPD in einem Stimmbezirk in Altglienicke fast 20 Prozent, so viel wie sonst nirgends in der Stadt. Er entlässt die Altglienicker aber nicht aus dem Vorwurf, der Verein habe seine "staatsbürgerlichen Pflichten nicht wahrgenommen, als es drauf ankam".

Gestraft sind die Altglienicker seit den Vorfällen vom September ohnehin. Jugendmannschaften der VSG wurden von Turnieren wieder ausgeladen, "weil es heißt, dass wir ein Nazi-Verein sind", jammert Lange: "Der ganze Verein ist dadurch in Misskredit geraten."

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Fußball-News
RSS
alles zum Thema Fußball-Bundesliga
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback