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Argentiniens Trainer Maradona: Götterdämmerung für den Überirdischen

Von Hendrik Baumann

Argentiniens katastrophale Niederlage gegen Deutschland könnte das Ende eines gewagten Experiments bedeuten: Diego Maradona, Idol des argentinischen Fußballs, ist in Südafrika gescheitert. Nun steht nicht nur seine Zukunft als Nationaltrainer auf dem Spiel.

AP

Manchmal ist es vielleicht besser, wenn Wünsche nicht in Erfüllung gehen. Diego Maradona, Fußball-Legende, Weltmeister und Trainer der argentinischen Nationalelf, hatte nach dem 3:1-Sieg seiner Mannschaft im Achtelfinale gegen Mexiko mit Blick auf den Gegner im kommenden Viertelfinale gesagt: "Wenn ich einen Wunsch für Samstag frei hätte, dann würde ich mir wünschen, gegen Deutschland als Spieler dabei zu sein."

Es darf bezweifelt werden, dass Maradona während der Partie gegen die DFB-Elf diesen Traum noch immer hegte. Aber auch als Verantwortlicher an der Seitenlinie war er Teil des wohl größten Albtraums in der WM-Geschichte Argentiniens: 0:4 gegen Deutschland, so hoch hatten die Südamerikaner seit dem 0:4 in der Finalrunde 1974 gegen die Niederlande nicht verloren.

Alles andere als ein Sieg gegen die DFB-Auswahl, die man in der WM-Vorbeitung beim 1:0 in München noch streckenweise vorgeführt hatte, erschien im Land des zweimaligen Weltmeisters ausgeschlossen. "Ich weiß, dass wir besser sind. Wir werden sie in ihrer Hälfte attackieren und gewinnen", hatte Maradona vor dem Aufeinandertreffen getönt. Und dann das. Fassungslos und unter Tränen schleppte sich Maradona in die Katakomben des Green-Point-Stadions in Kapstadt.

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Die Demontage durch eine übermächtige deutsche Elf bedeutet nicht nur das Aus für Superstar Lionel Messi und eine ambitionierte Mannschaft, die sich nach größtenteils überzeugenden Vorstellungen in der Vorrunde als auch im Achtelfinale gegen Mexiko bei vielen Beobachtern den Status des WM-Favoriten Nummer eins erworben hatte. Das Debakel könnte auch das Ende eines ungewöhnlichen Experiments markieren.

"Das Team entflammt die Herzen der Fans"

Am 28. Oktober 2008 nahm dieses gewagte Projekt seinen Anfang. Argentiniens Fußball-Verband stellte Diego Armando Maradona als neuen Nationaltrainer vor. Maradona. Der größe Fußballer in der Geschichte Argentiniens und bis heute einer der besten Spieler überhaupt. Nationalheld und Liebling der Massen. Gott und "Hand Gottes" in einer Person. Aber eben auch der Maradona, der zum Ende seiner Spielerkarriere nur noch durch Drogeneskapaden und Übergewicht von sich reden machte.

Die Berufung des Idols rief zunächst nur wenig Begeisterung im Land hervor. In einer Umfrage der Tageszeitung "Clarin" sprachen sich damals drei Viertel der Befragten gegen Maradona aus. Weniger aufgrund seiner Skandale, sondern schlichtweg, weil er als Fußball-Lehrer so gut wie keine Erfahrung vorzuweisen hatte. Maradona schien die Vorurteile zu bestätigen. Etwa, indem er verletzte Spieler nominierte. Oder indem er sie ein- und kurz danach wieder auslud. Im Verlauf der WM-Qualifikation berief Maradona mehr als 100 Spieler ins Team. Die Mission schien auf ein Chaos zuzusteuern.

