Überraschungsteam Apoel Nikosia: Verhasste Helden

Aus Nikosia berichtet Simon Riesche

Mehr David gegen Goliath geht kaum: Vor dem Champions-League-Viertelfinale gegen Real Madrid herrschte beim Außenseiter Apoel Nikosia Ausnahmezustand, die Fans waren im Fußballfieber. Doch auf Zypern drückte dem Überraschungsteam längst nicht jeder die Daumen.

Apoel Nikosia: Underdog in der Champions League Fotos
DPA

Sie sind tatsächlich hier. "Unglaublich", flüstert ein Ordner ehrfürchtig, als sich Cristiano Ronaldo, Iker Cassilas, Mesut Özil und all die anderen Weltstars ihren Weg zum Abschlusstraining im Stadion der zyprischen Hauptstadt bahnen. Klar, auch Olympique Lyon, der FC Porto oder Zenit St. Petersburg waren in dieser Champions-League-Saison schon zu Gast in Nikosia. Aber Real Madrid, das ist dann doch noch mal eine andere Hausnummer.

Der kleine Raum der Pressekonferenz platzt derweil aus allen Nähten. Vorne auf dem Podium sitzt ein wie immer recht übel gelaunter Real-Trainer José Mourinho und lässt die Fragen der mitgereisten spanischen Journalisten über sich ergehen. Lange wagt kein zyprischer Medienvertreter, auch einmal die Stimme zu erheben. Als dann doch endlich ein Einheimischer etwas sagt, ist es kein Journalist, sondern ein Fanvertreter: "Herzlich Willkommen auf Zypern. Ich hoffe, Sie haben hier einen schönen Aufenthalt." Da muss selbst José Mourinho lächeln.

Mickrige 13 Millionen Euro beträgt der Etat von Apoel Nikosia. Das ist in etwa so viel, wie allein Cristiano Ronaldo bei Real Madrid in einem Jahr verdient. Mehr "David gegen Goliath" geht nicht im europäischen Spitzenfußball. Apoel-Präsident Phivos Erotokritou brachte es zuletzt in einem Interview auf den Punkt: "Wir kommen aus einem Land, in dem gerade einmal 800.000 Menschen leben, so viele, wie in einem Vorort von Athen, und jetzt spielen wir gegen eine der zwei besten Mannschaften in Europa."

Weißes Ballett trifft auf bunten Haufen

Es ist ein bunter Haufen, der es mit dem weißen Ballett aus Madrid aufnimmt. Im Kader von Apoels serbischem Trainer Ivan Jovanovic mögen klangvolle Namen wie Kaká oder Ailton stehen, trotzdem ist es eine Mannschaft fußballerischer Nobodys. Der Kaká von Nikosia ist weder verwandt noch verschwägert mit seinem berühmten Namensvetter aus Madrid. Und Apoels Ailton war auch noch nie im Dschungelcamp.

Geht es nach den Fans des Hauptstadtclubs, dann sind die Partien gegen Real Madrid nur ein Etappenziel auf dem Weg zum Titel. "Im Finale wartet Barcelona", sagt ein junger Autogrammjäger und erntet das zustimmende Nicken seines Vaters. Der Optimismus in Nikosia ist derzeit generationsübergreifend. Natürlich ist das kleine Stadion für das große Hinspiel restlos ausverkauft. In der vergangenen Woche gab es eine regelrechte Schlacht um die letzten Tickets. Fast 5000 Menschen stürmten die Kassenhäuschen, fast alle gingen leer aus.

Trotz aller Euphorie: Längst nicht alle Fußballfans auf Zypern freuen sich mit der Überraschungsmannschaft. Im türkischen Norden der geteilten Insel ist kein Verein so verhasst wie Apoel. Als türkische Truppen 1974 Nordzypern besetzten, schlossen sich viele Apoel-Anhänger dem griechisch-nationalistischen Widerstand an. 1986 bekam der Verein im Europapokal Besiktas Istanbul zugelost. Die Zyprer weigerten sich, gegen die Türken anzutreten. Apoel wurde von der Uefa deswegen für zwei Jahre gesperrt.

Aber auch im Süden hat Apoel viele Feinde. Die Fans des Lokalrivalen Omonia Nikosia sehen sich selbst als politisch links und geraten regelmäßig mit den rechten Apoel-Fans aneinander. Erst am vergangenen Freitag kam es am Rande des großen Stadtderbys wieder zu schweren Ausschreitungen. "Ich könnte mich nie im Leben über einen Apoel-Sieg freuen", sagt Taxifahrer und Omonia-Anhänger Stavros Georgiou. "Da bin ich dann doch lieber für Real Madrid."

Ob sympathisch oder nicht, die Underdogs von Apoel Nikosia haben mit ihrem Viertelfinaleinzug Fans und Experten auf der ganzen Welt beeindruckt. Unsterblich machten sie sich jedoch nicht - denn Real gewann trotz einiger Probleme im Hinspiel letztlich souverän 3:0. Das Rückspiel am 4. April (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) dürfte nicht viel mehr als eine großartiger Abschied von der Champions League für Fans und Spieler werden.

Ein kleines Hotel im Zentrum der zyprischen Hauptstadt verschenkte am Montag bereits Apoel-Fanartikel an seine Gäste. Jeder, der mit einem Apoel-Schal das Spiel am Fernseher der Hotelbar verfolgt, darf umsonst trinken. In Nikosia wird es trotz der Niederlage eine lange Nacht geworden sein.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. !
manuelbaghorn 27.03.2012
Apoel wird gegen Real Madrid natürlich untergehen. Das ist so sicher wie das 'Amen' in einer spanischen Kirche... Nichtsdestotrotz kann Apoel mit einer kampfstarken Leistung sicherlich den Madrilenen zumindest in der ersten Spielhälfte das Leben ein wenig schwer machen....
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik WM-News
RSS
alles zum Thema Champions League
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 1 Kommentar
Tabellen