Aus Nikosia berichtet Simon Riesche
Spätestens beim nächtlichen Gang durch die Katakomben ihres Stadions dürften die Spieler des zyprischen Clubs Apoel Nikosia begriffen haben, dass ihre atemberaubende Reise durch die Königsklasse des europäischen Fußballs nun bald zu Ende ist. Während sich die internationale Presse auf die siegreichen Superstars aus Madrid stürzte, huschten die Spieler der Heimmannschaft nahezu unbemerkt in Richtung Ausgang.
Zuvor hatten sie gemauert, gegrätscht und aufopferungsvoll gekämpft. Knapp 75 Minuten hielt Apoels Abwehrriegel, dann offenbarte sich die Klasse der bis dahin so enttäuschend aufspielenden Gäste aus Madrid. Drei Tore in einer Viertelstunde - Karim Benzema und Kaká zeigten dem kleinen Inselclub seine Grenzen auf. Am Ende hatte Real 3:0 (0:0) gesiegt. Fast schon prophetisch klingen da die Worte, die Apoel-Präsident Phivos Erotokritou schon vor dem Spiel gesagt hatte: "Jeder Traum muss irgendwann mal zu Ende gehen, so ist das Leben."
Trotz der bitteren Niederlage: Auf Zypern werden sie wohl noch ihren Enkelkindern von diesem Abend erzählen. 23.000 euphorische Zuschauer hatten das kleine Hauptstadtstadion vom Anpfiff an mit lauten Gesängen in einen Hexenkessel verwandelt. Am Ende waren sie zwar alle über das Ergebnis enttäuscht, jubelten ihren Spielern aber trotzdem noch lange zu. "Unser Team hat Unglaubliches geleistet, wir sind sehr stolz", sagte ein Fan, der seinen müden Sohn auf dem Arm zum Auto tragen musste. Normalerweise dürfe sein Kind ja nicht so lange aufbleiben, sagte der Vater, "aber es war eben ein besonderer Tag."
Selbst José Mourinho zollt Nikosia Respekt
Nie zuvor hatte es eine Mannschaft aus Zypern ins Viertelfinale der Champions League geschafft. Während Clubs wie Manchester United oder Inter Mailand frühzeitig die Segel streichen mussten, kämpfte sich der Verein von der Mittelmeerinsel bis unter die letzten Acht des Wettbewerbs vor. Und das alles mit einem Kader, der weniger gekostet hat als der vieler deutscher Zweitligateams.
Apoel hat gezeigt: Auch ohne großes Geld kann man im europäischen Fußball Erfolge feiern. Trainer Ivan Jovanovic hat aus international ausrangierten B-Profis eine schlagkräftige Mannschaft geformt, die vor allem zwei Sachen kann: Taktisch diszipliniert spielen und gut verteidigen. Real-Coach José Mourinho zollte der Arbeit seines Kollegen dann nach dem Schlusspfiff auch jede Menge Respekt. Natürlich habe Apoel "nicht die individuellen Fähigkeiten anderer Teams in der Champions League, doch ihre Organisation und ihr Charakter sind phantastisch."
In seiner Heimat wird das arme Apoel ironischerweise jetzt zum reichen Ligakrösus. Mit den Prämien aus der Champions League könnte der amtierende Meister die zyprische Liga auf Jahre dominieren, fürchtet die Konkurrenz. "Wenn die schlau sind, stecken sie das Geld in eine bessere Jugendabteilung", sagte ein Anhänger auf der Fahrt zurück in die Innenstadt. Große Zukunftsperspektiven hat der derzeitige Kader kaum. Viele der Spieler sind älter als 30, schon bald dürfte die Mannschaft ihren Zenit überschritten haben.
Erst die große Fußballbühne, dann ein Geisterspiel
Im Rückspiel in Madrid wollen die Spieler am kommenden Mittwoch (20.45 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) noch einmal alles geben, um sich achtbar aus ihrem Champions-League-Abenteuer zu verabschieden. Im Bernabéu-Stadion fällt für das kleine Apoel dann wohl vorerst der Vorhang der großen Fußballbühne. Ob der Verein kommendes Jahr überhaupt wieder in der Champions League antreten kann, ist ungewiss.
Am Samstag trifft Apoel in den Playoffs um die zyprische Meisterschaft auf den ewigen Lokalrivalen Omonia. Da es bei diesem Spiel zuletzt zu Fanausschreitungen kam, muss die Partie vor leeren Rängen ausgetragen werden. Erst ausverkauftes Haus gegen Real Madrid, dann Geisterspiel gegen Omonia Nikosia: Größer könnte der Kontrast wohl kaum sein. Der Alltag hat Apoel wieder.
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