Arsenal-Pleite in Mailand Es war einmal die beste Liga der Welt

Das Champions-League-Debakel des FC Arsenal in Mailand ist symbolisch für die Vorstellung, die der englische Fußball in dieser Saison abliefert. Der Premier League droht die totale Pleite in der Königsklasse. Dagegen hat sich der AC Mailand zu einem der Top-Favoriten aufgeschwungen.

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Dieser Mann hat einen besseren Abschied verdient. Es war der letzte Auftritt des großen Thierry Henry im Trikot des FC Arsenal - und es wurde eine fürchterliche Niederlage. 4:0 hat der AC Mailand das Team aus London im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League pulverisiert. Kein Resultat, nach dem man einfach so gehen kann. Aber Henry steht bei seinem eigentlichen Club Red Bull New York, zu dem er zurückkehren muss, im Wort. Der sechswöchige Teilzeitaufenthalt bei seinem alten Londoner Verein ist zu Ende - und die Champions-League-Träume des FC Arsenal sind an diesem Abend gleich mit beerdigt worden.

"Das war schockierend. Wir waren katastrophal", sagte der fassungslose Arsenal-Trainer Arsène Wenger anschließend. Der Auftritt seines Teams im Mailänder San-Siro-Stadion hätte dabei nicht symbolischer ausfallen können. Die Klatsche, die teilweise entfesselnd spielende Mailänder den Gästen verpassten, ist Sinnbild für die Bilanz der englischen Premier League in diesem Jahr in der Königsklasse.

Die beiden Manchester-Clubs United und City, die die Liga beherrschen, mussten schon nach der Gruppenphase in die Europa League absteigen. Arsenal, das ohne den verletzten Per Mertesacker anzutreten hatte, wird sich - wie so oft - im Achtelfinale verabschieden. Es bleibt als englischer Hoffnungsträger ausgerechnet der FC Chelsea übrig, in der Liga zuletzt extrem schwächelnd. Die Mannschaft hat mit dem SSC Neapel allerdings einen äußerst schwierigen Achtelfinal-Gegner zugelost bekommen. Wie gefährlich die Italiener sind, hat der FC Bayern in der Gruppenphase zu spüren bekommen. Ein Ausscheiden Chelseas ist absolut möglich.

Andere Ligen haben längst aufgeholt

Man stelle sich vor: Ein Champions-League-Viertelfinale ohne Beteiligung der Liga, die jahrelang unwidersprochen als die beste der Welt galt. Und das wirklich bemerkenswerte dran ist: Es ist noch nicht einmal eine Sensation. Die Premier League hat sich jahrelang im Glanz ihrer Erfolge gesonnt, sie hat sich im Wissen um die unglaublichen finanziellen Ressourcen ihrer Großinvestoren ausgeruht. Heimlich still und leise haben andere Ligen aufgeholt, spielen mittlerweile den moderneren, taktisch klügeren Fußball. Deutschland, Spanien, Italien. Sie scheinen so weit zu sein, zum Überholen anzusetzen.

Der AC Mailand ist ein gutes Beispiel. Ein Verein, der auf dem Wege war, der Club der alten, abgehalfterten Männer zu werden. Das fing bei dem Präsidenten, Ex-Regierungschef Silvio Berlusconi, an. Das ging weiter bei den Spielern, Schlachtrösser des Fußballs, Gennaro Gattuso, Andrea Pirlo und wie sie alle hießen.

Selbst Ronaldinho machte auf dem Weg abwärts vom weltbesten Fußballer zum Tingeltangel-Kicker in Mailand Station. Das ist Vergangenheit: Ronaldinho ist jetzt wieder in Brasilien, Pirlo kickt beim Ligakonkurrenten Juventus Turin, und Gattuso sitzt auf der Ersatzbank. Nur Berlusconi ist immer noch da.

