Abschied von Arsenal-Trainer Wenger Der Vater der Fußball-Moderne

Am Anfang war er ein Nobody, dann ließ Arsène Wenger bei Arsenal Fußball spielen, der die Welt verzückte. Die Konkurrenz guckte sich vieles ab - nun sind die Kopien besser als das Original. Zeit zu gehen.

Arsène Wenger
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So einig sich Fußballfans auf aller Welt sein dürften, dass der Abschied von Arsène Wenger beim FC Arsenal das Ende einer Ära ist, so skeptisch war Wengers Antritt in London vor 22 Jahren beäugt worden: Er hatte keine nennenswerte Vergangenheit als Spieler und sah mit seiner Nickelbrille und dem schlabberigen Anzug eher aus wie ein Sacharbeiter des Kreisverwaltungsreferats als ein Meistertrainer.

"Fucking Arsène Wenger? Typisch Arsenal, dass sie den unbekannten Langweiler einstellen", quittierte Nick Hornby die Ankunft des 1,91-Meter-Mannes in London im September 1996 enttäuscht. Der "Fever Pitch"-Autor und Hardcore-Arsenal-Fan hatte sich Johann Cruyff als neuen Coach der Gunners gewünscht.

Wenger selbst gab später zu, dass der leicht angestaubte Traditionsklub aus Nord-London "a little bit crazy" gewesen sei, ausgerechnet ihn, den asketisch anmutenden Fußball-Kosmopolit aus dem elsässischen Dorf Duttlenheim, einzustellen. Der Arsenal-Vereinsführung war jedoch aufgefallen, dass Wenger zuvor bei AS Monaco und Nagoya Grampus Eight in Japan mit wunderschönem Kombinationsspiel reüssiert hatte.

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Arsène Wenger: Mal Gentleman, mal Rüpel

Es dauerte ein paar Wochen, bis die überwiegend aus abgekochten, skeptischen Briten bestehende Mannschaft um Kapitän Tony Adams mit dem ausländischen Nobody warm wurde. Wenger verbot seinen Spielern den Genuss von Schokoriegeln, schuf das rituelle Saufgelage an Dienstagabenden ab und ersetzte Steak und Pommes zum Mittagessen an Spieltagen durch Pasta.

Diese auf der Insel zum damaligen Zeitpunkt ungehört progressiven Maßnahmen verbesserten den körperlichen Zustand der Mannschaft ungemein, zudem verpflichtete Wenger für vergleichsweise wenig Geld angehende Superstars wie Patrick Vieira und Thierry Henry. Mit ihnen ließ sich im altehrwürdigen Highbury ein avantgardistischer, weil atemberaubend schneller und präziser Angriffsfußball verwirklichen. Im Verbund mit der von Vorgänger George Graham gedrillten Abwehrreihe verwandelten Wengers Flachpass-Künstler nicht nur Arsenal, das lange als Inbegriff von dröger 1:0-Taktik gegolten hatte, sondern gleich den gesamten englischen Fußball.

Das neue Stadion war Wengers Vermächtnis

Der sensationelle Double-Gewinn in der ersten kompletten Spielzeit 1997/1998 war der erste Triumph eines nichtbritischen Trainers in der englischen Meisterschaft und schuf eine gewinnbringende Symbiose aus urenglischem Tempo und kontinentaler Eleganz. Wengers Arsenal erwuchs Alex Fergusons Manchester United fast über Nacht zum großen Konkurrenten.

Die erbitterte Rivalität der Klubs faszinierte das Publikum weit über die Grenzen des Vereinigten Königreichs hinaus und befeuerte um die Jahrhundertwende den internationalen Siegeszug der Premier League. Nach einem weiteren Double (2001/2002) und der Meisterschaft mit den Invincibles, der 2003/2004 in der Liga unbesiegten Mannschaft mit Jens Lehmann im Tor, siedelte Arsenal 2006 ins neugebaute Emirates-Stadion über.

Der von regelmäßigen Champions-League-Teilnahmen finanzierte Stahl- und Glas-Palast ist Wengers Vermächtnis, wurde in gewisser Weise aber auch zu seinem Verhängnis: Der Umzug zwang dem Klub einen Sparkurs auf, der unglücklicherweise genau mit dem Aufstieg der Petrodollar-Teams vom FC Chelsea und Manchester City zusammenfiel.

Reaktionen zu Wengers Abschied

Wenger verkaufte dem Anhang die geschwundene Wettbewerbsfähigkeit zwar tapfer als moralisch-ideologisch fundierte Förderung des eigenen Nachwuchses, doch Arsenals Brillanz flackerte mit den Jahren immer unbeständiger auf.

Wengers Rivalen hatten zudem seine sportwissenschaftlichen Ideen längst kopiert, ähnlich gute Scouting-Kontakte auf dem Festland aufgebaut und dazu taktisch ausgereiftere Pläne ohne Ball. Und die Kopien waren bald besser als das Original, Wengers spielerzentrisches System stieß in Vergleichen mit Top-Teams aus dem In- und Ausland zunehmend an seine Grenzen. Ein Platz unter den ersten Vier wurde neben regelmäßigen Erfolgen im FA-Pokal, den er insgesamt sieben Mal gewann, so zum einzig realistischen Saisonziel.

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Nachdem sich Arsenal im vergangenen Jahr trotz Rekordinvestitionen in neue Spieler erstmals in Wengers Amtszeit nicht für die Königsklasse qualifizieren konnte, kippte die schwelende Unzufriedenheit im Verein in offene Animosität um. Viele Arsenal-Fans plädierten für eine Ablösung des Übervaters auf der Bank oder verzichteten aus Frust auf einen Stadionbesuch. In den Europa-League-Heimspielen blieben zuletzt Zehntausende von Plätzen leer; in der Liga spielte Arsenal derart uninspiriert, dass man Gefahr läuft, hinter Burnley auf Platz sieben zu landen. Burnley!

Wenger informierte am Freitagmorgen die Mannschaft mit den Worten "I have bad news for you" von seiner vorzeitigen Demission, sein Vertrag lief noch bis 2019. Die Nachricht vom freiwilligen Rückzug des einstigen Revolutionärs ist jedoch eine gute für den Klub. Fans und Spieler können sich ab sofort darauf konzentrieren, Wenger einen gebührenden Abschied zu bereiten, am allerbesten nach dem Gewinn der Europa League. Er geht ein paar Jahre zu spät, aber immer noch rechtzeitig genug, um den Frust an der Basis unverzüglich in Dankbarkeit und Nostalgie zu verwandeln.

Das Publikum im Emirates wird ihn beim letzten Heimspiel am 6. Mai als jenen Spitzentrainer feiern, der er in den ersten zehn Jahren seiner Amtszeit zweifelsohne war.



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ruswelt 20.04.2018
1. Arsene Wenger war...
... und ist eine Legende! Ein höflicher Trainer der alten Sorte ohne tamtam! Trainer wie er sind rar, die meisten bewegen sich auf und ab, gröllen, schreien. Arsene saß da und genoss.
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