Italienischer Nationaltrainer Conte Die Ente lahmt noch nicht

Italiens Nationaltrainer Antonio Conte hat seinen Abschied nach der EM bereits verkündet. Der 46-Jährige liebäugelt mit dem FC Chelsea. Das Turnier soll zuvor aber noch zum Triumphzug werden.

Von , München

Italienischer Nationaltrainer Antonio Conte
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Italienischer Nationaltrainer Antonio Conte


Antonio Conte und der italienische Verband - auf dieser Zweierbeziehung liegt wenig Segen. 2012 sperrte der Verband den damaligen Juventus-Trainer Conte wegen dessen mutmaßlicher Verwicklungen in Spielmanipulationen. Zwei Jahre später machte derselbe Verband den Coach zum Nationaltrainer, aber auch das war nicht der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Schon nach 20 Monaten kündigte Conte seinen vorzeitigen Abgang für den Sommer an. Begründung: Der Verband habe sich nicht genug für die Belange der Nationalmannschaft eingesetzt.

Dabei hat der 46-Jährige eine Bilanz vorzuweisen, an der es wenig zu meckern gibt. In allen zehn EM-Qualifikationsspielen blieb die Squadra Azzurra ungeschlagen. Beim 1:1 im Testspiel gegen Europameister Spanien vor einer Woche hinterließ das Team einen starken Eindruck. Einen Eindruck, den Italien im nächsten Prestigetest gegen den amtierenden Weltmeister (20.45 Uhr ARD, Liveticker SPIEGEL ONLINE) bestätigen will.

Noch nie hat ein italienischer Nationaltrainer gewagt, seinen Abschied so frühzeitig anzukündigen. Es ist kein Geheimnis, dass der FC Chelsea gesteigertes Interesse daran hat, den Italiener für die kommende Saison zu verpflichten. Ein Interesse, das offenkundig beidseitig ist. Conte selbst sagt, Chelsea sei als Option "kein Tabu".

Seit Wochen wird mit Chelsea verhandelt

Die italienischen und englischen Medien berichten, es werde bereits seit Wochen verhandelt. Es gehe nur noch um Detailfragen, wie viele Italiener Conte für seinen Trainerstab mitnehmen dürfe. In den englischen Boulevardblättern diskutieren Fußballexperten fast täglich, ob Conte den Londonern wieder zu altem Glanz verhelfen könne.

Aber vorher muss erst noch eine Europameisterschaft gespielt werden, und im Fußballland Italien geht die Sorge um, Conte betreibe das Projekt EM nur noch mit halbem Herzen. Zumal die Azzurri mit Belgien, Schweden und Irland die wohl schwerste Vorrundengruppe erwischt haben. Selbstredend versucht der Coach alles, den Eindruck zu zerstreuen, er sei eine lahme Ente: "Wer mich kennt, weiß, dass ich bis zum letzten Tage alles geben werde", sagt er. So etwas sagen alle. Bei Conte gibt es aber zumindest Indizien, dass er das auch so meint.

Er war nie ein Wanderarbeiter des Fußballs, schon als Spieler nicht. Sieben Jahre spielte er für seinen Heimatverein Lecce, dort wo er auch geboren ist. Danach blieb Conte zwölf Jahre und 295 Ligapartien lang Juventus treu, bis zu seinem Karriereende 2004. Die Turiner führte er als Kapitän aufs Feld und sammelte mit ihnen zahlreiche Erfolge: Fünfmal italienischer Meister, den Gewinn der Champions League 1996.

Auch als Coach blieb ihm der Erfolg ein treuer Begleiter. Als er 2011 bei Juventus übernahm, war der Rekordmeister zuvor seit acht Jahren im Titelkampf der Serie A leer ausgegangen. Als Conte 2014 ging, um als Nachfolger von Cesare Prandelli zur Nationalmannschaft zu wechseln, standen drei Meistertrophäen mehr im Silberschrank des Traditionsvereins.

Conte lässt sich ungern einschränken

Conte ist eine Führungspersönlichkeit, einer, für den außer Erfolg wenig zählt. Aber eben auch einer, der sich die Rahmenbedingungen extrem ungern diktieren lässt. Als der Verband es nicht schaffte, ein von Conte für den Februar gewünschtes Trainingslager der Nationalmannschaft bei den Ligavereinen durchzusetzen, stand sein Entschluss fest, nach der EM aufzuhören. "Man hatte mir versprochen, ausreichend mit der Mannschaft arbeiten zu können. Aber ich konnte nicht das tun, was ich wollte", sagte Conte.

Sich einschränken zu müssen, sich die eigene Macht von außen beschneiden zu lassen - das ist nicht der Stil, den Conte gewohnt ist. Darin ähnelt er Bayern-Trainer Josep Guardiola. Beide erhoffen sich von der Premier League mehr Befugnisse. Mehr jedenfalls, als es der FC Bayern und die italienische Nationalmannschaft zu bieten hatten.

So hat die Nationalmannschaft jetzt also einen Trainer, von dem alle wissen, dass er nicht mehr lange im Amt ist. Das muss nicht schief gehen. Als Louis van Gaal die Niederlande 2014 zur WM nach Brasilien führte, wusste jeder, dass er nach dem Turnier zu Manchester United wechseln würde. Im ersten WM-Spiel deklassierte Oranje den Titelverteidiger Spanien 5:1 und wurde am Ende WM-Dritter. Conte ist ehrgeizig genug, dass ihm ein dritter Platz nicht reichen dürfte.



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