Problem-Profi Boateng in Mailand zum Führungsspieler gereift

Milan hat sich neu erfunden. Am Mittwochabend präsentierte sich ein williges, leidenschaftliches, wütendes Team, angeführt von dem Allerwilligsten, Allerleidenschaftlichsten und Allerwütendsten. Kevin-Prince Boateng war zuvor vier Wochen verletzt ausgefallen. Seine Rückkehr auf den Platz war ein Triumphzug. Er rammte den Ball zum Führungstor ins Londoner Gehäuse, er pflügte den Platz um und war bis zu seiner Auswechslung der auffälligste Spieler auf dem Feld. Bei Hertha BSC müssen ihnen noch einmal die Augen dabei getränt haben zu sehen, was aus ihrem schwer erziehbaren Talent geworden ist. Die Führungsfigur eines europäischen Top-Vereins, ein Favorit auf den Gewinn der Champions League.

Der italienische Meister ist ein Ensemble schwieriger Typen: Boateng agiert im Mittelfeld neben Mark van Bommel, dem einstigen Aggressive Leader des FC Bayern. Vorne stürmt der unberechenbare Zlatan Ibrahimovic, in der Meisterschaft derzeit gesperrt, weil er seinen Gegenspieler geohrfeigt hatte. Sein etatmäßiger Sturmpartner Antonio Cassano, der sich selbst als irre bezeichnet, fällt allerdings nach einer Herzoperation noch monatelang aus.

Wer solche Spieler in den Reihen hat, braucht einen Trainer mit dem Talent zum Ausgleichen. Massimiliano Allegri ist so jemand. Kein Trainerstar wie die früheren Coaches Arrigo Sacchi und Fabio Capello, keine Milan-Ikone wie die Vorgänger Carlo Ancelotti und Leonardo - Allegri ist ein nüchterner, besonnener Typ. Ein ähnlicher Charakter wie der elegante und kluge Nationaltrainer Cesare Prandelli. Italien hat wieder echte Trainerpersönlichkeiten, die nicht nur von ihrem vergangenen Ruf leben.

Neben Milan und Neapel hat die Serie A mit Inter Mailand, das gegen Olympique Marseille anzutreten hat, noch einen dritten Club im Wettbewerb. In England kann da regelrecht Neid aufkommen. Auf der Insel haben sie echte Sorgen. Nicht nur, dass in der Champions League die totale Pleite droht. Vier Monate vor Beginn der Europameisterschaft hat der englische Fußball nicht einmal einen Nationaltrainer.