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Doch die Stimmung änderte sich schnell, als die miserabel in die Qualifikation gestarteten Argentinier mit Maradona an der Seitenlinie doch noch Kurs Richtung Südafrika nahmen. Plötzlich war Maradona der Messias. "Das Team entflammt wieder die Herzen der Fans", schrieb "Clarin" nach einem 4:0 über Venezuela im März 2009. Doch Maradona hatte die Skepsis und Kritik der Presse nicht vergessen. Nach einem 1:0-Sieg in Uruguay im Oktober 2009, der die Teilnahme am Turnier in Südafrika endgültig sicherte, polterte er los und beleidigte die versammelte Journalistenschar, woraufhin ihn die Fifa für zwei Monate sperrte. Im März dieses Jahres durfte er erstmals wieder auf der Bank Platz nehmen - beim 1:0 gegen Deutschland.

Der Motivator Maradona hat versagt

Der souveräne Start in die WM beflügelte die Hoffnungen, Maradona würde nach Brasiliens Mario Zagallo und Franz Beckenbauer zum dritten Fußballer überhaupt werden, der sowohl als Spieler und Trainer den WM-Titel gewinnt. Wobei sich selbst argentinische Berichterstatter nicht sicher waren, welcher Anteil an dem Erfolg tatsächlich Maradona zuzuschreiben ist. Der Verband hatte ihm bei seiner Berufung den erfahrenen Coach Carlos Bilardo als Teamchef zur Seite gestellt. Maradona gibt den Motivations-Guru, Bilardo den Arbeiter und Taktiker - Vergleiche zum Duo Klinsmann/Löw drängten sich da geradezu auf.

Mit dem Unterschied, dass für das deutsche Projekt 2006 immerhin der dritte Platz heraussprang. Maradonas Vertrag ist bis zum Ende der WM befristet - ein klares Signal, dass der Verband eine Zukunft des Trainers vom Abschneiden in Südafrika abhängig machen wollte.

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Nun kommt es darauf an, welches Argentinien die Funktionäre als Bewertungsgrundlage nehmen. Die Mannschaft, die souverän bis ins Viertelfinale vordrang - oder das Team, das sich von Deutschland vorführen ließ. Zwar ist Maradona bei den Spielern beliebt. Doch nicht nur das Ergebnis, vor allem die Art und Weise des Ausscheidens droht ihm nun zum Verhängnis zu werden. Gegen Deutschland stimmte vor allem die Einstellung nicht - ein Armutszeugnis für den Motivator, dessen Schlagabtausch mit Bastian Schweinsteiger im Vorfeld des Duells offenbar wirkungslos verpuffte.

