Argentinien-Eklat Fifa sperrt Frings fürs Halbfinale

Schock für Jürgen Klinsmann: Der Bundestrainer muss im Halbfinale auf Torsten Frings verzichten. Die Fifa wertete die Handgreiflichkeit des Bremers nach dem Spiel gegen Argentinien als Tätlichkeit und sperrte ihn für eine Partie.


Berlin - Mit der Bestrafung des 29-Jährigen wurde erstmals bei einer WM ein Spieler auf Grund des Video-Beweises gesperrt. Frings, der auch 5000 Schweizer Franken Strafe zahlen muss, spielt zudem ein halbes Jahr auf Bewährung und müsste bei einer weiteren Verfehlung erneut einmal aussetzen. Für das Finale oder ein mögliches Spiel um den dritten Platz ist der Mittelfeldspieler aber wieder einsetzbar. Die Fifa-Entscheidung ist rechtskräftig und nicht anfechtbar.

"Wir finden es natürlich schade, dass etwas aufgerollt wurde, was zum einen abgeschlossen war. Und was zum anderen allein von den Argentiniern ausging. Wir waren nur die Reagierenden", erklärte Bundestrainer Jürgen Klinsmann zu den überraschenden und weit reichenden Nachwirkungen der Tumulte im Anschluss an das Viertelfinale Deutschland gegen Argentinien (4:2 i.E.). Kapitän Michael Ballack äußerte wenig Verständnis für die Vorgehensweise der Fifa, die "eine abgeschlossene Sache noch einmal auf den Tisch bringt."

Die Fifa-Kommission entschied aufgrund der Fernsehbilder, die der italienische Pay-TV-Sender Sky gestern erstmals ausstrahlte, dass Frings nach dem Viertelfinal-Spiel eine Tätlichkeit gegen den Südamerikaner Julio Cruz begangen haben soll. Auf den Bildern ist eine Faust zu sehen, die das Kinn des Argentiniers touchiert.

Frings' Part im defensiven Mittelfeld gegen Italien morgen (21 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wird somit aller Voraussicht nach Tim Borowski übernehmen. "Die Mannschaft wird jetzt Flügel bekommen, dass Torsten Frings zu seinem Endspiel kommt. Es wird ein großer Ansporn sein für Trainer und Mannschaft", sagte der Geschäftsführende DFB-Chef Theo Zwanziger.

Frings hatte die Vorwürfe vehement zurückgewiesen: "Ich habe nichts gemacht", sagte er im Gespräch mit der "Kreiszeitung Syke". "Ich habe mich in einem Pulk befunden, in dem alle wild um sich geschlagen haben. Als ich selber zwei Schläge abbekommen habe, habe ich zu meinem Schutz die Hände nach vorne gestreckt, mehr war nicht."

Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff war von der Entscheidung der Fifa enttäuscht. "Wir waren der Meinung, dass wir eine schlüssige Begründung für einen Freispruch vorgelegt haben", sagte Bierhoff: "Die Bilder haben bewiesen, dass der Schiedsrichter und die beiden Assistenten direkt in der Nähe von Frings gestanden haben. Deshalb war es aus unserer Sicht eine Tatsachenentscheidung."

Selbst der angeblich betroffene Spieler hatte Frings entlastet: "Ich habe keinen Faustschlag bekommen, zumindest habe ich nichts gespürt", hatte Cruz bereits gestern klargestellt. Der italienische Fußballverband (FIGC) habe nach eigenen Angaben keinerlei Ermittlungen gegen Frings gefordert. Auch sei kein Druck auf den Weltfußballverband ausgeübt worden, hieß es am Vormittag aus dem italienischen Quartier in Duisburg.

Auch im italienischen Team herrschte Zurückhaltung. Lediglich Mittelfeldspieler Gennaro Gattuso verwies darauf, dass die Uefa Francesco Totti bei der EM 2004 in Portugal nachträglich anhand des TV-Beweises gesperrt habe. Der Spielmacher vom AS Rom hatte seinen dänischen Gegenspieler Christian Poulsen angespuckt. Ein Fernsehsender hatte die Aufnahmen nach dem Spiel veröffentlicht, Totti wurde für drei Spiele gesperrt.

mig/pav/sid/dpa



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