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Seite 1
stscon 16.02.2012
1.
Zitat von sysopAPDas Champions-League-Debakel des FC Arsenal in Mailand ist symbolisch für die Vorstellung, die der englische Fußball in dieser Saison abliefert. Der Premier League droht die totale Pleite in der Königsklasse. Dagegen hat sich der AC Mailand zu einem der Top-Favoriten aufgeschwungen. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,815615,00.html
Zutreffende Zustandsbeschreibung, aber auf die deutsche Liga zu verweisen, die angeblich alles besser macht? Dortmund kläglich raus (und das sage ich als BVB-Fan) Leverkusen so gut wie raus ... Bayern schlecht in die Rückrunde gestartet (die letzten 2 Siege können nicht darüberhinwegtäuschen) wird es eventuell schwer gegen Basel habe
mycon 16.02.2012
2. .
Zitat von stsconZutreffende Zustandsbeschreibung, aber auf die deutsche Liga zu verweisen, die angeblich alles besser macht? Dortmund kläglich raus (und das sage ich als BVB-Fan) Leverkusen so gut wie raus ... Bayern schlecht in die Rückrunde gestartet (die letzten 2 Siege können nicht darüberhinwegtäuschen) wird es eventuell schwer gegen Basel habe
Man muss sich einfach daran gewöhnen dass bei SPON immer irgendein kurzfristiger Trend aufgegriffen wird und zur neuen Weisheit und wegweisenden Entwicklung erhoben wird. Ist natürlich generell eine Krankheit des Sportjournalismus, vielleicht auch des Journalismus generell. Bayern wurde in dieser Saison hier ja auch schon zum souveränen Meister erklärt (auf Jahre hinaus unschlagbar!). Wenn der BVB mal mehr als drei Punkte Vorsprung hat können Sie Gift drauf nehmen, dass dann deren Dauerdominanz in diesem Jahrzehnt beschworen wird.
Ostwestfale 16.02.2012
3. polemisch
Zitat von sysopAPDas Champions-League-Debakel des FC Arsenal in Mailand ist symbolisch für die Vorstellung, die der englische Fußball in dieser Saison abliefert. Der Premier League droht die totale Pleite in der Königsklasse. Dagegen hat sich der AC Mailand zu einem der Top-Favoriten aufgeschwungen. http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,815615,00.html
Ich finde den Artikel ziemlich polemisch.Diese Saison ist ein Aussseter der PL, was die Geschlossenheit angeht konnte kein Land in den letzten fünf Jahren auch nur annähernd mit England mithalten.Und das Arsenal ständig im Achtelifnale rausgeflogen ist stimmt auch nicht.Sie sind letzte Saison im Achtelfinale rausgeflogen und in dieser Saison auch.Letztes Jahr übrigens gegen Barca.Welcher Bundesligist wäre da nicht auch gescheitert.Zuvor waren die Gunners Stammgast im Viertelfinale Und die Primera Division ist in den letzten jahren zur absoluten Witz-Liga verkokommen.Sie besteht nur noch aus Barca und Real und Real ist trotz Mega-Etat in sechs der letzten sieben Jahre im Achtelfinale gescheitert.Abgesehen von der letzten und dieser Saison bestand die Primera Division in den letzten fünf Jahren international nur aus Barca.Und die Serie A schwächelt insgesamt auch weiter.
seraphot 16.02.2012
4.
Zitat von myconMan muss sich einfach daran gewöhnen dass bei SPON immer irgendein kurzfristiger Trend aufgegriffen wird und zur neuen Weisheit und wegweisenden Entwicklung erhoben wird. Ist natürlich generell eine Krankheit des Sportjournalismus, vielleicht auch des Journalismus generell. Bayern wurde in dieser Saison hier ja auch schon zum souveränen Meister erklärt (auf Jahre hinaus unschlagbar!). Wenn der BVB mal mehr als drei Punkte Vorsprung hat können Sie Gift drauf nehmen, dass dann deren Dauerdominanz in diesem Jahrzehnt beschworen wird.
seraphot 16.02.2012
5.
Zitat von myconMan muss sich einfach daran gewöhnen dass bei SPON immer irgendein kurzfristiger Trend aufgegriffen wird und zur neuen Weisheit und wegweisenden Entwicklung erhoben wird. Ist natürlich generell eine Krankheit des Sportjournalismus, vielleicht auch des Journalismus generell. Bayern wurde in dieser Saison hier ja auch schon zum souveränen Meister erklärt (auf Jahre hinaus unschlagbar!). Wenn der BVB mal mehr als drei Punkte Vorsprung hat können Sie Gift drauf nehmen, dass dann deren Dauerdominanz in diesem Jahrzehnt beschworen wird.
Die italienische Seria A weiterentwickelt als die Premier League? Dazu muss man sich nur mal ein Spiel dieser Liga auf Sky ansehen. Mir kommt es dann immer so vor, als ob ich bei uns 2. Liga oder 3. Liga schaue. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber wie Miro Klose, den ich sehr schätze, vor kurzem noch 2 Treffer in den letzten Minuten erzielte, erinnerte mich mehr an Jugendfußball, wenn ein körperlich robusterer Spieler ohne Gegenwehr durch die gegnerische Abwehr spaziert und dann noch trifft. Umgekehrt sind nach wie vor die meisten Premier League Spiele im Schnitt spannender und ansehnlicher, schon allein wegen des generell höheren körperlichen Einsatzes der Partizipanten als die meisten Bundesligaspiele. Arsenal hatte einen rabenschwarzen Tag und hat mich überhaupt nicht an die Mannschaft erinnert, die ich in den letzten Wochen auf Sky gesehen habe.
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