Maradona gibt vor, sein Schicksal in der eigenen Hand zu haben: "Das ist die härteste Niederlage meines Lebens. Aber ich habe mir noch keine Gedanken darüber gemacht, als Nationaltrainer aufzuhören", sagte er nach dem Aus gegen Deutschland, "ich muss erst mit meiner Familie und den Spielern sprechen". 2006 war Maradonas Vor-Vorgänger José Pekerman direkt nach der Viertelfinal-Niederlage gegen Deutschland zurückgetreten. Wenn Maradona scheitern sollte, hatte sein früherer Nationalmannschaftskollege José Basualdo gesagt, "wäre er nur als Trainer verbrannt". Was er meinte: Sein Ruf als Volksheld bliebe unbeschädigt. Die spannende Frage ist, ob das bei einem Verbleib Maradonas auf dem Trainerstuhl noch immer gelten würde.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 54 Beiträge
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1. Maradona
Haio Forler 03.07.2010
Genau wie Klinsmann ist er halt kein Trainer, sondern nur Motivator. Trainer wird man nicht über Nacht. Es gibt Ausnahmen, Naturtalente, unbestritten. Aber es greift halt die solide und altbekannte Regel, dass man Erfahrunge braucht - in jedem Job. Zur Erfahrung zählt auch, sich nicht so aufplusternd zu präsentieren (> Maradona), Dinge nicht emotional schön zu quatschen (>K Klinsmann). Der Schuss geht nach hinten los. Oft. Wir alle hier können auch wie Klinsmann Schwächen einer Mannschaft erkennen. Wir können das auch so nett rüberbringen wie Klinsmann. Wir können das auch so emotional rüberbringen wie Klinsmann. Nur: können wir es auch *umsetzen*? Wohl kaum (auch Klinsmann nicht) - alles will erlernt sein. Maradona ist jemand, der geliebt werden will, das ist sein Manko. Da ist er wie Daum. Selbstverliebt, theatralisch und überzogen. Wobei Daum der wesentlich bessere Trainer dabei ist.
2. Was war katastrophal?
DoktorMS, 04.07.2010
Ein Trainer, der seine Spieler liebt und trotzdem unglücklich verloren hat, ist nicht gescheitert. Das Spiel hätte locker auch ganz anders ausgehen können. Nach einem 1:1 hätte ich die Argentinier klar vorne gesehen. Hier wird - wie so oft - das Endergebnis wichtiger genommen als der Spielverlauf. Als ob es bei einem KO-System auf das Endergebnis ankommt. Schon traurig, wer sich mittlerweile berufen fühlt, Fussballkommentare abzugeben. Die WM läuft merkwürdig. Bei korrektem Verlauf wäre Brasilien Weltmeister geworden. Sie hätten es verdient gehabt. Jetzt wird wohl Deutschland Weltmeister. Nicht unverdient, aber mit Sicherheit nicht die beste Mannschaft der Welt. Die Ergebnisse suggerieren nur eine Übermacht, die Spiele - bis auf Australien - hätten locker anders ausgehen können. Schön für die FIFA, denn in Deutschland lässt sich weitaus mehr Geld machen als in jedem anderen Land. Trikots und Bälle kosten in der Herstellung keine 5 Euro, werden aber hunderttausendfach für 70 Euro und mehr verkauft. Wen interessiert da noch die Leistung?
3. .
barlog 04.07.2010
Auch ich fand es ohne Einschränkung phantastisch, was die deutsche Mannschaft im Spiel gegen die argentinische Auswahl zeigte. Aber, mit Verlaub, zu sehen, wie der kleine "Fußballgott" Diego Maradona zunehmend am Spielfeldrand zusammenrutschte, tat mir ehrlich leid. Jeder, der jemals eine Sache so leidenschaftlich betrieben hat wie Maradona den Fussballsport, wird das ähnlich sehen. Nicht gerade stilvoll, ihn dann flugs in diesem Artikel möglichst vollständig demontieren zu wollen, ihm sein Übergewicht vorzuwerfen, eine, den Geknickten genüßlich von allen Seiten zeigende Fotoserie nachzuschieben, etwas von einem "Schlagabtausch mit Bastian Schweinsteiger im Vorfeld des Duells" zu kritzeln, der "offenbar wirkungslos verpuffte". Gerade in dieser Angelegenheit hat sich der nun Bespöttelte offenbar gerade nicht unsachlich gezeigt. Daß er im Herbst vorigen Jahres bei (selbstverständlich im Artikel erwähnter) Pressekonferenz ausgeflippt ist, mag gewiss damit zusammenhängen, daß vor ihm einfach mal zu viele Typen von der Sorte saßen, die hier gerade hämische Nachrufe auf ihn schreiben.
4. Überirdisch?
bse-asyl 04.07.2010
Maradona ist nicht überirdisch, er ist eher Arrogant und selbst verliebt. Das habt ihr wirklich gut gemacht, herzlichen Glückwunsch Deutschland!
5. jetzt
mm01 04.07.2010
weiss Maradona wenigstens wer "Müller" ist....
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Die höchsten WM-Siege
Ergebnis Spiel WM
10:1 Ungarn - El Salvador 1982
9:0 Ungarn - Südkorea 1954
9:0 Jugoslawien - Zaire 1974
8:0 Schweden - Kuba 1938
8:0 Uruguay - Bolivien 1950
8:0 Deutschland - Saudi-Arabien 2002
7:0 Türkei - Südkorea 1954
7:0 Uruguay - Schottland 1954
7:0 Polen - Haiti 1974
7:0 Portugal - Nordkorea 2010


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