Griezmanns 32-Minuten-Video Gehen Sie weiter, es gibt hier (fast) nichts zu sehen

Monatelang herrschte Unklarheit über Antoine Griezmanns Zukunft. Nun wird klar: Die Spannung war bewusst geschürt und wurde mit einem pathetischen Pay-TV-Film aufgelöst - kurz vor Frankreichs WM-Start.

Antoine Griezmann im Video "La Decisión"
Movistar+

Antoine Griezmann im Video "La Decisión"

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Am Montag trat Antoine Griezmann im französischen Teamquartier in Istra vor die Presse. Natürlich wurde er auch nach seiner Zukunft nach der WM gefragt: Würde er für eine festgeschriebene Ablöse zum FC Barcelona wechseln oder bei Atlético Madrid bleiben? "Tut mir leid, aber heute ist nicht der Tag, an dem ich meine Entscheidung bekannt gebe." Sie sei gefallen, aber hier sei nicht der Ort und die Zeit, um sie zu verkünden.

Die Zeit war Donnerstagabend, 21.15 Uhr. Der Ort war der spanische Kanal Cero auf der Pay-TV-Plattform Movistar+. Angekündigt, so macht man das, mit einem spannungsheischenden Trailer.

32 Minuten lang ist der Dokumentarfilm "La decisión"; 32 Minuten, die zusteuern auf eine einzige Aussage: "Ich habe mich entschieden zu bleiben." Auf seinen Social-Media-Kanälen ergänzte Griezmann die Entscheidung mit einem kurzen Clip aus der Doku und dem dreisprachigen Slogan "Meine Anhänger, meine Mannschaft, mein Zuhause".

Der englischsprachige Dienst der spanischen Sportzeitung "As" verfolgte die Erstausstrahlung des Entscheidungsfilms mit einem sehr lustigen Liveticker auf Twitter. Einige Highlights: "Griezmann bekommt ein Tattoo in seinem großen Haus. Auf dem Tattoo steht nicht 'Atleti forever'. Das hätte wohl die Spannung ruiniert." "Griezmann spielt Fortnite. Jetzt hat er aufgehört damit und isst Popcorn." "Antoine besucht seine Pferde. Funky französische Musik begleitet die Reise. Hübsche französische Landschaft. Eine Partie Boule, ein bisschen Kartfahren. Aber nichts davon kann seine existenziellen Zweifel lösen: 'Ich weiß nicht, was ich tun soll', klagt er." Und am Ende: "Kein ergreifender Plotdreh. Kein 'Das war's. Ich gebe den Fußball auf und werde Missionar.' Griezmann wird als Spieler bei Atlético Madrid bleiben."

Ein solcher Film rund um den einschneidenden Karriereschritt eines Sportlers ist nicht ohne Vorbild. Im Gegenteil, es gibt sogar ein sehr eindeutiges Vorbild: Die TV-Sondersendung "The Decision", mit der der Basketballer LeBron James 2010 auf dem Sender ESPN seinen Wechsel zu Miami Heat bekannt machte - statt bei seinem Heimatteam aus Cleveland zu bleiben. Doch bei Griezmann ging es um die ausführliche Bekanntmachung, dass es nichts bekannt zu geben gibt, wie Englands einstiger Stürmerstar Gary Lineker ätzte.

Im Internet erntete "Grizou" allgemein viel Spott. "Peinlich", "Hampelmann", "Drama Queen", "Spielberg" waren noch die freundlicheren Kommentare. In Frankreich mischte sich noch etwas Ärger unter die Häme. Der Sportjournalist Jean-Michel Larqué sagte im Sender BFM TV: "Die Inszenierung macht mich wütend. Man ist mitten in der Vorbereitung, man redet von nichts als von Frankreich-Australien. Und Antoine Griezmann wartet bis 48 Stunden vor dem Spiel, um zu enthüllen, was er tun wird. Das Timing ist katastrophal, für ihn und für die Nationalelf."

Sich auf die Ausstrahlung gefreut und sie mit einem Tweet samt Popcorn-Emoji angekündigt hatte Gerard Piqué, dessen Filmproduktionsfirma Kosmos Studios den Dokumentarfilm drehte. Schnell sprang er nach der Ausstrahlung Griezmann zur Seite, schrieb auf Twitter, dass es "Leute geben wird, die dich kritisieren. Denn alles Neue kann Ablehnung hervorrufen."

Pikanterie am Rande: Im Hauptberuf ist Gerard Piqué natürlich Abwehrspieler beim FC Barcelona, dem Klub, gegen den sich Griezmann entschied. Dementsprechend gab es irritierte Reaktionen in der Vereinsführung. Präsident Josep Maria Bartomeu soll das Gefühl geäußert haben, dass Piqué mit dem Film eine Grenze überschritten habe. Samuel Umtiti, Nationalelfkollege von Griezmann und Barça-Mannschaftskamerad von Piqué, hatte dessen Popcorn-und-Applaus-Tweet geteilt.

Die dramatische Inszenierung von "La Decisión" wird selbstverständlich mit der entsprechenden Musik unterstützt. Besonders zwei sprechende Titel fallen auf: Als die Entscheidung gefallen ist, läuft "God's Plan" von Hip-Hop-Superstar Drake. Und der Song "We Don't Run From Anyone", wir rennen vor niemandem weg, von der wenig bekannten norwegischen Sängerin Amanda Delara. Wenigstens die war uneingeschränkt glücklich über das Video - und bedankte sich artig via Twitter.

Mit Material von sid

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insgesamt 3 Beiträge
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Bueckstueck 15.06.2018
1. passt zu ihm
Alberne Hampeleien sind sein Ding. Stil hat man oder eben nicht.
LuBu 15.06.2018
2. Peinlich
Was für ein lächerlicher Quatsch. Wirft ein ziemlich schlechtes Licht auf Griezmanns Charakter.
creusa 18.06.2018
3. Albern, aber nicht überzubewerten...
Davon würde ich nicht ableiten, dass er einen schlechten Charakter hat und grundsätzlich arrogant ist. Zum einen habe ich auch mehrfach gelesen, dass er damit auch sein Idol LeBron James nacheifert, der das auch so gemacht hat mit der Verkündung. Und zum anderen ist das wichtigste immer noch der sportliche Aspekt: und da hat er sich gerade gegen einen Wechsel zum Titelgaranten Barcelona entschieden, um mit Atletico gegen Barca und Real anzutreten. Das ist eine anspruchsvolle und sauschwere Aufgabe. Hätte ich echt nicht gedacht, und nötigt mir - bei allem komischen und unnötigen Tamtam drumherum- großen Respekt ab!
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