Argentinien vor dem WM-Aus Das Endspiel einer Generation

Das 0:3-Debakel gegen Kroatien wirkt nach: Vor dem Spiel gegen Nigeria mischen sich Argentiniens Spieler in die Aufstellung ein. Die "Historischen" sollen das Achtelfinale sichern.

Lionel Messi
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Lionel Messi

Von , Mexiko-Stadt


Am Montag war Generalstreik in Argentinien. Kein Geschäft öffnete, kein Bus fuhr. Es war bereits der dritte landesweite Ausstand in der Amtszeit von Präsident Mauricio Macri, mit dem der Gewerkschaftsdachverband CGT gegen die Wirtschaftspolitik des Staatschefs protestiert.

Es drängt sich der Vergleich mit einem anderen Thema auf, das die Argentinier in diesen Tagen noch mehr beschäftigt als die katastrophale Finanz- und Wirtschaftslage ihres Landes: Der Auftritt der himmelblau-weißen Fußball-Auswahl in Russland und die Klatsche gegen Kroatien, die ja selbst Diego Maradona zu Tränen der Verzweiflung rührte. "Jedes Gegentor ein Erdbeben", sagt der argentinische Journalist Luciano Olivero und drückt damit auch die Stimmung in der Russland-Reisegruppe des Vizeweltmeisters aus.

In dieser war im Anschluss ans 0:3-Debakel gegen die Kroaten angeblich auch die Rede von einer Art Generalstreik - der Spieler gegen ihren Trainer Jorge Sampaoli, der sichtlich überfordert wirkte am Spielfeldrand. Auch bei der Beantwortung der Frage, wie man das Ausscheiden aus der WM im Spiel gegen Nigeria (20 Uhr, Liveticker: SPIEGEL ONLINE) in der Vorrunde noch vermeiden kann. Und vor allem mit Superstar Lionel Messi ist die Kommunikation gestört.

Der 58 Jahre alte Coach schickt dem Kapitän offenbar nur noch WhatsApp-Nachrichten, die dieser dann nicht mal beantwortet. Die Spieler selbst haben die Streikgerüchte später als Missverständnisse bezeichnet. Der Chef des Fußball-Verbands Afa, Claudio Tapia, erklärte das Gerede um Revolte und Streik am Sonntag für beendet: "Vieles, das geschrieben wurde, ist gelogen. Sampaoli bleibt."

Jedenfalls bis zum Ende der WM, möchte man Señor Tapia ergänzen. Denn der 58-jährige Coach, seit gut einem Jahr im Amt, ahnt längst, dass er gehen muss, wenn diese WM vorbei ist, vielleicht ja schon am Dienstag, falls die Nigerianer im letzten Gruppenspiel in St. Petersburg nicht besiegt werden.

Kritiker werfen Sampaoli vor, er könne nur Underdogteams trainieren. Aber gute und dominante Mannschaften zu coachen, wie die argentinische eigentlich eine ist, dafür fehlten ihm Ideen. "Sampaoli ist kapriziös, beratungsresistent, hat Messi zu oft alleine gelassen und zu viele verschiedene Systeme ausprobiert", sagt Luciano Olivero. Aber Argentinien habe in vier Jahren auch drei Trainer verschlissen. "Da kann es ja keine Kontinuität und keine Spielidee geben." Nach der WM, so der Experte, müsse sich der argentinische Fußball ohnehin neu erfinden.

Im Spiel gegen Nigeria sollen es noch einmal die "Historischen" richten. Die Aufstellung ist - sagen wir mal - eine Gemeinschaftsarbeit von Sampaoli und dem Team. Messi hat sich durchgesetzt. Argentinien wird wieder im 4-4-2-System antreten und nicht wie gegen Kroatien im 3-4-3, als der Superstar komplett unterging. Im Tor kommt Franco Armani von River Plate Buenos Aires mit 31 Jahren zu seinem ersten Länderspiel und löst den glücklosen Willy Caballero ab. Davor verteidigt wieder Marcos Rojo von Manchester United, im defensiven Mittelfeld sichert Ever Banega vom FC Sevilla seinen Kumpel Messi ab. Und vorne unterstützen ihn Ángel Di María (PSG) und Gonzalo Higuaín von Juventus Turin.

Die Spieler hätten dem Trainer die Aufstellung nahe gebracht, schrieb die Tageszeitung "Clarín" am Montag. "Sie haben das Gefühl, Sampaoli ist verwirrt, hat den Fokus verloren und ist beim Aussuchen seiner Startelf verunsichert."

Bei der obligatorischen Pressekonferenz vor dem Spiel sagte der Trainer diplomatisch: "Ich bin überzeugt, dass wir eine neue Geschichte mit dieser Auswahl schreiben. Wir haben viele Argumente dafür." Die Frage bleibt nur: Wird es eine Geschichte des historischen Scheiterns oder die einer wundersamen Wiederauferstehung.

Daheim am Südzipfel Südamerikas schwanken die Argentinier derweil wie so oft zwischen Allmacht und Ohnmacht, noch immer geschüttelt von den Folgen dieser Urgewalt, die das 0:3 am Donnerstag ausgelöst hat. Die Weltmeister Jorge Valdano, Oscar Ruggeri und natürlich Maradona ließen sich mit Tipps an Trainer und Team vernehmen, mit der Autorität derer, die schon mal den Weltpokal in die Höhe gestemmt haben. Damals vor 32 Jahren in Mexiko.

In den sozialen Netzwerken wurde unterdessen gewütet, Mannschaft und Coach zum Teufel gejagt. Mit Schadenfreunde wurde gefragt, wie man gegen Island nicht gewinnen konnte, das weniger Einwohner hat als ein Vorort von Buenos Aires und wie man gegen ein Team unterliegen könne, dessen Trikot aussieht wie eine Tischdecke. Und jetzt kommen die Nigerianer.

Deren zwei Tore gegen Island übrigens wurden am Freitag in Buenos Aires, Cordoba und Mendoza genau so laut bejubelt wie gewöhnlich die der eigenen himmelblau-weißen Auswahl. Anschließend standen auf den Anzeigetafeln des Landes nur zwei Worte: "Gracias Nigeria."

Heute ist zwar kein Generalstreik mehr. Aber es wird sich im ganzen Land so anfühlen, auch wenn Geschäfte öffnen und Busse wieder fahren. Aber am Nachmittag in Buenos Aires, wenn Anstoß im fernen Russland ist, hält ganz Argentinien für 90 Minuten plus Nachspielzeit die Luft an. Denn im Land der schwermütigen Tangoliebhaber gilt wie nirgends auf der Welt die Weisheit von Bill Shankly, dem historischen Trainer des FC Liverpool. "Fußball ist keine Frage von Leben und Tod. Es ist wesentlich ernster."



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